Bildungsmäuschen

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Positionsbestimmung in der Mitte des Semesters

Dieser Blog macht keinen Spass! Nein, das macht er nicht. Er schreit nur nach Arbeit und die benötigt Zeit und die habe ich momentan kaum übrig. Nicht wegen Weihnachten, nein, denn dafür habe ich auch keine Zeit. Auch nicht wegen den Anforderungen des Studiums an der Fernuni, denn mit den zu erbringenden Anforderungen beschäftige ich mich momentan wenig. Seit Tagen überfliege ich die Moodlemeldungen auch nur, ohne die Fernuniseite überhaupt zu besuchen, sehe dabei die Hausarbeitsthemen der anderen und bin nicht dabei. Und dennoch bin ich eifrig am Lernen und Studieren und es fühlt sich auch alles sehr nach Bildungswissenschaft an.

Was ist los mit mir? Ich lese von Stefan Grünewald: Die erschöpfte Gesellschaft, Untertitel: Warum Deutschland neu träumen muss, irgendwo noch so zwischendurch und merke, dass er das betont was eine meiner wichtigsten Techniken ist. Wenn ich erschöpft bin gehe ich ins Bett und schlafe und im Morgengrauen, im Zustand zwischen Schlaf und Wachsein, fügen sich Teile zu einem neuen Ganzen zusammen. 

Ursprünglich wollte ich mein Studium so richtig Bachelor-mäßig nach Vorgabe durchziehen, einerseits als Erfahrung wie das so ist, andererseits als Beweis dass ich es bringe *grins*, denn das war ja die Absicht die hinter dem Studium steckte: zertifiziert zu beweisen, dass ich Ahnung habe.

Alles vorbei, alles nicht mehr notwendig. Und die Türe geht auf und ein riesiges Feld liegt vor mir. So groß und gewaltig, dass ich es mehr und mehr bedauere, dass mir in meinem Leben nicht mehr so viel Zeit bleibt. Ich habe immer noch die Worte eines Kommilitonen im Ohr, der so etwas sagte wie: „Jetzt kann ich mich mit all den Dingen die mich interessieren nicht beschäftigen, jetzt muss ich für die Prüfungen lernen. Die anderen Sachen kommen dann später.“

Mich hat das entsetzt. Es war zu der Zeit nicht das einzige, das mich entsetzt hat. Auch Studierende, die sich für die gute Arbeit von denen bedankt haben, die am Lesekurs teilgenommen haben und mit deren Vorarbeit sie für gut für die Klausur lernen konnten, eine Studierende, die ganz klar äußerte, dass sie vom Austausch der Studierenden nichts hält, sondern nur das (schweigende) Lehrgebiet für maßgeblich einstuft (warum also Beiträge der Peers beachten), Studierende ohne Zeit für Auseinandersetzung, konzentriert nur darauf Stoff auswendig zu lernen, usw. 

Ich muss nicht so studieren. Für mich gibt es kein: später wird alles besser. Ich habe in meinem Leben gelernt, wenn eine Chance da ist, dann nutze sie, sie wird so in dieser Form nicht wieder kommen. Zu schnell wandelt sich alles in unserer Gesellschaft. Ich bin nicht von Bafög abhängig, ich habe eine minimale finanzielle Absicherung, ich bin hinreichend gesund, ich muss niemand anderem mehr etwas beweisen, nur noch mir selber. Genau diese Aspekte werde ich jetzt für mich als Chance nutzen auf eine etwas altertümliche Art zu studieren. Auf eine privilegierte Art und auf eine selbstbestimmte Art. 

Ich lese endlich John Dewey: Demokratie und Gesellschaft, erschienen 1916 und so unglaublich modern wirkend. Ich lerne immer noch programmieren, etwas das mich schon so lange interessiert und das so weit außerhalb meiner Reichweite lag und gewinne mehr und mehr Interesse daran. Ich stelle fest, dass ich mit meinen belegten Coursera-Kursen großes Glück hatte und meine Achtung vor Lehrern und guter Didaktik ist unglaublich gestiegen. Aber auch mein Respekt vor allen, die diese virtuellen Klassenzimmer mit Leben und Unterstützung füllen, mit Hilfe, Tipps und Austausch, mit vielen Stunden des Lernens und Ausprobierens, so viel Arbeit wird da von so vielen Menschen zum Nutzen anderer und sich selbst geleistet. Ich lerne englischsprachige Essay zu bildungswissenschaftlichen Themen zu schreiben in einem Kurs, der mir durch seine Ausrichtung auf die Praxis so viel Hintergrund für meine Arbeit als Kinderbetreuerin an einer Grundschule liefert wie ich zuvor nie hatte. Ich bin nicht mehr das hilflose Opfer das wiederum zum Täter wird sondern gewinne Handlungsmacht. 

Doch im Hintergrund schwingen immer die Themen meiner laufenden Module der Fernuni und meine eigene daraus abgeleitete Betonung mit: impliziter Rassismus und Bildungsbehinderung sowie das Lernen in MOOCs. Ich war noch nicht dazu in der Lage dazu Hausarbeiten zu schreiben, ich konnte mich noch nicht auf darauf bezogene wissenschaftliche Texte konzentrieren. Erst einmal musste ich Erfahrungen sammeln und ausprobieren. Wie ist das Leben wenn ich mir meinen eigenen impliziten Rassismus klar mache, wenn ich im Alltag darauf achte? Wie verändert sich mein Bewusstsein, wie verändert sich mein Verhalten. Rassismus funktioniert wenn die Opfer die Haltung akzeptieren, die ihnen entgegen gebracht wird, wenn sie von ihnen verinnerlicht wird. Wie Norbert Elias bei seiner Studie über Etablierte und Außenseiter beschreibt: die Kinder, die nie etwas anderes erlebt haben, werden zu dem was von ihnen erwartet wird, nicht die Eltern, die noch anderes kennen. Der Glaube an die Wahrheit des Rassisten verankert den Rassismus im Opfer und es betrachtet die Welt mit den Augen des Rassisten und beginnt an seine eigene Unterlegenheit zu glauben und daran, dass eine solche Haltung im sozialen Raum normal ist. Und das Opfer wird selber zum Täter, an sich selbst und an anderen. Ich spiele mit der Veränderung der Sichtweise und merke, wie sich Probleme auflösen, denn indem ich das Spiel in mir selbst nicht mehr mitspiele, weil ich jetzt die Strukturen erkennen kann, mache ich mich selber nicht mehr zur Unterlegenen, die das aber nicht akzeptieren kann und daher fortwährend kämpfen muss. Das Leben ist viel entspannter geworden. 

Das ist das Thema der einen Arbeit, das Thema der anderen Arbeit erfahre ich während ich Tag für Tag versuche in meinen MOOCs zeitlich mitzukommen und dabei fortwährend neue Erfahrungen mache. Innen drin fühlt es sich anders an als von außen betrachtet und über einen längeren Zeitraum praktiziert verändern sich Bedeutungen. Doch das ist jetzt ein anderes Thema.

Insgesamt studiere ich weiter Bildungswissenschaft, vielleicht sogar mit mehr Begeisterung, Motivation und Überblick als zuvor, ohne aber im Sinne der Studienordnung zu studieren. Das fühlt sich seltsam aber durchaus richtig an. Die wissenschaftliche Arbeit wird bis nächstes Jahr warten müssen. Jetzt ist es Zeit für die Praxis. Denn das wurde mir sehr klar als es an die Hausarbeiten ging. Ich kann nicht über etwas schreiben bei dem ich keine Erfahrungen habe und ich kann mich nicht ohne Heulen mit implizitem Rassismus auseinander setzen, wenn ich nichts in der Hand habe, das ich dem entgegen stellen kann. Theorie ist hilfreich, doch ich benötige die Verbindung der Theorie mit Erfahrungen aus der Praxis. 

Mal sehen was Dewey dazu schreibt. Und mal sehen wie sich das mit der Wahrnehmung einer stärkeren Betonung praktischer Übungen bei den MOOCs nordamerikanischer Unis verbinden lässt. Und letztlich beschäftige ich mich eigentlich mit dem Lernen und da ist es logisch, dass sich daraus auch eine erst einmal überraschende Beschäftigung mit dem Lehren oder der Didaktik ergibt. Schade nur, dass mir nicht mehr so viel Zeit im Leben bleibt, sehr, sehr schade. Und schade, dass ich meinen alten Blog nicht mehr habe! Hier zu schreiben fühlt sich fortwährend falsch an! Sachen verschwinden, verändern sich unerwartet, Ordnung zu halten ist ein Fass ohne Boden, eine hilfreiche Struktur zu etablieren etwas für viel freie Zeit. GRRRHHHH.

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