Bildungsmäuschen

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Lernen des Lernens – Erforschen der Forschung

Die ganz gewöhnlichen Dinge, die jeder tut. Und das Problem das das, was jeder tut, wenig Wert hat. Der Unterschied im Wert der Kenntnissen, die verbreitet sind und der Spezialkenntnisse einerseits, aber auch der Unterschied zwischen dem einfachen Drauflos-Handeln, dem beobachteten Handeln, dem beobachteten, reflektierten Handeln und der Systematisierung von Beobachtung und Reflexion.
Alles klar? Nein? Jetzt müssen wieder die vielen Worte her.

Sehr viel von den Thematiken, mit denen sich BiWis beschäftigen, haben mit dem zu tun was sie gerade selber tun. Ich hatte dazu von Anfang an das Bild der Schlange im Kopf, die sich in den Schwanz beißt, obwohl ich die Verwendung dieses Bildes logisch nie begründen konnte. BiWis studieren letztlich die Prozesse ihres eigenen Tuns parallel dazu, dass sie es tun. Ich kann mit dieser Vorstellung nicht richtig denken. Irgend etwas hakt sich bei einer intensiveren Beschäftigung damit immer aus wie bei den geometrisch unmöglichen Zeichnungen von M.C.Escher und es bleibt nur das Gefühl einer unbestimmbaren Faszination. Es taucht aber sowohl bei der Beschäftigung mit Lernen auf als auch jetzt bei der Beschäftigung mit dem Forschungsprozess. Mitten drin im Prozess stehend den Prozess betrachten, der rund herum überall auf verschiedenen Stufen bei einem selbst als auch bei anderen geschieht.
Dabei belasse ich es erst einmal, einerseits wegen der möglichen Knoten im Kopf, andererseits weil ich auf ein ganz anderes Thema hinaus will.

Lernen und Lehren tut jeder, das sind völlig selbstverständliche Tätigkeiten des menschlichen Lebens, genauso wie forschen. Halt! Lernen – ja, in der Schule, Lehren – nun, wo soll das alltäglich sein? Und Forschen – heißt es nicht, dass das viel zu wenig geschieht?
"Ich verstehe nicht was so besonderes an dem ist was ihr da tut. Ihr führt Interviews und dann wertet ihr sie aus. Was ist daran denn Wissenschaft? Das kann doch jeder. Das sind doch alles nur Behauptungen und dann diese intersubjektive Überprüfbarkeit und der Bezug auf bestehende Theorien. Was ist denn das für ein Kriterium? Und überhaupt. Ich verstehe gar nicht wie dich deine Ergebnisse derartig beschäftigen können, das ist doch alles ganz selbstverständlich, das hätte ich dir auch vorher schon sagen können. Dazu braucht man sich doch gar nicht so zu bemühen." (Alltagskommentar)
Tja. Sozialwissenschaft beschäftigt sich mit dem ganz normalen, ach so selbstverständlichen Alltag, den Dingen über die jeder irgend etwas weiß. Was jeder tut und jeder tun kann (wie z.B. Putzen) hat aber wenig Wert.

Gut, das ist jetzt allerdings wieder nur ein Nebenschauplatz. Während ich lerne, beschäftige ich mich mit dem Lernen, beobachte es, stelle Schwierigkeiten fest, versuche sie genauer zu erkennen und versuche dann sie zu verbessern. Vielleicht lese ich dazu, vielleicht spreche ich mit anderen darüber. Habe ich etwas herausgefunden das gut funktioniert, gebe ich es weiter: ich unterrichte. Während ich mich mit dem Lernen beschäftige, betreibe ich Forschung. Nicht systematisiert, sondern Alltagsforschung mit der Zielsetzung der Verbesserung.

Und jetzt kommt die Wissenschaft ins Spiel und das was das Besondere an ihr ist. Sie versucht diese Prozesse systematisch zu betreiben. Und dabei beschäftigen sich die Wissenschaftler nicht nur mit der Sache an sich, sondern auch mit den Methoden, die sie anwenden, und im Lauf der Zeit versuchen sie auf der Basis ihrer Erfahrungen diese Methoden immer weiter zu verbessern. Hört sich sehr selbstverständlich an? Ist es auch. Wissenschaft ist die Fortsetzung von in den Alltag eingebetteten Prozessen mit systematischeren und systematisierenden Mitteln. Die immer weiter verbessert werden, je mehr Erkenntnisse über den Forschungsprozess an sich und die Nützlichkeit von Methoden zusammengetragen werden. Und die Verwendung systematischer Methoden ist für uns alle sinnvoll. Meinung ist in Ordnung, aber Forschung ist besser, auch bei ganz alltäglich erscheinenden Dingen. Denn die systematische Betrachtung, die genauere Untersuchung unter Zuhilfenahme von Methoden, die sich schon bei anderen bewährt haben, deckt Zusammenhänge auf, überprüft Meinung, stellt Rangordnungen für Einflussstärken auf, ermöglicht es Wahrscheinlichkeiten voraus zu sagen und schärft den Blick für die eigentlichen Ursachen von Vorgängen.

Und damit lässt sich der Alltag verbessern. Auch bei ganz alltäglich erscheinenden, selbstverständlichen Dingen. Denn wir sind noch lange nicht am Ende der für uns als Menschen und Gesellschaft bestehenden Möglichkeiten angekommen. Lehrt Lehrer und Kinder Prinzipien der Forschung. Vermittelt ihnen das Bedürfnis mit systematischen Mitteln problemlösungsorientiert den Dingen auf den Grund gehen zu wollen. Auch bei ganz alltäglichen Dingen. Gesellschaften scheinen dazu zu neigen ihre Verbesserungsmöglichkeiten zu unterschätzen, wenn das Erreichte besser ist als das Vergangene.

Und in diesem Zusammenhang stelle ich am Schluss noch die Frage: Warum geben sich so viele Frauen nach wie vor mit Teilerrungenschaften zufrieden? Und warum begegne ich immer wieder einer Haltung, die zwar die Teilzeitarbeit von Müttern inzwischen als einzufordernden Standard begreift, aber darauf setzt, dass Familienarbeit weiterhin primär von Frauen ausgeführt wird? Mit allen Nachteilen, die damit im beruflichen Rahmen für sie einhergehen. Mit allen Schwierigkeiten die das für Alleinerziehende in einem solchen Umfeld bedeutet. Warum ist diese Gesellschaft nicht in der Lage Rollenbilder für Familien tatsächlich zu ändern, statt sie nur upzudaten?

Die Koreaner haben durch die Inkonsistenz von technischer und sozialer Entwicklung inzwischen eine Geburtenrate von einem Kind pro Frau. Ausdruck einer gänzlichen Unvereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen. Meine erste Japanischlehrerin, die dann einen Deutschen heiratete, hat sich bei mir intensivst nach den deutschen Kinderbetreuungsmöglichkeiten erkundigt, da sie auch mit Kindern ihren Beruf weiter ausüben wollte. In Japan sieht es dagegen für Frauen mit der Vereinbarkeit von Kindern und Beruf ebenfalls schlechter aus als bei uns und auch dort arbeiten Frauen mit Kindern verstärkt nur noch im Teilzeitbereich weiter, der wenige Möglichkeiten zu beruflicher Entfaltung bietet. Und auch in Japan ist die Geburtenrate niedrig. Aber weil die Bedingungen woanders noch schlechter sind, ist das noch lange kein Grund auf halber Strecke stehen zu bleiben.

Sozialforschung kann Zusammenhänge und Auswirkungen aufdecken. Sie kann die Konsequenzen aufzeigen, die sich aus sozialem Verhalten ergeben. Sie kann mehr erklären als Meinung. Und sie kann eine Orientierungen für Änderungsbedarf darstellen. Aber sie muss auch da ankommen wo sie benötigt wird. Und dazu könnte es durchaus hilfreich sein, wenn mehr Menschen Kenntnisse davon haben wie wissenschaftliche (Sozial)forschung eigentlich funktioniert und was sie leisten kann.

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