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Sind Klausuren Zeitverschwendung?

Wenn ich mein Verhalten in den letzten Wochen beobachte, und nach Einschätzungen aus der Sozialpsychologie (Bem, 1972, Selbstwahrnehmungstheorie) gewinnen Menschen Informationen über sich selbst und ihre Einstellungen durch die Beobachtung ihres Verhaltens, so muss ich zu dem Schluss kommen, dass ich Klausuren eigentlich für Zeitverschwendung halte. Klausuren und Klausurvorbereitung nehmen mir Zeit weg, die ich für mein Lernen benötige. Das klingt ziemlich paradox, aber genau so verhalte ich mich die letzten Wochen. Ich reserviere mir jeden Tag Zeit in der ich mich wiederholend mit dem Stoff der beiden Module beschäftige in denen ich Klausuren schreibe. Aber das ist reine Verpflichtung, weil ich denke, dass ich nicht in die Klausuren gehen kann ohne das getan zu haben und alle anderen machen das ja auch so. Inzwischen muss ich mich aber dazu überreden oder sogar zwingen, weil es langweilig, sehr losgelöst von allen Bezügen zu einer praktischen Anwendung und irgendwie auch recht sinnlos ist, denn so wie ich bei diesem Lernen vorgehe, vergesse ich auch alles schnell wieder.

Lernen, das ich wirklich als solches empfinde, praktiziere ich inzwischen zusätzlich in der Nacht, was mir körperlich allerdings nicht so wirklich gut bekommt. Heute Nacht habe ich es geschafft Code für die Umrechnung von Zeitzonen zu schreiben, der funktioniert und das war für mich gar nicht leicht, denn ich beginne gerade damit programmieren zu lernen und die dabei verwendete Form der Anwendung von Mathematik und Logik gehört nicht zu meinen Alltagstätigkeiten. Am Abend vorher hatte ich schnell in einer Zeitlücke für Social Psychology die Aufgaben von sieben Peers bewertet und über die Bandbreite der Qualität der Arbeiten gestaunt. Und in der Nacht zuvor und noch am Vormittag hatte ich selbst die Beurteilung einer Website unter Verwendung sozialpsychologischer Erkenntnisse geschrieben.

Ich mag es sehr wenn ich Aufgaben bekomme, die ich lösen muss (wenn ich genug Kenntnisse oder Hilfestellung habe), ich habe mich auch gerne abends mit meiner Lerngruppe getroffen und bin MC-Fragen durchgegangen, weil das zusammen Spaß macht. Aber wenn ich all diese Lernkarten und Zusammenfassungen anschaue, dann denke ich: wozu soll ich mir das jetzt in den Kopf hinein pauken? Ich habe die Sachen bearbeitet, ich habe sie verstanden und jetzt möchte ich sie anwenden. Ich möchte Aufgaben lösen und dabei in meinen Unterlagen nachblättern können. Zitationsregeln verfestigen, Zusammenhänge darlegen, Querverbindungen schaffen. Ich würde mich jetzt mit Begeisterung an die Arbeit machen, so wie ich das in meinen Nächten tue und erst aufhören, wenn ich vor Müdigkeit nicht mehr kann. Stattdessen heißt es jetzt noch einmal alles auf Lücken überprüfen, feststellen, dass ich inzwischen schon wieder einiges vergessen habe, da es nur an mir vorbeigerauscht ist und sich nicht mit etwas verbunden hat, und ohne dass ich es jetzt durch Anwendung festigen kann.

Dann muss ich die ganze Strecke zum Klausurort fahren und wieder zurück. Da sitze ich dann und muss irgendwelche dämlichen Markierungen machen, nachdem ich schnell oder langsam eine Entscheidung getroffen habe, welche Antwort von fünf richtig ist und das alles ohne mich bei Bedarf noch einmal vergewissern zu können. Ich mag das nicht! Und habe insgesamt noch neun lange Tage vor mir bis die letzte Klausur hinter mir liegt, neun lange Tage an denen ich keine richtige Zeit zum entspannten Lernen haben werde und die Lernbegeisterung nur in meinen Nächten auslebe kann, wenn ich meinen Pflichten genug Zeit geopfert haben.

Klausurlernen am Tag, Lernen für den Spaß und das Interesse in der Nacht, auf das ich mich während des Tages schon freue. (Hoffentlich ist es bald Abend, hoffentlich ist es bald Abend, dann kommt die Bonuszeit und dann darf ich mich wieder entspannt dem schönen Lernen widmen!). Was für ein seltsames Spiel!

Referenz:
Bem, D. J. (1972). Self-perception-theory. In L. Berkowitz (Ed.), Advances in Experimental Social Psychology (Vol. 6, pp. 1-62). New York: Academic Press.

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2 Kommentare

  1. anonymous sagt:

    m.g. writes:Ich habe jeden Tag irgendwelche Dinge zu tun, von denen ich nicht überzeugt bin und die mich nun wirklich nicht bringen. In Deinem Alter sollte man wissen wie das Leben läuft.

  2. amirabai sagt:

    Hej unregistered user! Ja, das ist richtig. In meinem Alter weiß ich eine ganze Menge darüber wie unsere Gesellschaft ihre Anforderungen gestaltet hat und habe durch mein Studium auch noch viel dazu gelernt. Ich erbringe auch die Dinge zu denen ich verpflichtet bin oder zu denen ich mich selbst verpflichte, daher bleibt für die Kür eben momentan nur noch die Nacht. Das ist aber nicht das worüber ich mir die eigentlichen Gedanken mache, sondern über die Qualität des Lernens. Ich habe den Beitrag ja mit Lernen getagt. Und durch die Situation, die ich gerade erlebe, steht mir sehr klar vor Augen wie unterschiedlich effektiv und motivierend verschiedene Lernanforderungen sind. Klausurlernen zur kurzzeitigen Reproduktion des geforderten Stoffes enthält Strategien, um z.B. mit visualisierten Listen und Mustern in einem spezifischen Moment abrufen zu können, was aufs Papier soll. Danach brauchen die Inhalte aber nicht mehr verfügbar sein und können wieder vergessen werden. Das passiert auch bei den Lernstrategien die ich anwende und das ist eigentlich schade. Genauso wie es schade ist, wenn das Lernen nicht darauf ausgerichtet ist theoretische Inhalte zum Beispiel aus der Sozialpsychologie zu übertragen und damit für die praktische Anwendung besser verfügbar zu machen. Hat vielleicht auch mit dem Alter zu tun, wenn mir dann Fragen zur Zeitverschwendung kommen. Ich habe erwartungsgemäß ja nicht mehr so viel zur Verfügung wie jemand mit 20. 🙂 Beschäftigen tut mich aber eigentlich der Aspekt, dass Motivation und Spaß an der Sache Lernen sehr stark vorantreiben. Ich fühle mich momentan ein wenig in die Schüler hineinversetzt, die sich durch schulische Anforderungen quälen in denen sie nicht so viel Sinn sehen und in ihrer Freizeit unglaubliche Mengen an Zeit und Ausdauer aufwenden, um sich etwas beizubringen, das sie sehr interessiert, das aber nicht auf dem schulischen Lehrplan steht. Und die dann im Flow Stunde für Stunde konzentriert arbeiten und lernen, während sich die gleichen Menschen beim schulischen Lernen selber blockieren.Eine ganze Reihe von Lerntheoretiker haben sich mit der Verbesserung der Qualität des Lernens beschäftigt und tun es weiterhin. Und genau darauf stoße ich immer wieder. Handlungen, die von Menschen gestaltet werden, können auch von Menschen verändert werden. Welche Formen des Lernens führen also zu nachhaltigeren Ergebnissen bei mehr Spaß und Motivation, die wiederum erneut das Weiterlernen motivieren. Und welche Strategien sind beim Umgang mit äußeren Anforderungen sinnvoll, um beispielsweise Bulemielernen vermeiden zu können. Durch Fragen dieser Art haben sich Lernbedingungen im Lauf der Zeit geändert und werden es auch weiterhin tun. Und auch am Anfang von empirischer Forschung stehen erst einmal Fragen, gewürzt mit etwas Verwunderung über das, was man vorfindet. Es ist gar nicht so schlecht in jedem Alter die Welt immer wieder so betrachten zu können als hätte man sie nie zuvor gesehen. Wie lautet dieser Satz eines sehr bekannten Mannes…"wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht das Himmelreich sehen."

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