Bildungsmäuschen

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Bildung und Armut

Ich wusste nicht, dass ich ein empathischer Mensch bin, ich dachte von mir immer ich sei so ein Stoffel, der von anderen Menschen wenig mitbekommt, da ich oft nicht verstehe, was für Beweggründe hinter Verhaltensweisen von anderen stecken. Die Sozialpsychologie hat mich eines Besseren belehrt und mir ein neues Bild von Empathie geliefert. Gerade da ich zum Verstehen versuche mich in die Lage von anderen hineinzuversetzen, fließe ich oft über vor Mitempfinden, aber auch Ablehnung.

Nun hat mich die FernUni auf eine Reise geschickt. Einerseits in die Sozialpsychologie hinein, andererseits in die Analyse von Sozialstrukturen und die Konfrontation mit Gegenwartsdiagnosen der Gesellschaft. Das sind insgesamt alles nicht so wirklich nette Themen und ich lande auch noch bei einem Referatthema über Armut, weil ich bei den Gegenwartsdiagnosen mit der langen Reihe von Jahren, über die ich einen Überblick habe, dachte, die sind doch nur für den Moment, aber Armut und monetäre Ressourcen, das ist etwas Beständigeres und Grundlegenderes.

Und nun habe ich den Schlamassel. Ich zupfe ein wenig an dem Thema herum und schon öffnet sich eine Klappe und eine Flut von Informationen stürzt auf mich ein und ich lese und lese und letztlich stehe ich ganz alleine da und frage mich wie anscheinend schon andere vor mir, warum die Erscheinung Armut eigentlich so einfach hingenommen wird, so dass ein Beitrag in dem steht, Armut wird es immer geben, vorher keinen Widerspruch bei mir erzeugt hat. Inzwischen denke ich allerdings: warum eigentlich? Armut ist ein veränderbares Stigma, aber sie ist ein Stigma und etwas vor dem viele Menschen auf der Flucht sind.

Bildung und Armut. Uns wird einerseits ein sozial selektives Bildungssystem bescheinigt. Andererseits gibt es dahingehende Ansichten, dass sich Armut bei uns in der BRD verfestigt hat, während viele von denjenigen, die sich von Armut bedroht fühlen, in der Regel nur kurze Zeit dort hin abgleiten, vor allem durch die Zunahme prekärer, also zeitlich befristeter Arbeitsverhältnisse, auf die allerdings in der Regel wieder neue Beschäftigungsverhältnisse folgen. Doch irgendwo gibt es die langfristig Herausgefallenen. Diejenigen, die Armut vererben, diejenigen, deren Kinder kaum Chancen haben ihre Armut zu verlassen, wenn man auch noch die sozial selektive Wirkung unseres Bildungssystems dabei berücksichtigt.

Muss das so sein? Ist das akzeptabel? Kann es wirklich hingenommen werden, dass es in einer wohlhabenden Gesellschaft Armut gibt? Sind diejenigen selber Schuld? Ist es richtig auf sie herabzusehen? In einer hierarchischen Sozialstruktur stehen sie ganz unten. Also so gut wie möglich das Stigma verbergen. Wohlhabender erscheinen als man ist oder unsichtbar werden. Obdachlose und Flaschensammler in Frankfurt zeigen den Mangel sichtbar. Wie fühlt sich so ein Mensch von dem in einer Gesellschaft wie der unseren alle, die ihn sehen vermuten, dass er arm ist? Ganz unten zu sein und dennoch täglich zu ertragen unter diesen Blicken zu existieren, um ein wenig die eigene Bedürftigkeit besser zu bedienen? Die Vorstellungen, die ich dabei entwickele, verletzen mich. Ich kann nicht essen gehen, lieber kaue ich in einem diffusen Gefühl von Solidarität auf meinem alten trockenen Brot.

Die FernUni hat mich auf eine Reise geschickt und ich befinde mich gerade in einem Bereich, davon wollen viele anscheinend nichts hören. Das stört bei der Verfolgung von Weiterbildungsabsichten, mit denen die eigene Situation verbessert werden soll. Klausuren zu bestehen ist wichtig, Inhalte gut reproduzierbar zu lernen hat Vorrang vor einer Weiterverfolgung unangenehmer und brisanter Themen. Ich wage es kaum zu erwähnen was mich beschäftigt. Der Verdacht eigener Betroffenheit scheint im Raum zu stehen. Kann das Stigma abfärben? Ich schaue dem munteren Treiben auf Facebook und Skype und Moodle zu und das einzige was mir ein wenig Unterstützung gibt ist Twitter. Da findet sich Futter für die aufgeworfenen Gedankengänge, da finden sich auch die Fragen nach Strukturen.

Ich entwickele den Wunsch zu schweigen. Besser ich passe mich an, konzentriere mich auf die Inhalte des Studiums, bestehe meine Klausuren gut und kann dann am Ende rufen: Ich habe meinen Bachelor in der Tasche. Ich nerve besser nicht mit Themen, die keinen interessieren. Steinbrück wurde im gestrigen Sommerinterview des ZDF für meinen Geschmack ziemlich abgekanzelt, als er Fragen nach sozialer Gerechtigkeit auf den Tisch brachte, da doch die Deutschen so optimistisch in die Zukunft schauen. Alles ist bestens! Wer will, der kann und wer nicht kann, der will eben nicht. Ansonsten: Pech gehabt. Aber bitte den Mund halten und nicht rumnerven. Auf die paar Verlierer, die ja selber schuld sind, können wir durchaus verzichten.

Werden die Betroffenen den Mund aufmachen und fordern, dass Armut abgeschafft wird wie schon Sklaverei abgeschafft wurde? Werden sie anklagend aufstehen und Teilhaberechte an Wohlstand und Bildung ohne zuvor erfolgte Gegenleistung einfordern? Und welche Menschen sind es eigentlich, die ein bedingungsloses Grundeinkommen fordern? Ich ende mit Fragen, die mich weiter verfolgen. Und all das ausgelöst durch mein Studium, denn diese Fragen gehören dazu und sind Bestandteil davon. Das Problem am Fernstudium bleibt jedoch, dass dort zwar Anregungen gegeben werden, doch mit dem was sich daraus ergibt, steht jeder und jede allein in ihrem jeweiligen Umfeld. Schade!

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