Bildungsmäuschen

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Entpersonalisierte Anerkennung von Ehrenamt, Massenmooc und Liveticker bei Veranstaltung mit Merkel

Nach dem Schlaf und vor dem Aufstehen, man könnte auch sagen in der individuellen Dämmerung, diesem geistig so fruchtbaren Zustand, fügen sich unterschiedliche Geschehnisse des gestrigen Tages in einer Kategorie zusammen deren Name in etwa lautet: In was für einer Gesellschaft lebe ich inzwischen?

1.) Ich erhalte vom Magistrat meiner Stadt eine Einladung mit der Anrede „Sehr geehrter Herr“ und der Information, dass ich durch mein ehrenamtliches Engagement wesentlich dazu beitrage, dass sich das soziale Klima in unserer Stadt positiv entwickelt hat und ich für dieses Engagement zu einem zünftigen Abend mit Bier und bayrischen Spezialitäten eingeladen werde. Mehr Informationen sind nicht darin enthalten. Keine Angabe für welches Engagement, keine Angaben darüber wie es auf das soziale Klima in der Stadt eingewirkt haben soll und mit der Feuerwehr, die ich dabei assoziiere, habe ich auch nichts zu tun. Und Bier trinke ich nicht. Ich bin mit typischen Fehlern standardisierter Massensendungen konfrontiert, die dabei den Wert von dem, das vielleicht erreicht werden soll, deutlich schmälern.

2.) Vom Couserakurs Social Psychology erhalte ich eine Mail, dass der Kurs inzwischen derjenige mit der höchsten Zahl an Teilnehmern ist, die je für einen Mooc auf dieser Plattform angemeldet waren, 230 000 und noch wachsend, dass die Teilnehmenden bitte freundlich miteinander umgehen und sich gegenseitig beim Lernen unterstützen sollen, da der Staff zwar inzwischen mehr als 300 Kommentare gepostet hat, aber von ihnen niemals alle Fragen beantworten werden können. Bei dem Versuch mir diese Menge vorzustellen und dem Wissen, dass ich eine davon bin, werde ich ganz still. Wohin bewegt sich dieses Wachstum? Es ist mir etwas unheimlich.

3.) Gestern Abend war eine Wahlveranstaltung mit Frau Merkel etwa 14 Kilometer entfernt, die mich wegen der Nähe zu meinem Wohnort interessierte, aber an der ich nicht teilnehmen wollte. Wie dieses Dilemma heutzutage lösen? Kurz gesucht und siehe da, die HNA, eine der beiden lokalen Zeitungen bot einen Liveticker hauptsächlich mit Bildern zur Veranstaltung. Ein Hauch von Dabeisein ohne großen Aufwand, bei einem Auftritt von einer halben Stunde eine angemessene Lösung. Und noch dazu sehr lustig während der Aktion nur plakative Zitate von Frau Merkel mit geringer inhaltlicher Aussage übermittelt zu bekommen. (Beispiele: „Schuldenabbau ab 2015 im Bund ist Ziel. Merkel“, ‚Wir müssen immer aufpassen, dass wir gut sind.‘) (Bericht der HNA)

4.) Die Teilnehmenden meiner Studium-Skypearbeitsgruppe mit der ich momentan jeden Abend chatte, wohnen in Bayern, bei Bremen und in Alabama. Ich habe niemanden von ihnen je bewusst gesehen.

5.) Wenn ich aus dem Fenster schaue, blicke ich auf Felder auf denen gesät und geerntet wird, von denen viele jetzt neu bestellt werden, und auf einigen davon habe ich als Kind sogar noch mit meinen Vorfahren gearbeitet. Heute machen das andere und mein Sohn ist längst in sein Teilgebiet des #Neuland-es abgewandert.

In was für einer Gesellschaft lebe ich also inzwischen? Unmittelbare Umgebung, Post, Mail, Liveticker, Chat, über unterschiedliche kommunikative Wege verbunden mit einer Welt dort außen. Vogelgezwitscher, ab und zu ein Auto, ein fast ländliches Gefühl und Verbindung mit der Vergangenheit beim gleichzeitigen Erleben von Standardisierung, von Masse, von vor Ort sein bei gewünschten Veranstaltungen ohne körperliche Anwesenheit, von gemeinsamem Lernen ohne die Personen jemals unmittelbar zu erleben.

Ungleichzeitigkeit ist das nicht. Es ist etwas womit mein Verstand nicht umgehen kann, etwas das er nicht reflektieren kann und so bleibt ihm nichts anderes übrig als zu beobachten. Klein und groß, fern und nah, real und virtuell, alles vermischt sich zu etwas Neuem. #Neuland gefällt mir als Begriff eigentlich sehr gut. (Ich habe nie nachgeforscht was sich Frau Merkel darunter eigentlich so genau vorgestellt hat!) Gleichzeitig in ländlicher Region auf die von den Vorfahren bewirtschafteten Felder zu blicken und dabei mit Orten und Menschen und Massenerscheinungen weltweit verbunden zu sein. Leben hier und hier. An diesem Ort und an virtuell vermittelten Orten. Gleichzeitigkeit, ohne Gleichräumlichkeit. Oder zusätzliches Leben in einer anderen Räumlichkeit. Ungleichräumlichkeit und insgesamt schon irgendwie ein neuer Kontinent.

Auf den Weltkarten bei Cousera stecken eine große Menge von Fähnchen und dabei sind es nur einige, die ihren Standort anzugeben bereit sind. Vor allem in den Zentren sitzen die Leute. In Daccar, Nairobi, Chennai, Tokyo, Toronto, Roma, Berlin…rund um den Globus. Anwesend und irgendwie auch nicht anwesend.

In was für einer Gesellschaft lebe ich inzwischen? Deutsche als Minderheit unter anderen Minderheiten (bei Couseramoocs gibt es inzwischen Foren nach Nationalitäten, Regionen, Städten, Altersgruppen) während ich gleichzeitig zur Mehrheit gehöre (in Deutschland), aber auch in dieser Mehrheit wiederum einer bestimmten Position zugeordnet werde, die aber je nach Betrachter nicht stabil ist sondern wiederum an seine Weltwahrnehmung angepasst wird.

Zum vorläufigen Schluss bleibe ich am Begriff #Neuland hängen. Ich bin ins #Neuland eingewandert und lerne Stück für Stück seine sich fortwährend entwickelnde Vielfältigkeit kennen ohne die Andersartigkeit dabei tatsächlich begreifen zu können. Der Unterschied zu Formen der Wahrnehmung wie über Bücher, Radio und Fernsehen vermittelt, besteht im Potential der Partizipation. Kommunikation ist kein Einwegsystem mehr. Mitgestaltung und Teilhabe werden ermöglicht und eine Reaktion darauf wird auch in der Politik notwendig.

Der Blogpost bleibt offen. Andere Pflichten warten.
Ich vertraue darauf, dass mir noch einige Zeit in diesem Leben bleibt, um mich weiterhin auseinander zu setzen.

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