Bildungsmäuschen

Startseite » Uncategorized » Nebenbeidings auf einem Kindergeburtstag

Nebenbeidings auf einem Kindergeburtstag

Manchmal kommt es vor, dass sich Menschen mit sehr unterschiedlicher Verfügung über monetäre Ressourcen auf einem Kindergeburtstag treffen. Sprich: die einen machen eine Tombola für die Gastkinder bei der sie die Berge ihrer überzähligen Plüschtiere verlosen, während es geladene Gäste gibt, für die ein Geschenk im Wert von fünf Euro eine deutliche Schmälerung der Geldmenge bedeutet, die ihnen im Monat für ihre minimalen Bedürfnisse zur Verfügung steht. Eine Teilnahme an einem Fest stellt in diesem Fall eine hohe Herausforderung dar, denn jeder Mensch möchte nach den Theorien der Sozialpsychologie ein positives Selbstbild von sich selbst haben. Geschenke an Kindergeburtstagen sind üblich, aber welches Geschenk unter fünf Euro Geldeinsatz kann auf einem Kindergeburtstag der wohlhabenderen Kreise einerseits zu einem tatsächlichen Geschenk für das Kind werden, zum anderen gleichwertig neben den Geschenken der monetär besser Ausgestatteten stehen und damit das Selbstwertgefühl zumindest nicht schmälern.

Jetzt kommt wieder der Punkt an dem ich den Eindruck habe zum Verständnis erst einmal den ganzen Komplex Kindergeburtstag aus dem Blickwinkel sozialer Unterschiede erläutern zu müssen, was aber weder zur relativen Flüchtigkeit eines Blogbeitrags passt noch unter dem Eindruck wissenschaftlicher Ansprüche an dieser Stelle zu einem bewältigbaren Unterfangen wird. Ich lasse also alle weiteren Ausführungen zu denen es mich drängt beiseite und versuche mich nur auf die Kernüberlegung zu konzentrieren.

Auch wenn die Gastgeber zu den Menschen gehören denen klar ist, dass manchen Menschen wenig Geld zur Verfügung steht und für die auch ein selbst gepflückter Blumenstrauß oder ein gemaltes Bild oder eine besondere Geburtstagskarte eine anerkennenswerte Beteiligung an Gepflogenheiten darstellen, so kann doch bei denjenigen mit geringen Geldquellen das Gefühl eines Mangels der Wahlfreiheit entstehen und der Wunsch ähnlich große Geschenke machen zu können wie es für andere möglich ist, um ihre eigene Position zu stärken. Auch bei der etwas extremeren Form eines Potlach besteht ein Zusammenhang von Geschenken mit der sozialen Position von Menschen in der Gesellschaft, woraus sich sogar derartige Probleme ergaben, dass sich beispielhaft die kanadische Regierung genötigt sah diese Aktivitäten zeitweise zu verbieten. Geschenke zu machen bleibt in vielen Kreisen eine feste Gepflogenheit, monetäre Ressourcen sind dabei zwar die dominierenden Ressourcen in unserer Gesellschaft, es existieren jedoch durchaus noch andere, die eine Beteiligung ermöglichen und die vielleicht sogar als Nebeneffekt die eigene Position und ggf. die der eigenen Gruppe erhöhen können.

Ich denke, jetzt habe ich für einen Blog genug Hintergrund zusammengetragen, um eine Erfahrung zu beschreiben. Das Geburtstagskind war ein Mädchen und wurde vier Jahre alt und das Geschenk bestand aus einer Packung neu erworbener wasservermalbarer Wachsmaler von Aldi für 1,49 €, einem A4 Block kräftigen Zeichenpapiers, der noch vorhanden war, einem Pinsel, der ebenfalls vorhanden war, und einer persönlich durchgeführten Anleitung wie das Geschenk zu benutzen sei, denn nicht jeder kennt die interessanten Möglichkeiten wasservermalbarer Wachsmaler und verwechselt sie mit den üblicheren und häufig uninteressanten wasserfesten. Die Schenkende hatte Glück. Aus der Vorführung für das Geburtstagskind entstand eine Aktion, an der sich weitere interessierte Kinder beteiligten, die ebenfalls ausprobieren wollten, was diese Stifte denn können, so dass bald noch Papier nachgeholt werden musste. Alle gemalten Bilder sowie eine Geburtstagskarte, die entstand während das Geburtstagskind zuschaute, stellten am Ende ein zusätzliches Geschenk dar. Die Schenkende selbst hatte am Ende den Eindruck, dass sie ein wertvolles Geschenk gemacht hatte, bei dem sie Zeit und Befähigung einsetzte aber wenige monetäre Ressourcen, dass sie gleichzeitig dabei auch für das zukünftige Verhalten in ähnlichen Situationen gelernt und selber wiederum Erfahrungen vermittelt hatte. In einer Gesellschaft, in der nahezu alles mit Geld erwerbbar ist, kann es für diejenigen mit geringen Mitteln schwierig werden Geschenke zu machen. Es ist unsinnig auf der Ebene der bezahlbaren Güter zu punkten, das heißt aber nicht, dass die einzigen möglichen Konsequenzen darin bestehen sich zurückzuziehen und nicht teilzunehmen oder Geschenke zu erwerben, die die eigenen Kapazitäten überfordern und dennoch kaum mithalten zu können oder das Gefühl permanenter Benachteiligung zu ertragen.

Kürzlich bin ich in einem anderen Zusammenhang über den Begriff Armenkultur gestolpert. Menschen, die über geringe Ressourcen verfügen, entwickeln durchaus Strategien, wie sie ihr Leben verbessern können und dabei können sie durchaus Befähigungen und Praktiken entwickeln, die sie im Kontakt mit wohlhabenderen Gruppen zu ihrem Vorteil einsetzen können. Erforderlich ist dabei eine Umkehr der Blickrichtung und ein höheres Selbstwertgefühl für die eigene Befähigung. Ich möchte hier nicht auf alle Probleme eingehen, die damit zusammenhängen, ich sehe viele. Aber es entsteht mehr und mehr eine Ahnung davon, dass ein Blickwechsel auf die Betonung der Potentiale und nicht auf Mängel gerade für diejenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen, zu einem wertvollen Instrument ihrer Weiterentwicklung als Personen und als Gruppe werden kann. Denn die materiellen Ressourcen der Welt sind von ihrer Natur her begrenzt, und ein anderes Umgehen damit und andere Wertmaßstäbe für die Positionierung im sozialen Gefüge scheinen für eine positive Weiterentwicklung der Menschheit als Gesamtheit dringend erforderlich.

Quellen:
Stürmer, S. (2009). Sozialpsychologie: mit 3 Tabellen und 48 Übungsaufgaben. Reinhardt.
Hessel, S., Kogon, M., & Bantzer, C. (2011). Empört euch!. Berlin: Ullstein Buchverlage.
Stéphane Hessel bei Was tun? auf arte http://future.arte.tv/de/thema/was-tun-antworten-fuer-die-zukunft#article-anchor-1676

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: