Bildungsmäuschen

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Lernen mit MOOCs

Wer ein  Fernstudium an der Fernuni Hagen absolvieren kann, verfügt auch über die Fähigkeiten mit der Unterstützung von MOOCs zu lernen. Dabei beziehe ich mich jetzt erst einmal auf die MOOCs, die über die Couseraplattform angeboten werden.

Inzwischen pausiert mein Studium an der Fernuni weitgehend und ich stecke fast meine ganze verfügbare Lernzeit in momentan zwei Kurse: der eine zu Lernen und Lernende, der andere zur interaktiven Programmierung mit Python. Einen Kurs zu Graphic Novel und Comics habe ich letzte Woche abgeschlossen, diesen vermutlich wie meine anderen Kurse zuvor mit der Bestätigung erfolgreicher Teilnahme, obwohl ich nicht an allen Aktivitäten teilgenommen habe, allerdings auch mit neuen Anregungen und Ideen zu einem alten Thema. In meinem Fall habe ich die Kurse nach meinem persönlichen Interesse an den Inhalten gewählt, das heißt, meine intrinsische Motivation ist hoch. 

Ein sehr interessantes Phänomen ist dabei für mich zu beobachten: ich beiße mich an dem Kurs fest, der mich hoffnungslos überfordert und dieser Kurs ist es auch, der die meiste Zeit verschlingt. Allerdings überfordert er mich nur gedanklich und auf Grund zu geringer Vorkenntnisse, nicht emotional. Emotional überfordert mich des Modul „Soziale Konstruktion von Differenz“ aus meinem Studium der Bildungswissenschaft, von dem ich mich damit momentan ablenke.

Es ist ebenfalls ein seltsames Phänomen was beim Blogschreiben geschieht. Plötzlich werden mir Hintergründe klar, die vorher nicht in Erscheinung getreten sind. Ursprünglich wollte ich nur darüber berichten, dass sich mit MOOCs gut lernen lässt, dass sich ein Lernalltag einspielt, sich neue Lernstrategien entwickeln oder wie mit Frustration und Erfolg umgegangen wird, aber auf einmal bin ich auf der Spur einer großen Ablenkung. Wenn ich versuche die Schwierigkeiten der interaktiven Programmierung zu bewältigen und mich häufig nur noch mein Telefonjoker retten kann, nicht das Angebot das der Kurs bereit stellt, so verlagere ich die Konfrontation mit meinen eigentlichen Problemen, die für mich noch unlösbarer erscheinen, auf die Bewältigung einer sehr schwierigen, aber zeitlich begrenzten Herausforderung, bei der Versagen zwar nicht schön, aber auch nicht existenziell bedrohlich ist. Ich tue das was ich in der Realität tun sollte so zu sagend in einem geschützten Rahmen. Es könnte auch ein anderer für mich bedeutungsvoller Inhalt sein, wichtig ist dabei die stellvertretende Bewältigung einer übergroßen Herausforderung. In gewisser Weise veranstalte ich mit mir selbst einen Test. Bin ich in der Lage diesen Kurs zu bewältigen, dieser für mich übergroßen Herausforderung stand zu halten und möglicherweise sogar zu einem erfolgreichen Abschluss zu kommen, so werde ich auch in der Lage sein noch schwierigeres zu bewältigen. 

Es ist aber auch eine Ablenkung, die eigentlichen Probleme äußern sich in nächtlichen Albträumen, in Schuldgefühlen die Legitimationen erfordern warum ich jetzt nicht mit den Studieninhalten weiter mache, denn das ist es was ich eigentlich tun sollte. Da ist die Wirklichkeit und nicht das Übungsfeld. Die Situation erinnert mich an den Krieger, der weiter seine Übungen auf dem Turnierplatz absolviert, während draußen Krieg tobt und er benötigt wird. In den letzten Wochen beschließe ich immer wieder, dass es jetzt Zeit ist mit meinem Studium weiter zu machen, während ich gleichzeitig genau das Gegenteil verstärke. Auch jetzt denke ich: weiter mit den MOOCs, nicht Angefangenes aufhören, das Studium hat doch noch Zeit, bisher hast du so gut straight foreward studiert, außerdem ist das Semester schon so weit fortgeschritten, das holst du sowieso nicht auf. Lernen funktioniert gut als Ablenkung vom Lernen. Ich lerne doch eifrig, alles ist gut. Nur lerne ich nicht das was ich eigentlich lernen sollte. Da kommen die Legitimationen zu Hilfe. Hat doch auch etwas damit zu tun, gehört doch irgendwie alles zum Studium der Bildungswissenschaft und dieses Lernen in den MOOCs fühlt sich doch auch so viel freundlicher an. Keine schwarze Soziologenbrille, nicht die Abgründe des impliziten Rassismus, die alltäglichen Hierarchisierungen, die Gewalt auf dem Schulhof, die gesellschaftlich erzeugten Bedrohungen und Ängste, die Erniedrigung von Armen, Schwachen, Behinderten, sozial Ausgegrenzten, denen Zustimmung zu dieser Behandlung anerzogen wird.

Ich werde wieder durch all diese Inhalte hindurch müssen. Heulend, verzweifelnd, hoffend, leidend, kämpfend, lachend. Und ich habe mit all den dabei entstehenden Gefühlen eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben. Geordnet, analytisch, fundiert. Noch drücke ich mich. Halse mir eine Ersatzschwierigkeit auf, eine Stellvertreterschwierigkeit. Ich kann das noch nicht ändern, aber gut dass es zur Sprache gekommen ist. Jetzt verstehe ich wenigstens was los ist. 

Ich kann mit meinen CouseraMOOCs genau so gut lernen wie mit den Angeboten der Fernuni Hagen. Allerdings ist bei all diesen Angeboten immer das wichtigste die Person, die sie absolviert. Ohne die Lernende, die sich das Material vornimmt und bearbeitet, die Zeit dort hinein investiert und versucht die Inhalte zu verstehen, sich zu merken und anzuwenden, die lernt Hilfe zu suchen, um Hilfe zu bitten und Hilfe zu geben, ohne diese Person gibt es nichts. MOOCs wie auch Fernuni funktionieren nur durch Menschen und ihr Bemühen. Es existiert nichts ohne diejenigen die lernen wollen und nichts ohne diejenigen die lehren wollen. Und nichts ohne diejenigen, die für den ganzen Background zuständig sind. Ich möchte keinen Krieg zwischen Menschen. Ich möchte eine positive Zusammenarbeit, ich möchte gegenseitigen Respekt und Rücksichtnahme. Ich möchte dass Lehrende und Lernende in abgesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen lehren und  lernen können zu ihrem eigenen Wohl und dem Wohl ihrer Gesellschaften. Ich habe nie aufgehört vom Paradies zu träumen und niemals die Liedpassage vergessen in der es heißt: „Ich bin nicht unter dir, ich bin nicht über dir, ich bin neben dir.“ 

Schon wieder kommen mir die Tränen. Ich werde mich noch ein wenig länger mit dem Programmieren beschäftigen. Wenn ich dort verzweifele muss ich nicht heulen, dann schimpfe ich nur und mache nach einer Tasse Tee weiter. Ich wusste zu Beginn nicht auf was für eine Art von Studium ich mich einlasse, ich wusste nicht, dass es das Thema Bildung ist, das mich zurückführt zu den für mich wirklich brisanten gesellschaftlichen Themen. Es tut mir leid, dass ich mich dem momentan nicht gewachsen fühle. Mit den MOOCs streichele ich meine Seele, mit den MOOCs lenke ich mich ab und kann für eine Weile vergessen. Doch vor zwei Tagen entwarf ich im Zwischen von Nacht und Tag meine Hausarbeit in allen Etappen und führte sie am Ende über Mahatma Gandhi und großartigen Visionen zu einem zufriedenstellenden Ende. Beim Erwachen war zwar alles wieder verschwunden, doch das Gefühl blieb, das in mir das Potential schlummert Dreck in Gold zu verwandeln und meine Zuversicht wuchs. Jetzt ist dieser Gefühl wieder in den Hintergrund getreten. Hadern, zweifeln, Hoffnung schöpfen, träumen, wieder zweifeln. 

Der Blogbeitrag ist geschrieben. Der Tag ist grau. Ich habe mir meine eigene Geschichte erzählt und dabei bedeutungsvolle Zusammenhänge hergestellt. Richard Sennett hat das als etwas sehr Wichtiges betrachtet. Der Mensch, der das was ihm begegnet in einen narrativen Zusammenhang bringt, stabilisiert dabei seine Psyche und macht sie widerstandsfähig gegen von außen kommende verunsichernde Einflüsse. So habe ich ihn jedenfalls verstanden. Und da ich hier nicht wissenschaftlich schreibe, muss ich jetzt auch nicht genauer nachschauen und es bei meinem eigenen, vielleicht falschen Verständnis lassen. 

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