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Altersarmut und die Bremer Stadtmusikanten

Montagmorgen im Halbschlaf bin ich nach viel zu langer Programmiersitzung der festen Überzeugung es sei Sonntag und ich könne noch ein wenig weiter schlafen. Als dann der Montag doch in mein Bewusstsein dringt, schaffe ich es gerade noch mich anzuziehen und meine Bücher einzupacken, um pünktlich um 9.30 Uhr im Familienzentrum meinen Vorlesetermin einzuhalten. Dieses Mal habe ich kein einziges der Bücher vorher auf Eignung durchgelesen, erfahrungsgemäß ein Wagnis, aber wenigstens bin ich pünktlich als ich in die Geschichten der ausgeliehen Bücher hineinstolperte.

„Wundermeerschweinchen rettet die Welt“, die erste Wahl der Kinder, ist nicht so wirklich überzeugend, eine für die Kinder schlecht nachvollziehbare Geschichte darüber, dass nicht die Superhelden, sondern die Familie die wahren Freunde sind. Danach werden aber die Bremer Stadtmusikanten ausgesucht. Hatte ich sehr lange nicht mehr gelesen und je weiter ich in der Geschichte vordringe, um so interessanter wird sie plötzlich für mich. Die Kinder sind am meisten davon begeistert  wie die Räuber reingelegt werden, aber mir fällt etwas ganz anderes auf.

Die Bremer Stadtmusikanten kommen nie in Bremen an und sie müssen auch nie Musikanten werden. Es ist eigentlich eine Geschichte von lauter alten Leuten, die ihre Pflichten im Leben erfüllt haben und nun altersbedingt ihre gewohnten Arbeiten nicht mehr bewältigen können. Alle vier werden daraufhin mit dem Tode bedroht. Doch sie fügen sich nicht in ihr Schicksal, sondern schießen sich zusammen und machen sich auf den Weg, um gemeinsam eine Arbeit zu suchen, die sie noch bewältigen können und die sie ernährt. Sie werden also noch im Alter initiativ. Sehr begrüßenswert, sehr vorbildlich und moralisch sehr aufwertend. Auf ihrem Weg nach Bremen treffen sie nun aber auf eine Gruppe Räuber und mit List und Glück gelingt es ihnen, sich deren Besitz anzueignen und sich damit gemeinsam einen angenehmen, sorgenfreien Lebensabend zu gestalten. In Bremen eine ungewisse Arbeit im Unterhaltungsbereich annehmen zu müssen erübrigt sich dadurch.

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Die Kinder lachen über die Geschichte und dann beschäftigen sie sich mit anderen Dingen. Räubern etwas wegzunehmen ist moralisch legitim und ruft keinen Widerspruch hervor und es ist auch einfach nachvollziehbar, dass die Sympathieträger der Geschichte nach einem Leben voller Pflichterfüllung nicht in der Suppe landen dürfen, sondern etwas Besseres verdient haben. Mich lässt diese scheinbar so bekannte Geschichte aber nicht los. Wie wäre das im realen Leben? Von Armut und Tod bedrohte alte Menschen schließen sich zusammen und tricksen als Alternative zu geringfügiger Beschäftigung und ähnlichem die Räuber aus? Wer sind die Räuber? Beim Vorlesen habe ich die Geschichte etwas angepasst. Nur ein Haus mit Garten zu besitzen reicht heute nicht mehr aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Also habe ich die Tiere noch die Schätze der Räuber finden lassen. So wurden die Räuber zu denjenigen die Schätze gehortet haben, die sie anderen weggenommen haben. Vorurteil und Stereotyp lassen grüßen!

Aber würde das Handeln der Alten in der Geschichte in der Realität ausgeführt momentan wirklich als moralisch unbedenklich eingestuft werden?

Über diejenigen, die Schätze horten, die sie anderen weggenommen haben, Schätze, die den Alten aber ein angenehmes Leben bescheren können, komme ich zu den unermesslich großen Vermögen, die weltweit angesammelt wurden und zu leerstehenden Häusern durch die Immobilienkrise während es auf den Straßen Obdachlose gibt. Was wäre wenn sich von Altersarmut bedrohte Alte zusammen tun würden und einen Weg fänden… Nun, da fällt mir plötzlich ein, dass es eine Zeit gab, da wurden genau solche Geschichten gemacht. Und es gab Menschen, die der Ansicht waren, dass in einer Gesellschaft vorhandener Reichtum unabhängig von den Besitzverhältnissen dazu genutzt werden sollte, allen ein angenehmes Leben zu bereiten. Sogar denjenigen, die nicht so fleißig gearbeitet haben wie die Bremer Stadtmusikanten. Und ich denke an eine Welt voller vorhandenem Reichtum und an eine Verteilung, bei der die einen scheinbar unendlich mehr haben als sie verbrauchen können, während es auf der anderen Seite Menschen gibt, die unter permanentem Mangel leiden. Statistiken sollen ja sogar belegen, dass Arme früher sterben. Erinnert irgendwie ebenfalls an die Bremer Stadtmusikanten. Die hatten für ihr Alter während ihres arbeitsamen Lebens schließlich auch nicht vorgesorgt und zack, Rübe ab!

In Bremen, das sie nie erreichten, und wovon wir nicht wissen was für ein Leben sie dort erwartet hätte, wurde den Stadtmusikanten ein Denkmal erstellt. Für eine nette Geschichte und ein beliebtes Märchen. Wo gibt es aber das Denkmal der armen Alten? In der Geschichte der Bremer Stadtmusikanten haben unsere Vorfahren Träume erzählt. Entlastende Träume in denen die Benachteiligten auch einmal Glück haben. Die Realität war und ist für viele aber eine andere. Daher gibt es diese Geschichten und daher sind sie auch heute noch faszinierend.

Was passiert aber, wenn sie tatsächlich Realität werden?

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