Bildungsmäuschen
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amirabai

amirabai

Studierende der Bildungswissenschaft an der Fernuni Hagen

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Wie dieser Blog funktioniert

Dies ist vor allem ein persönlicher Lernblog zu den Themen des Untertitels. Die einzelnen Aspekte, mit denen ich mich beschäftige, sind dabei einerseits bunt durcheinander gemischt, andererseits ziehen sie sich über längere Zeiträume ineinander verwoben dahin. Gemeinsam ist ihnen, dass sie zum Titel des Blogs passen sollten. Er wurde von Beginn an als ein Ort genutzt, um für mich wichtige Auseinandersetzungen, Themen und Materialien im öffentlichen Raum präsentieren zu können. So ist der Blog Schicht für Schicht zu dem angewachsen was er mittlerweile ist.

Positionsbestimmung

Es hat ziemlich lange gedauert bis mir klar wurde, dass die für mich unverständlich geringe explizite Berücksichtigung von Emotionen in Bezug auf Bildung, mit der ich mich in meinem BiWi-Studium konfrontiert gesehen habe, auch im Zusammenhang mit der spezifischen Ausrichtung der FernUni Hagen steht. Der Zusammenhang von Emotionen und Bildung scheint hier im Studiengang BiWi keine gesondert zu behandelnde Rolle zu spielen.

In geringem Umfang bin ich bei der FernUni dagegen im Bereich der pädagogischen Ausrichtung der Psychologie fündig geworden. Ohne im Studiengang Psychologie eingeschrieben zu sein, habe ich zu den entsprechenden Kursen jedoch keinen Zugang. Alternativ habe ich mich jetzt entschlossen im nächsten Semester das für BiWis zugängliche Modul Entwicklungspsychologie noch zusätzlich zu belegen. In der Vergangenheit mussten von BiWis sowohl Module in Sozial- als auch Entwicklungspsychologie abgeschlossen werden, inzwischen ist die Wahl zwischen beiden vorgeschrieben, das andere braucht dann nicht belegt zu werden. Ein Studium an einer anderen Uni, an der der Bereich Emotionen und Bildung besser abgedeckt ist, kommt für mich allerdings weiterhin nicht in Frage.

Inzwischen ist es fast zwei Jahre her, dass ich mein letztes für einen offiziellen Abschluss relevantes Modul abgeschlossen hatte. Danach folgte ein gutes Jahr intensives Lesen zu Emotionen einschließlich einer Präsenzveranstaltung im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus. Im Sommer des letzten Jahres brachen dann alle Recherchen ab. Ich war überfüllt und von Komplexität überrannt. Zuletzt stand ich unter dem Eindruck mir auch noch umfangreichere Kenntnisse in Wirtschaftswissenschaft zulegen zu müssen, um die komplexen Wirkungen von Emotionen in Bildungskontexten umfangreicher erfassen zu können.

Als ich das Lesen weitgehend einstellte, reduzierte ich allerdings nur den neu hinzukommenden Input. Nachdenken, reflektieren, beobachten und analysieren gingen durchaus weiter, auch wenn innere Schutzmechanismen dafür sorgten, dass ich viel Zeit für Maßnahmen der Ablenkung und Schaffung von Distanz verwendete. Im Hintergrund gingen zusätzlich Umbauarbeiten vor sich.

Ursprünglich wollte ich aktuell meinen Vollzeitstatus als Studierende auf einen Teilzeitstatus verringern, da ich scheinbar kaum noch Zeit für das Studium verwende. Ich habe es dann überraschend für mich nicht getan und gemerkt, dass ich mich eigentlich weiterhin kontinuierlich mit Bildungsfragen beschäftigt fühle. Genaugenommen sind es sogar eher Rätsel als reine Fragen, die mich umtreiben. Die Beschäftigung erfolgt aber nicht vor allem durch Lesen und Schreiben, was sich für mich leicht als studieren einstufen lässt. Beobachten, reflektieren und gedanklich eine neue Ordnung erstellen fühlen sich nicht wie studieren an. Inzwischen bin ich aber geneigt sie als wichtigen Bestandteil anzuerkennen. Genauso wie Zeiten in denen man Abstand nimmt und dabei Komplexität reduziert. Das was rein geht muss nicht nur verarbeitet, sondern auch überprüft und in Verbindungen gebracht werden.

BiWi ist ein interdisziplinäres Studium. Das ist logisch, aber auch fies. Interdisziplinär bedeutet in einer Welt des stetigen Wachstums an Informationen auch Entgrenzung. Und Entgrenzung kann ins Uferlose führen. Ich gerate immer wieder an Klippen der völligen Überforderung. Und dann stehe ich da in einer Grenzenlosigkeit mit den angemessen unangenehmen Emotionen und stelle dabei weiterhin auch noch die Frage danach welche Rolle diese Erscheinungen in Bildungsprozessen nun grundsätzlich spielen. Ein für mich kaum zu bewältigendes Unterfangen.

Inzwischen kann ich meine kleinen Fluchten gut verstehen und nachsichtiger mit mir umgehen. Glücklicherweise hat mir die Beschäftigung mit den Emotionen inzwischen auch geholfen sinnvollere und bewusstere Strategien im Umgang mit ihnen zu entwickeln als ich vorher hatte und weiterhin daran zu arbeiten.

Parallel dazu stelle ich eine wachsende Befähigung für sachliche Analysen fest. Zwar hakt sich immer wieder mein Hang zu Aufgebrachtheit dazwischen, also zur Verstärkung von Erregungszuständen, die mit Emotionen verbunden sind, sowie die Erfahrung einer ganzen Reihe unangenehmer Emotionen, die angesichts von zu hoher Komplexität, Widersprüchlichkeit, aber auch in Bedrohungssituationen entstehen. Dazu kommt die Auswirkungen von Empathie, die fremdes Leid dem eigenen beifügt und dadurch zwar Leid verteilt, die Wahrnehmung seiner Existenz aber gleichzeitig verstärkt.

Nach wie vor bleibt es schwierig zu einem abschließenden Ergebnis zur Bedeutung von Emotionen in Bildungsprozessen und damit verbunden Strategien für den Umgang mit ihnen und ihre Einbeziehung zu kommen. Leider kann ich es bisher nicht aufgeben ein abschließendes Ergebnis zu wünschen, auch wenn ich inzwischen logische Erläuterungen dazu kenne, dass genau dies niemals möglich sein wird.

Zwischenzeitlich war ich gelegentlich geneigt mich mit für mich Unzureichendem zufrieden zu geben, nur um endlich, endlich dieses Thema loslassen zu können. Den letzten Schritt in diese Richtung habe ich aber nie getan.

Wie die weitere Entwicklung aussehen wird, ist momentan für mich nicht möglich einzuschätzen und ich vermute, auch dieser Blogeintrag wird nur ein weiteres Einzelstück bleiben, kein Aufbruch in eine abschließende Klärung oder auch nur der Start zu neuen Blogeinträgen in Bezug auf Emotionen und Bildung.

 

Unsicherheit und Orientierungslosigkeit

Es wurde dann doch kein Neustart. Der Rechner blieb weiterhin aus und nervt jetzt mit Updates und der Anwesenheit unerledigter Dingen, von denen ich mich umzingelt fühle. Wenigstens meldet das System keine Probleme erkannt zu haben und ausreichend sicher zu sein. Einen gewünschten Neustart verschiebe ich erst einmal, um meinen Elan zum Schreiben nicht zu beeinträchtigen. Die Tastatur klappert ungewohnt und ich erinnere mich aufpassen zu müssen, weil ein ä hier nicht über das a erreichbar ist. Das Smartphone wurde mein täglicher Begleiter, so wie auch Pokémon Go. Beides faszinierende Erfindungen, doch beides Bremsen beim Schreiben eines Blogs wie des meinen. (Die Tageszeit, die ich vorher für den Blog verwendet habe, habe ich die letzten drei Monate mit PoGo spielen verbracht.)

Der Sommer ist endgültig vorbei und das mit voller Härte. Meinen dicksten Winterpulli habe ich für das Sitzen am Rechner hervorgekramt, um gegen das dauerhafte deprimierende Empfinden von Nässe, Kälte und Dunkelheit anzugehen. In der lokalen Arena bin ich seit zwei Tagen durchgehend Arenaleiterin und nach 21 Stunden, wenn Münzen für besetzte Arenen eingefordert werden können, waren es heute Nacht erneut 4 Arenen, in denen sich noch Pokémon von mir aufhielten. Kein Grund in die Nacht oder den frühen Morgen hinauszugehen und dort die während der Ruhephase der Nacht kumulierten Gedanken mit mir selbst auszudiskutieren.

Das erste Mal seit langem habe ich auch mit jemandem sprechen könne, der im Stande ist meinen Gedankengängen und Problematiken zu folgen. Neben Wetter und PoGo-Situation jetzt ein wichtiger Motivator zum Schreiben. Es ist nur ein einziger Mensch notwendig, für den die eigenen Gedanken von Bedeutung sind, um einen Anlass zum Aufschreiben zu liefern. In meiner Kleinstadt bin ich in der letzten Zeit sehr in die Einsamkeit in Bezug auf weitergehende Bildungsthemen geraten, die FernUni ist in den letzten Monaten sehr, sehr fern, da ich von mir aus nicht aktiv wurde, und von meinen Netzkontakte kommt in der letzten Zeit wenig, das mich zu Äußerungen anregt. Ich bin draußen.

Es war ein langer Sommer, der mich verändert hat. Ich bin in meinen Gedankengängen sehr weit gegangen und sehe mich mit bisher unlösbaren Problematiken konfrontiert. Zuletzt bin ich auf Gemeinsamkeiten des Konstruktivismus mit hinduistisch-buddistischen Vorstellungen von der Welt als Illusion gestoßen. Wir sind nicht in der Lage die Wirklichkeit so wahrzunehmen wie sie ist. Wir sehen sie durch einen Schleier von Vorstellungen und Interpretationen. In Bezug auf Emotionen ist das nicht anders. Auch unsere Emotionen beziehen sich auf Mutmaßungen vom Zustand der Welt. Es kann daher als müßig eingeschätzt werden über richtig und falsch zu streiten und dabei auch noch heftige Erregungszustände zuzulassen.

So, jetzt nervt mich der Rechner damit, dass er meint neu starten zu müssen und lässt sich davon nicht abbringen. Daher erst einmal Pause.

Gruselige, häufige Neustarts kennt mein Smartphone nicht. Es drängt sich auch weniger in den Vordergrund, eröffnet dabei weniger Optionen und vereinnahmt mich weniger. Am Rechner verbringe ich mehr Zeit an einem Stück, das Smartphone wird außer bei PoGo eher nur kurzzeitig, dafür häufiger genutzt. Ist jetzt aber noch ein ganz anderes Thema. 

Zurück dazu sehr weit in gedanklichen Überlegungen zu gehen und der Frage nach der Orientierung, wenn Wirklichkeit nicht so erfasst werden kann wie sie ist, sondern davon ausgegangen werden muss, dass wir uns immer in Konstruktionen (oder Illusionen) befinden. Wobei dann noch das Paradoxon auftritt, dass etwas behauptet wird, das auf der Basis der eigenen Aussage ebenfalls eine Konstruktion darstellt. Sehr weird!

Halte ich aber zumindest fest, dass niemand recht und niemand unrecht hat, so bleibt trotzdem der Bedarf für eine Orientierung. Man kann einfach machen, von Tag zu Tag, irgendwie auf Funktionalität ausgerichtet, entkommt dabei der Frage nach der Orientierung aber nur scheinbar, denn im Hintergrund wirken Annahmen und Vorstellungen und die emotionale Besetzung von Kulturgütern, Praktiken, Machtverhältnissen.

Bevor ich mich zu PoGo und Star Trek zurückgezogen habe, war ich ausgepowert und erschöpft. Vom jahrelangen Studium, von einer endlosen Tretmühle an Arbeit ohne positive Perspektive, von überfordernder Komplexität. Zwei wichtige Sätze sind mir aus der Zeit noch in Erinnerung. „Ist das Bildung oder kann das weg?“ und „Ein gut dressiertes Äffchen ist noch lange nicht gebildet!“ Dazu kam ein wachsendes Interesse am Einfluss des Wirtschaftssystems auf die Vorstellungen von Bildung.

Sinnvolle Sicherungssysteme haben mich gestoppt, mich umgelenkt auf Einfaches, Überschaubares, Ablenkendes. Im Hintergrund wuselte die Bearbeitung aufgetretener Fragen jedoch weiter. Abgebremst wurde nur der Zufluss neuer Informationen. Und das war gut so.

Ich bin alt genug selbst erfahren zu haben, wie sich manche Vorstellungen von Bildung ändern während andere gleichzeitig erhalten bleiben. Dazu kommt eine Gesellschaft, die sich aus einer großen Spanne von Altersgruppen und kulturellen Milieus zusammensetzt. Es ist wichtig Vorstellungen zu hinterfragen. Von dem wie Emotionen eingeschätzt werden oder was unter Bildung verstanden wird. Es kann nicht automatisch von einer gemeinsamen Basis ausgegangen werden. Und wenn richtig und falsch irrelevant sind, woher kommt dann eine sinnvolle Orientierung?

Die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus bietet für mich immer wieder eine geeignete Grundlage für Erkenntnisprozesse. Eine andere Zielsetzung, eine andere Vorstellung vom Menschen führt dazu, dass das Erziehungs- und Bildungssystem diese anderen Menschen produziert. Richtig? Falsch? Für wen richtig, für wen falsch? Die Orientierung konstruiert und formt den Menschen. Formt was er unter Bildung versteht, wie er dazu steht. Formt was er unter Emotionen versteht und wie er damit umgeht. Weinen – nicht weinen. Betonung von Sport und Gehorsam – Betonung musischer Fächer und der Entfaltung von Kreativität. Respekt vor Technik und Naturwissenschaften – Entemotionalisierung von Technik und Naturwissenschaften. Kritikfähigkeit – Anpassung. Bewertungen, Zuordnungen, Annahmen, Mutmaßungen, Gepflogenheiten, Machtinteressen…

Was selbstverständlich erscheint ist es nicht. Vorstellungen von Emotionen nicht, Vorstellungen von Bildung nicht.

Als ich kurz in der Küche war, finde ich meinen Rechner kommentarlos ausgeschaltet und beim Hochfahren meldet er unvollständiges Herunterfahren. Ich beobachte welche Emotionen sich mit dem Zustand meines Rechners verbinden und versuche mich davon nicht beeindrucken zu lassen. Glücklicherweise gibt es automatische Speicherungssysteme…

Auf einer Basis von Unsicherheit und unvollständigen Informationen in Komplexität und fortwährenden Wandlungsprozessen zuverlässige Aussagen machen… kaum möglich. Ich hatte von diesem Problem gehört und gelesen. Es selbst zu erleben irritiert und befriedigt. Es macht weicher und toleranter. 

Im Hintergrund rauscht der Rechner bei seiner nicht endend wollenden Suche nach Updates, fördert dabei Ängste und lenkt zur Vorstellung von Bergen von anstehenden Problemen. Ablenkend und nicht entspannend!

Gleichzeitig fördern Unsicherheit und Orientierungslosigkeit die Frage nach dem Sinn aller Bemühungen. In diesem Augenblick habe ich den Verdacht damit Teilen des aktuellen Zeitgeistes nahe zu stehen. Von Tag zu Tag etwas am Funktionieren halten das zwar hinterfragt werden kann, doch es gibt kein Dort-soll-es-hingehen als Orientierung und Perspektive.

Mein üblicher Umfang eines Blogeintrags ist damit erreicht. Das Problem ist angerissen, aber nicht geklärt. Die Auseinandersetzung selbst bietet Input zum Weiterdenken. Ob und wann es ein Weiterschreiben geben wird, wird sich zeigen. 

Der Rechner sucht immer noch nach Updates…

Ich bin zufriedener und unglücklich…

Neustart?

Es gibt Blogschreibende, die kündigen zuvor an, dass sie eine Pause machen. Bei mir hat sich die Pause aus der Situation heraus ergeben. Zwei Monate, die mir wesentlich länger erscheinen.

Ich war völlig erschöpft. Jahrelang kein wirklicher Urlaub. Arbeiten in einer problematischen, belastenden Situation, Studium, Moocs, aufgeschobene Arbeiten zuhause, zu wenig körperliche Bewegung, zu viel Berührung mit gesellschaftlichen Problematiken. Es kommt schleichend. Zu Beginn der Ferien hatte ich mich ins Bett gelegt  und erst einmal geschlafen.

Danach habe ich begonnen Pokémon Go zu spielen. Die deutsche Version war kurz zuvor erschienen, es war die Zeit des Hypes und für mich wurde es ein wunderbarer Pokémon-Sommer. Der Rechner blieb aus, das Smartphone wurde endlich einmal mobil ausgereizt. Weite, tägliche Spaziergänge, Orte, die ich lange nicht besucht hatte, wunderschöne Landschaften, Pflanzen, Tiere, viele Eindrücke von Menschen, zufällige Treffen mit Bekannten, die ich lange nicht gesehen hatte, Architektur, materialisierte Sozialstruktur, und dabei die simplen, überschaubaren Anforderungen des Spiels als Zielsetzung und Rahmen.

Pokémon Go, um aus etwas heraus zu kommen und Abstand zu gewinnen. Dazu Herumhängen, Reduzierung von Verpflichtungen auf das Notwendigste, Kochen leckerer Gerichte und eine tägliche Dosis Star Trek als Eintauchen in eine spannende, aber unproblematische Welt der Fantasie.

Es ist vorbei. Drei Wochen Schule, beginnender Herbst und graues Wetter und es ist vorbei. Drei Wochen konnte ich mich noch daran klammern, wollte das Sommergefühl, die tiefe Entspannung nicht loslassen, doch ein Alltag voller Problematiken schleicht sich an allen Ecken und Enden wieder ein. Ich kann das was war nicht bewahren. Der Traum einer besseren Welt voller Glück beginnt zu verblassen.

Bei der Rückkehr von der morgendlichen Pokémonjagd begegnen mir Schülerzombies. Schüler auf dem Weg zur Schule, viel zu früh auf die Straße gerissen, in ihre Jacken versunken, noch nicht ansprechbar. Schritt vor Schritt setzend, um voran zu kommen, mit Gesichtern voller Unglück. Auf dem Schulhof erklärt mir eine Erstklässlerin (!) stolz, dass sie ihre Hausaufgaben gut macht und daher nicht auf die X-Schule (Förderstufe, Hauptschule, Realschlule) gehen muss, sondern gleich aufs Gymnasium gehen kann. Vor Ort gibt es neben einer reinen Förderschule nur diese Alternativen.

In Zeitlupe zersplittert die Illusion wie das Glas eines Spiegels und dahinter tritt eine Realität wieder klar hervor, vor deren Anforderungen ich Ruhe brauchte. Vor Tagen schon ging mir Adornos Satz durch den Kopf, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Aber so richtig trifft dies das Problem nicht. Es geht nicht um das richtige Leben, sondern um das Verstehen, die Aufdeckung, die Erkenntnis, dass alles ganz anders ist als die Interpretationen oder in anderen Worten, gängigen Konstruktionen von Wirklichkeit, die allerdings zu Manifestationen führen, die diese konstruierte Wirklichkeit zu bestätigen scheinen. So wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen bzw. der Pygmalioneffekt.

Mit einem Sprung, allerdings deutlichen Spuren von Erholung, bin ich damit auch wieder bei meinem Thema, wie das Ganze, die Vorstellungen davon wie die Wirklichkeit aussieht, auch durch Emotionen untermauert wird und wie wichtig es daher ist die Ebene der Emotionen im Augen zu behalten. Denn wenn man nicht bedenkt, dass die Emotionen, die mit etwas verbunden sind, durchaus erlernt werden, wenn man die Informationen aus Emotionen so nimmt wie sie auf den ersten Blick erscheinen, wenn man daran glaubt, dass das was sich richtig anfühlt zwangsläufig auch richtig sein muss und wenn man solches Wissen in Situationen noch nicht unmittelbar anwenden kann, dann ist noch viel Raum für eine auf Emotionen bezogene Bildung.

Es ist nicht einfach sich mit Emotionen zu beschäftigen, vor allem dann nicht, wenn es sich um unangenehme handelt. Es ist anstrengend. Es hat etwas von Ungreifbarkeit. Es birgt viele Gefahren. Es kann einfacher erscheinen Emotionen zu vermeiden.

Eine Auseinandersetzung mit Bildung sollte eine bewusste Auseinandersetzung mit Emotionen jedoch nicht vermeiden. Emotionen sind ein untrennbarer Teil des menschlichen Erlebens. Bildung bezieht sich auf Menschen. Menschen bilden sich und werden gebildet. Ganze, komplette Menschen.

Ich kehre zurück zur Erstklässlerin, die gelernt hat, dass es verschiedene Arten von Schulen gibt. Eine für die guten, eine für die nicht so guten Schüler. Sie hat auch bereits Maßstäbe für gut und schlecht gelernt. Wer seine Hausaufgaben gut macht (wobei sie selbstverständlich auch noch lernt was genau gut in diesem Rahmen eigentlich bedeutet), ist ein guter Schüler.

Interessant ist in dem Zusammenhang auch das, womit ich mich kurz vor meiner Sommerpause beschäftigt habe. Die Zunahme von depressiven Erschöpfungszuständen (Burn-out) bei vor allem weiblichen Kindern und Jugendlichen [1], die alles gut und zur Zufriedenheit der Erwachsenen machen wollen. Nett, geduldig, fügsam – und zu ihrem eigenen Schaden, wenn eine wachstumsorientierte Leistungsgesellschaft ihnen nicht gleichzeitig vermittelt zu erkennen, dass es Grenzen gibt und wo sich ihre eigenen Grenzen befinden. Und diese Befähigung hat viel mit der Fähigkeit zur Eigenwahrnehmung und Eigenverständnis zu tun. Und diese sehr viel mit der Wahrnehmung und dem Verständnis eigener und fremder Emotionen.

Parallel zur Einschätzung von Hausaufgaben und dem Zusammenhang mit eigenen Chancen wurde bereits gelernt ganze Schulformen und deren Schüler abzuwerten. In meinen Augen ist das Diskriminierung. Besonders fatal in Zeiten, in denen von Seiten des Handwerks großflächige, gut gemachte Werbeaktionen gestartet wurden, um mehr Schüler für eine Ausbildung im handwerklichen Bereich zu gewinnen, während die Hochschulen zunehmend voller geworden sind. Diese Lerninhalte werden dabei mit Emotionen verbunden dauerhaft abgespeichert und von den Kindern, wenn sie selbst Eltern sind, erneut reproduziert. So setzt sich eine Kette ohne erkennbares Ende fort. Auf diese Art und Weise reproduzieren sich gesellschaftliche Strukturen. Im Guten wie im Schlechten.

Meine Sommerpause ist offensichtlich zu Ende. Die Probleme, denen ich mich eine Weile in sommerlichen Parks und Kleinstädten entziehen konnte, haben ihre Häupter wieder erhoben. Und mit ihnen die Problematik der emotionalen Absicherung von angenommener Wirklichkeit, die ohne eine bewusste Bearbeitung wirkt und wirkt und wirkt.

Denn das, was sich richtig anfühlt, das muss dann doch auch richtig sein. Oder?

 

Referenz:

[1] Schulte-Markworth, M. (2015). Burnout-Kids. München: Pattloch.

Auf dem Weg zur Mündigkeit im Umgang mit Emotionen

Mein letzter Blogeintrag liegt im Verhältnis zu der Frequenz, die ich in der Vergangenheit hatte, sehr weit zurück. Ich habe seither viel gelesen, Krisen durchlaufen und abgehangen, mich etwas stärker mit Wirtschafts- und Gesellschaftssystem beschäftigt, ziemlich häufig Facebook vom Smartphone aus besucht und dann noch einmal einen Stapel Bücher aus der UniBib besorgt. Mein Puzzle zur Bedeutung von Emotionen für den Bereich der Bildung scheint inzwischen kaum noch Lücken zu haben.

Ich weiß den Grund dafür nicht, warum ich plötzlich ein Interesse an Paulo Freire entwickelt habe, es ist auch nicht so, dass mir das bei dem Thema Emotionen selbst weiterhilft, trotzdem liefert mir eine kleine Einführung zu ihm von Susanne Jacob sehr wertvolle Gedankenanregungen. Der Titel ihres Buches lautet Bildung als Bewusstwerdung und genau das, die Bewusstwerdung, ist mein Anliegen in Bezug auf Emotionen.

Seit Monaten versuche ich immer wieder in einen Dialog darüber zu treten, das von ihr für Freire beschriebene bedeutsame Prinzip von Lernen und Lehren. Insgesamt habe ich dabei allerdings den Eindruck mich kaum verständlich machen zu können. Dagegen hat sich meine eigene Perspektivenänderung für mich in der Praxis bewährt. Die Berücksichtigung und Beobachtung von Emotionen in einem neuen Kontext verhilft mir als der Person, die ich geworden bin, endlich zu einem vollständigeren Bild von Vorgängen. Dadurch kann ich ein wesentlich entspannteres Leben führen, Zusammenhänge und Praktiken werden besser erkennbar, ich renne dadurch weniger gegen Dinge an, die nicht änderbar sind, und kann mich mehr auf diejenigen konzentrieren, die im Bereich meiner Einflussmöglichkeiten liegen. Was dabei aber den Unterschied im Bewusstsein ausmacht, kann ich meist nicht vermitteln. Es erfordert zu viel Kontext, außerdem handelt es sich dabei um eine Form der Wahrnehmung, die in einem einzigen Moment hohe Komplexität in Einwirkungen und Bezügen erfasst und auf umfangreichem Wissen und Erfahrungen beruht.

Interessant ist Freire in dem Zusammenhang, da es auch ihm um eine Änderung des Bewusstseins zu gehen scheint, die zu anderen Handlungsmöglichkeiten führt. Dabei geht die Änderung von der unmittelbaren Lebenswelt des Lernenden aus. Freire mag nicht in Erwägung gezogen haben, dass sich eine Person auf die Bedeutung von Emotionen konzentriert, um für sich selbst einen Prozess der Befreiung anzustoßen, doch dem Prinzip der Bewusstwerdung ist es egal was hinterfragt, analysiert und vertieft wird. Interessant ist dabei, dass nach Jacob (2008, S.65) Freire davon ausgeht, dass nur der Bewusstseinswandel gelungen ist, der zu einem praktischen Handeln führt, das eine Veränderung der Wirklichkeit herbeiführt.

Genau damit habe ich mich die letzten Monate ebenfalls beschäftigt. Die Auseinandersetzung mit den Emotionen soll etwas verändern. Mein subjektiver Eindruck ist dabei durchaus, dass das geschieht. Belegen kann ich es schlecht, der Unterschied ist nicht spektakulär, auch da ich keine grundsätzlichen Änderungen in meiner Lebensführung und meinen Arbeitsbedingungen vorgenommen habe. Der Unterschied ist aber durchaus in Kleinigkeiten beobachtbar.

Bedeutender erscheint es mir momentan sowieso zu entdecken, dass ich von sehr vielen impliziten Annahmen zu Lernen, Bildung oder Menschenbild aus operiere, die sich meiner bewussten Kenntnis entziehen. Im Verlauf meines Lebens haben viel Einflüsse auf mich eingewirkt, aus denen selbstverständlich erscheinende Praktiken hervorgegangen sind, für die es gar keinen Anlass der Reflexion mehr gibt. Es gilt dabei letztlich das gleiche Prinzip, das mir bereits im Umgang mit den Emotionen aufgefallen ist.

Das Buch zur Pädagogik Freires öffnet ein Fenster auf die Existenz von im Hintergrund wirkenden pädagogischen Konzepten, die aber eben gar nicht bewusst sein müssen. Solange alle von etwa den gleichen Annahmen ausgehen, muss das auch gar nicht auffällig werden. Und auch wenn es auffällig wird, muss der Grund für unterschiedliche Praktiken und unterschiedliche Herangehensweisen im pädagogischen und Bildungsbereich nicht in unterschiedlichen Annahmen in Bezug auf Lernen, Bildung oder Menschenbild identifiziert werden.

Es kann zu Streit, Vorhaltungen, Anschuldigungen, Vorwürfen und übler Nachrede kommen oder zur Durchsetzung von Machtpositionen, ohne dass der eigentliche Grund, die sehr unterschiedlichen, nicht bewussten Annahmen im Hintergrund erkannt werden. Das ist das faszinierende an dem was als Potential im Menschen angelegt ist. Niemand läuft mit einer Liste von Dingen herum, auf denen alle Vorannahmen deutlich lesbar gelistet sind. Scheinen Menschen noch dazu dem eigenen Kulturkreis anzugehören, wird noch eher angenommen, dass die Vorannahmen des anderen mit den eigenen identisch sind.

Da hilft nur der Dialog, würde ich von Freire inspiriert jetzt sagen. Für diesen muss es dabei allerdings Grundregeln geben, so dass er für alle Seiten zu einem Erkenntnisgewinn führen kann. Grundlagen dieses Dialogs sind für Freire laut Jacob (2008, S.72)

  • Liebe zur Welt und zu den Menschen
  • Demut
  • Glaube an den Menschen
  • Vertrauen
  • Kritisches Bewusstsein

Ein Dialog zwischen denjenigen, die enthüllen und denjenigen, die das nicht wollen oder das Recht auf freie Rede verweigern, ist dabei nicht möglich. Nur in einem wahren Dialog liegt die Möglichkeit zur Erkenntnis (Jacob, 2008, S.73).

Alles schon gewusst und dennoch nicht gewusst, dass jemand das Ganze in den Zusammenhang mit einem pädagogischen Konzept gestellt hat. Wie mit den Emotionen. Alles schon gewusst, doch keine Zusammenhänge gesehen und keine Hintergründe, damit an Bewusstheit, einem bewussten Umgang und den darin liegenden Chancen vorbei gerannt. In Emotionen verstrickt, in unreflektierten Annahmen darüber was sie sind und wie mit ihnen umgegangen werden soll, von Emotionen ausgehend, spürend, reagierend, aber nicht durch Bewusstheit ihrer Gewordenheit, Geprägtheit und Einbettung zum agierenden Subjekt geworden, das sein Handeln selbst bestimmen kann. Ohne Benennung, ohne Worte, ohne ordnende Strukturen ausgeliefert.

Jacob (2008, S.59f) beschreibt drei von Freire entworfene Bewusstseinsstufen.

  1. Intransitiv-magisch
  2. Transitiv-naiv
  3. Kritisch-transitiv

Kurze Stichworte dazu:

  1. Keine Wahrnehmung von Kausalität, keine Beherrschung, keine Möglichkeit der Distanzierung von sich selbst oder der Welt, unbewusst, unreflektiert
  2. Distanzierung, Objektivierung der Welt, Erfassung von Kausalität, keine kritische Analyse
  3. Vertieftes Problemverständnis, hinterfragen, analysieren, die Wahrnehmung und das Begreifen von Herausforderungen, die Bewusstheit von Handlungsalternativen, Handeln

Bewusstwerdung erfolgt über die Bewegung von einer Stufe zur nächsten.

Mündigkeit geht auch in Bezug auf den Umgang mit Emotionen.

Referenz:

Jacob, S. (2008). Bildung als Bewusstwerdung. Die Pädagogik Paulo Freires. Oldenburg: Paulo Freire Verlag.

Zum Umgang mit Emotionen in gesellschaftlichen Teilbereichen

15 Tage sind seit meinem letzten Blogeintrag vergangen, Danke an die Statistik, und es sind fast so viele Tage, dass mein Rechner nicht in Betrieb war. Er startet erst einmal damit jeden Seitenaufruf durch das Herunterladen von Updates zu verlangsamen und die Tastatur klappert ungewohnt. Das Wetter hat sich wieder abgekühlt, über den Brexit wurde inzwischen abgestimmt, ich weiß jetzt mehr über Kapitalismus, Finanzkapital, Neoliberalismus, affektives Kapital und Gefühle im Kapitalismus, habe einen gewissen, dabei entstandenen Horror noch nicht so ganz überwunden, finde mein erstelltes System zu dem was im Bereich Bildung in Bezug auf Emotionen untersucht werden sollte aber weiterhin sinnvoll.

Im Zusammenhang mit dem Brexit wurden Emotionen sehr ausgiebig erwähnt. Ebenso die Verantwortlichkeit von Politikern und Medien für die durch sie erzeugten Emotionen, weiterhin wurde sogar über die mögliche Rationalität von Emotionen der Wähler gesprochen. Dabei durfte mit intensivem Emotionsausdruck und Heftigkeit argumentiert werden, ohne dass die Sachlichkeit auf der Strecke geblieben ist. In Bezug auf die Entwicklung der Beachtung und Einbeziehung von Emotionen bin ich in diesem Bereich hochzufrieden. Auf den Bereich der Bildung bezogen allerdings nicht.

Und da ist sie auch schon wieder, die Motivation durch Unzufriedenheit, durch den Eindruck des Mangels, die Beunruhigung. Der Anlass, der weiter suchen lässt. Es ist immer möglich dass es an der Auswahl an Informationen aus der Fülle des Verfügbaren liegen, dass ich den Eindruck habe, eine implizite Einbeziehung von Emotionen im Bildungsbereich ist Mangelware.

Die letzten Wochen waren von Smartphonenutzung und sozialen Netzwerken bestimmt, in bildungswissenschaftlich ausgerichteten Diskussionssträngen habe ich versucht zu erklären was mich an Emotionen überhaupt interessiert, ich konnte beobachten wie Emotionen als Motivatoren bei Erklärungen zu Noten und Ausbildungswahl in Diskussionen ausgespart wurden und wie Emotionen und Vernunft weiterhin als Gegensatzpaare konstruiert wurden. Die Vernunft hat dabei die Emotionen zu überwinden.

Ich sitze mit den von mir betreuten Kindern und beobachte wie die Emotionen wirken, wie auf sie eingewirkt wird, wie sie lernen Emotionen mit den Wahrnehmungen der Welt zu verbinden, wie sie ihre Enttäuschung ausleben und verringern, wie sie ihre Emotionen ausdrücken und wie ich darauf reagiere. Wie ich nach Emotionen Ausschau halte, um Vorgänge zu steuern und zu lenken, wie ich meine eigenen Emotionen kontrolliere, wie es mir in Stresssituationen nicht mehr gelingt, wie ich aufgestaute Emotionen zu einem späteren Zeitpunkt und womit abbaue. Wie mich angenehme Emotionen motivieren, wie mich unangenehme demotivieren, wie Emotionen Entscheidungen und Handlungen beeinflussen, wie im Privaten Emotionen thematisiert werden und in Konfliktsituationen verborgen werden. Rationale Entscheidungen. Hah!

Es gibt einen Bonbon und plötzlich wird das Aufräumen interessant mit dem Effekt, dass für jedes Entgegenkommen eine Belohnung erwartet wird. Außerdem werden Bonbons emotional positiv getaggt. Noten, Hausaufgaben, Abschlüsse, Positionen, alles emotional getaggt. Emotionen lenken auf dem Weg der Entscheidungen. Emotionsregulierungen sind Alltag, Emotionen werden strategisch gezeigt und verborgen, emotionale Belastungen stellen Hindernisse und Blockaden dar, angenehme und überwundene unangenehme Emotionen indizieren was aufgesucht, unangenehme was vermieden werden sollte.

Alles Alltag, ganz normal, nichts Besonderes, was mich daran irritiert ist die mangelnde Thematisierung. Menschen drücken selbst heftige Emotionen aus, schriftlich, in Foren, das geht, entlasten sich, stabilisieren sich, dann machen sie weiter ohne Emotionen selbst zum Thema zu machen.

Es scheint mir, dass die Trennung öffentlich/privat nach wie vor besteht. Wo und wie redet man über den Anteil, den Emotionen haben? Wo wird analysiert, dass es bei unterschiedlichen Beziehungen und Gruppen fördernden Maßnahme um die Emotionen geht, die in den beteiligten Menschen ausgelöst werden? Weil sie dann beispielsweise besser gemeinsam lernen und sich unterstützen können.

Das was Menschen fühlen, die Emotionen, die in ihnen auftreten, hat einen sehr eigenartigen Wert. Und der Umgang mit ihnen ist ebenfalls sehr eigenartig. Völlig inkonsistent. Zum momentanen Zeitpunkt kann ich mir das nur durch einen Mangel an Reflexion erklären. Oder durch Veränderungsprozesse in der Einbeziehung von Emotionen. So was wie: alles ist im Fluss und ändert sich und dann passt vieles nicht mehr zusammen. Der Bildungsbereich selbst scheint dabei eine sehr spezifische Art der Einschätzung und des Umgangs mit Emotionen zu haben. Lenken, kontrollieren, ausrichten, bestimmte Emotionen fördern, andere vermeiden, Freiräume für einen Ausgleich frei halten. Oder auch mit einer bestimmten Art von Vorbildung arbeiten.

Da das noch neue Überlegungen sind, werde ich an dieser Stelle abbrechen.

Unterschiedlicher Umgang mit Emotionen

Das wohin mich meine Recherchen geführt haben, kann man am ehesten mit dem Erleben der emotionalen Konstruktion von Wirklichkeit beschreiben. Für andere Menschen mag das anders sein, für mich ist es ausgesprochen faszinierend zu beobachten, wie Entscheidungen getroffen werden und Handeln geschieht, weil Personen, Dinge und Situationen eine positive oder negative Bewertung durch Emotionen erhalten oder bedeutungslos sind, während das den involvierten Personen zur gleichen Zeit aber nicht bewusst ist, weil sie nicht darauf achten, sondern in alltäglicher Selbstverständlichkeit handeln. Mich selbst muss ich dabei einschließen, auch wenn es mir öfter als früher gelingt entsprechende Abläufe unmittelbar bei mir zu beobachten.

Ich bewege mich dabei durch sich fortwährend ändernde Räume und hangele mich von Anregung zu Anregung. Was ist eigentlich Kapitalismus und wie beeinflusst er Emotionen? Und wie wirkt sich das auf und im Bildungssystem aus? Was für Menschen entwickeln sich dabei und werden entwickelt? Und wie sehen die emotionalen Wirklichkeiten von Menschen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen aus? Wie fühlen sie sich? Welche Emotionen treten verstärkt und als typische auf?

Menschen sind zwangsläufig gesellschaftliche Wesen. Kein Kind wird sich ohne andere Menschen zu einem Menschen entwickeln. Diese anderen Menschen erklären und vermitteln dem Kind die Welt, das sich auf diesem Hintergrund seine eigene Konstruktion bastelt.

Der Prozess hört aber nicht auf und geht im Verlauf des Lebens weiter. In Berlin wird an verschiedenen Orten zu Emotionen geforscht, am Adlershof wurde eine Methode zur Messung von Emotionen entwickelt. Ihre nachprüfbare Messung ist eine der großen Problematiken bei der Untersuchung von Emotionen. Gemessen werden hier anscheinend anhand von Muskelbewegungen positive und negative Ausrichtung von Emotionen, sowie die Erregungsstärke. Damit lässt sich im Labor schon eine Menge anfangen, genutzt wird es momentan zur Überprüfung der emotionalen Wirkung von Werbung und Produktgestaltung. Wahrscheinlich kommen die Gelder zur Finanzierung der Forschung aus diesem Bereich. Neu geplant ist der Einsatz bei psychischen Problemen zur besseren Kontrolle von Emotionen.

Ich beschäftige mich mit dem was tagtäglich auf mich einströmt und suche meine Beispiele darin aus, eine Systematik hat das Ganze nicht, nur einen gemeinsamen Schwerpunkt. Dabei ist in der letzten Zeit bei mir der Eindruck entstanden, dass die Haltung zu Emotionen in unterschiedlichen Teilbereichen der Gesellschaft durchaus sehr unterschiedlich ist. Bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kapitalismus, mit der Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse, mit der Idee des BGE oder den Überlegungen zu einer Abstiegsgesellschaft wurde sichtbar, dass in den Bereichen Wirtschaft und Politik Emotionen eine ganz andere Bedeutung haben und Rolle spielen als im Kontext von Bildung.

Spätestens die Prospect Theorie von Kahneman und Tversky liefert Hinweise darauf, dass Emotionen im Bereich der Wirtschaft für Entscheidungen eine bedeutende Rolle als Motivatoren spielen. Werbung setzt bei der Imagepflege von Produkten ganz eindeutig und zunehmend auf ein emotionales Tagging. Produkte sollen eine positive emotionale Bewertung erhalten. Ziele sind dabei Abgrenzung zu anderen Produkten, die Wahrnehmung von Hochwertigkeit oder Besonderheit, Kundenbindung. Aber auch Finanzentscheidungen sind mit Emotionen verbunden. Etliche Male in meinem Leben war ich damit konfrontiert, dass versucht wurde mir die Ablehnung von Finanzprodukten als Rückständigkeit zu verkaufen. Und rückständig will man ja nicht sein, oder? Das ist doch beschämend. Und Geld muss man arbeiten lassen, das darf nicht herumliegen. Und es muss eine möglichst hohe Rendite bringen. Dann kommen wiederum die daher, die danach fragen, wie denn die Rendite entsteht. Und diejenigen, die bei bestimmten Entscheidungen Vorwürfe machen und Schuldgefühle auslösen. Wegen ethischer und sozialer Überlegungen.

Alles mit unterschiedlichen Emotionen verbunden.

In der Politik ist es noch spannender. Es gibt Talkshows deren primäre Absicht es zu sein scheint Vertreter unterschiedliche Gruppierungen aufeinander loszulassen, um sich dann anschauen zu können wie die Emotionen hochkochen und Argumente nicht mehr zu einer Klärung genutzt werden, sondern nur noch um für die eigene Position einen Gewinn zu erringen. Am Schluss glättet der Moderator oder die Moderatorin wieder die Wogen und nichts ist geschehen. Emotionale Spektakel sind fester Bestandteil politischer Auseinandersetzung, politische Gegner werden geschämt und blamiert, aufgebrachte Wähler abgewiegelt, kaltgestellt oder wenn es gar nicht mehr anderes geht mit kleinen Zugeständnissen vorerst abgefunden.

Ein Bereich voll mit Emotionen.

Wenn ich dann in den Bildungsbereich gucke, erscheint ein wiederum anderes Bild. Immer wieder kommt es von außerhalb zu Unmut über bestimmte Vorgänge im System, aber innerhalb des Bereichs der Bildung scheint es vor allem darum zu gehen positive Emotionen zu erzeugen und störende fern zu halten. Nicht dass das gelingt. Es scheint aber das Ziel. Die Herstellung eines neutralen bis leicht positiven Zustands der Emotionen auf niedrigem Erregungsniveau als idealer Zustand um Wissen zu vermitteln. Keine schreiende, brüllende Klasse von Schülern in Erregungszuständen, keine emotionalen Ausraster, keine Beleidigungen, Anfeindungen und gegenseitigen Angriffe in Diskussionen. Die Produkte werden dabei mit einem Bewertungssystem versehen, Grundlage für vielfältige positive und negative Emotionen.

Emotionsregeln für Emotionsregulierung und Ausdruck von Emotionen sind für den Bildungsbereich grundlegend und eingebetteter Bestandteil des Bildungsprogramms. Ist die Wahrnehmungsfähigkeit und Befähigung zur Umsetzung noch nicht durch Sozialisation und Erziehung vorgebildet, kann versucht werden in speziellen begleitenden Programmen oder auch extern in einem therapeutischen Rahmen nachzubilden. Im Erwachsenenbereich finden sich dann Lernangebote im Weiterbildungsbereich zur Persönlichkeitsentwicklung, der Entwicklung sozialer und emotionaler Kompetenzen, oder auch wie momentan bei meinem Arbeitgeber der Gesundheitsvorsorge durch Psychotechniken, deren Verwendung auf Verbesserung und Entlastung im Arbeitsleben ausgerichtet ist.

Generell nehme ich für den Bildungsbereich die Auswirkung der Haltung der Vergangenheit zu Emotionen als Gegenpol zu Denken und Rationalität wahr, die daher vor allem zu zähmen sind, als auch die Auswirkungen von Vorstellungen, dass sich Wissen in Lernende einflößen lässt und 1:1 übertragen werden kann, wenn denn die Lernenden nur in einen Zustand größter Aufnahmefähigkeit versetzt werden können. Emotionen werden dabei in vielen Ausformungen als störend eingestuft. Daher werden für den zulässigen Ausdruck Regeln erstellt, was allerdings kein in seiner Bedeutung bewusster Akt sein muss.

Diese Regeln können sowohl für Lernende als auch Lehrende starke Belastungen zur Folge haben, die eine anschließende Kompensation erfordern. Ich habe jahrelang mit den Kindern zu tun gehabt, die aus der Schule auf den Schulhof stürmten und erst einmal übereinander herfielen, bis sich nach einer Explosion von etlichen Minuten oft nur durch einschreitendes Ordnen die Situation wieder entspannte und für alle leidlich erträglich wurde, ohne dass ich verstanden hätte, womit ich da eigentlich konfrontiert bin. Ebenso habe ich jahrelang viele Stunden nach der Arbeit damit verbracht emotionale Belastungen zu kompensieren, ebenfalls ohne zu verstehen, womit ich da eigentlich konfrontiert war.

Durch die Auseinandersetzung damit was Emotionen sind und welche Bedeutung sie haben, habe ich meine Möglichkeiten für Strategien beim Umgang mit ihnen erweitert. Am bedeutsamsten ist dabei unmittelbare Achtsamkeit gepaart mit einem erweiterten Verständnis und der Möglichkeit in Distanz zu gehen, ohne dabei Emotionen an sich zu verändern. Problematisch ist die Tendenz gewohnheitsmäßig Emotionen abzuwehren, sie umzuinterpretieren oder zu versuchen sie zu verändern. Hohe Anforderungen an die Regulierung von Emotionen und ihres Ausdrucks verlangen einen hohen Preis, der sich in dieser Tendenz verfestigt, der aber als Folge zu Entfremdung von den tatsächlichen Emotionen führt. Daraus kann sich ein kontinuierlicher Zustand der Anspannung ergeben, der auch an den involvierten Personen in unterschiedlichen Formen sichtbar in Erscheinung treten kann.

Was ich zu Beginn meiner Recherchen noch nicht beabsichtigt hatte und was mir zwischendurch wegen der vielfältigen, kaum überschaubaren Erscheinungen gar nicht bestimmbar erschien, beginnt sich inzwischen zunehmend zu entwickeln. Es sind Orientierungen für eine sinnvolle Berücksichtigung der Bedeutsamkeit von Emotionen in Bildungskontexten. Letztendlich lässt sich der ganze Bereich der Emotionen in seiner Bedeutung für den Bereich der Bildung sinnvoll auf wenige Elemente reduzieren.

Meine nächste Aufgabe wird es sein, dafür eine nachvollziehbare Systematik zu entwickeln. Diese soll im Alltag auch ohne große Probleme unmittelbar anwendbar sein. Zum momentanen Zeitpunkt bin ich mit dem Ergebnis meiner Recherchen hochzufrieden. Zwischendurch hatte ich allerdings große Zweifel daran, dass mir das je gelingen könnte, und ich dachte, ich würde für immer in einer undurchschaubaren Komplexität gefangen bleiben. Es kann natürlich passieren, dass jetzt wieder bedeutsame, noch zu klärende Fragen auftauchen, meine Zufriedenheit scheint mir nach den Erfahrungen mit mir selbst aber ein deutlicher Hinweis darauf, dass keine wirklich wichtigen Fragen ausstehen. Ein letztes Puzzlesteinchen hat mir dabei das im letzten Blogbeitrag beschriebene Fundstück geliefert.

Emotionen als erster Hinweis

Eigentlich gibt es noch einen weiteren Blogbeitrag abzuschließen, doch ein neues Fundstück erfordert eine genauere Beschäftigung bevor es wieder in den Weiten der Informationsfülle verschwindet.

In dem Buch Der neue Geist des Kapitalismus liefern Boltanski und Chiapello Argumente dafür, warum die Kapitalismuskritik für den Kapitalismus von großer Bedeutung ist.

„Aus einem umgestalteten Kapitalismus erwachsen nämlich neue Probleme, neue Ungleichheiten, neue Ungerechtigkeiten, nicht etwa, weil die Ungerechtigkeit ursächlich in seiner Natur läge, sondern weil die Frage nach der Gerechtigkeit in dem Rahmen, in der er sich entfaltet, schlicht irrelevant ist – die Kapitalakkumulationsnorm ist an sich amoralisch -; es sei denn die Kritik zwingt ihn dazu, sich zu rechtfertigen und sich selbst zu kontrollieren.“ (Boltanski & Chiapello, 2003, S. 78)

Diese Argumentation allein versetzt mich bereits in eine positive Stimmung. Kritik eingestuft als wichtiges Element, um etwas zu formen und zu verbessern, ist genau das was für mich bedeutungsvoll ist, die positive Bewertung einer solchen Kritik, wenn sie sich auf den Kapitalismus bezieht, setzt dem Ganzen noch ein Sahnehäubchen auf. Ich mag sehr vieles am Geist des Kapitalismus so überhaupt nicht. Das ist aber in Ordnung, erfahre ich hier, es ist daher nicht notwendig, dass ich meine Haltung an sich rechtfertigen, ich erhalte sogar eine aufwertende Anerkennung für ein Bemühen um Kritik und kann mich daher entspannt den für mich wichtigen Fragen zuwenden.

Und das bleiben nun einmal die Emotionen, ihre Position im Zusammenspiel des menschlichen Zugangs zur Welt und der Umgang mit ihnen. Genau dazu liefern mich jetzt Boltanski und Chiapello ungewollt (2003, S.79f.) eine sehr nützliches Modell.

„Deswegen existieren bei der Versprachlichung einer Kritik zwei Ebenen: eine ursprüngliche Ebene, das Gefilde der nie ganz verstummenden Emotionen, die immer dann hochschlagen, wenn sich eine neue, empörende Situation ergibt, sowie eine zweite, theoretisch-argumentative Reflexionsebene, durch die eine ideologische Auseinandersetzung überhaupt erst möglich ist. Diese setzt zudem eine Konzept- und Deutungsressource voraus, auf deren Grundlage historische Situationen, die der Kritik unterzogen werden sollen, mit universalisierungsfähigen Werten in Zusammenhang gebracht werden können.“

Nach genau so etwas habe ich gesucht. In dieser Beschreibung erfahren Emotionen eine hohe Bedeutung als Ausdruck von u.a. moralischen Bewertungssystemen. Emotionen liefern in dieser Darstellung einen ersten Hinweis darauf, dass etwas problematisch ist und darauf als wie bedeutsam dieses Problem wahrgenommen wird. Erst danach kommt das was üblicherweise als Denken bezeichnet wird. Zusätzlich wird in dieser Einschätzung von Emotionen ihre andauernde Anwesenheit beachtet.

Emotionen allein reichen nicht, Denken allein aber ebenfalls nicht. Die Emotionen liefern dem Denken den Hinweis auf das, worüber in welcher Weise reflektiert werden kann. Hier ist es eine ideologische Auseinandersetzung, die Theorie mit Hinweisen aus Emotionen vergleicht und dann zu Argumenten führt. Zwingend notwendig ist dafür eine Basis an Wissen, die Deutung ermöglicht und zu Konzepten führen kann, hier in Verbindung mit dem Messinstrument universalisierungsfähiger Werte.

Emotionen stellen schnelle Bewertungssysteme dar, sie sind heuristisch verwendbar. Emotionen selbst sind aber keine Argumente, noch liefern sie selbst Argumente. Durch ihre Bewertungsfunktion ermöglichen sie allerdings eine Orientierung. Bei der Auswahl schwer vergleichbarer und ungewisser Möglichkeiten können sie den entscheidenden Ausschlag liefern.

Entscheidend dafür ist es, dass sie überhaupt wahrgenommen werden und dass sie in einer Form wahrgenommen werden können, die noch wenigen Manipulationen ausgesetzt war, wie an gewünschte Emotionen angepasst oder ganz verdrängt zu werden. Abschwächung auf ein erträgliches Maß würde ich in diesem Zusammenhang nicht dazu rechnen, da die Art der Emotionen selbst dabei nicht verändert wird. In diesem Kontext fällt mir eine Forderung aus dem Bereich des Buddhismus ein, die denjenigen nahelegt, die in der Meditation ihre Emotionen beobachten, auf Mittel der Beeinflussung von Emotionen zu verzichten. Dazu gehören Rauschmittel, nicht verordnete Medikamente, Musik, Lärm und sowie soziale Ablenkungen.

Insgesamt ergibt sich für mich hier ein gutes Modell für eine gelingende Zusammenarbeit zwischen Emotionen, dem Erwerb und Bestand von unterschiedlichen Formen des Wissens sowie Reflexionsprozessen, die Emotionen und Wissensbestände in Verbindung bringen. Daraus ergeben sich neue Wissensbestände, die beim Auftreten von Emotionen wiederum zur Verfügung stehen.

In Bezug auf Bildungsprozesse handelt es sich hier einerseits um vermittelbares Wissen über die Position von Emotionen in Bezug auf andere Verarbeitungsprozesse als auch daraus abgeleitet um Wissen zum sinnvollen Umgang mit Emotionen. Daraus können sich praktische Anwendungsmöglichkeiten bei der Beobachtung, Beeinflussung und Artikulation der eigenen Verarbeitungsprozesse ergeben, bei der eigenen Einflussnahme auf andere als auch bei der Beobachtung und Einschätzung von Vorgängen im sozialen Raum und dem Umgang damit.

Referenz:

Boltanski, L. & Chiapello, È. (2003). Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UKV.