Bildungsmäuschen

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Bildung ändert alles – Bildung ändert nichts

Kaum bin ich das erste Mal in diesem neuen Jahr in meiner Nachbarschaft unterwegs, springt mich von den Plakatwänden der Satz „Bildung ändert alles“ an. Sofort fordert er Widerspruch heraus und ich werfe ihm in Gedanken trotzig „Bildung ändert nichts“ entgegen. Das fühlt sich allerdings genauso falsch an, denn die Wahrheit liegt letztlich irgendwo in der Mitte. Ein wenig lasse ich meine Gedanken danach tasten was Bildung denn nun ändern kann und was nicht, gebe das Thema aber schnell wieder auf, weil sich ein anderes in den Vordergrund schiebt.

Bildung wird immer stärker zum Mittel der Lösung aller Probleme gemacht. Bildung soll natürliche Ressourcen ersetzen, Bildung soll Armut beseitigen, Bildung soll Partizipation ermöglichen. Bildung ist das Gold im Klondike, die Hoffnung auf Reichtum in einer Welt in der bereits alles verteilt und nichts mehr zu erobern ist. Und zur Bekräftigung dass Bildung auch den am weitesten unten stehenden Wohltaten spenden kann, werden Bilder von Afrikanern beigefügt. Lachende, gedrängt sitzende Mädchen in Schuluniformen in einem gedrängt vollen Klassenraum, der eigentlich nur ein Schutzdach über dem Kopf ist, ein lachender Junge auf einem Fahrrad, das von einem Erwachsenen gestützt wird. Die implizite Aussage lautet, dass auch Menschen vom gemutmaßt rückständigsten Kontinent der Erde durch Bildung Glück erfahren und ihr Elend verlassen können. Und wir sind in unseren Erkenntnissen ja auch schon weiter als vergangene Zeiten. „…selbst in die Hand nehmen…“, statt Almosen empfangen, so lautet der beigefügte Text.

Ich denke an Prof. Pai Obanya, einen Lerntheoretiker aus Nigeria und an Dr. George Oduro, Associate Professor of Educational Leadership aus Ghana und wünsche mir noch mehr von Menschen im Zentrum des afrikanischen Kontinents zu erfahren und von großartigen Dingen, die dort vor sich gehen, statt immer wieder nur das Bild bestärkt zu bekommen, dass dort nichts geschieht, wovon die restliche Welt lernen kann, so dass Zentralafrika für mich zu den Regionen der Welt mit der geringste Informationsdichte gehört. Und dabei ist diese Region riesig!

Ich habe nichts gegen das Engagement der Kindernothilfe einzuwenden von der diese Plakatreihe stammt. (http://www.kindernothilfe.de/Rubriken/Themen/Bildung.html) Der Widerspruch, den die Plakate bei mir unbeabsichtigt hervorrufen haben, hat sich sogar als sehr werbewirksam herausgestellt und mich zu ihrer Seite geführt auf der schon wesentlich differenziertere Informationen gegeben werden. Doch in meiner Nachbarschaft werden die Plakate und ihre plakative Form noch ein Weilchen hängen. Und dort schreien sie genauso wie frühere: „Helft Afrika!“ und ebenso schreien sie: „Bildung ist die Lösung!“ Und beide Aussagen stützen bedenkliche Stereotype und in Folge Vorurteile. Zeigt was Afrikaner in ihren eigenen Ländern an positiven Dingen tun und wo wir mit ihnen teilen können. Zeigt wo Bildung hilft und wo sie versagt nicht nur in Afrika, sondern weltweit und besonders vor unsrer eigenen Haustür und vergesst nicht die Anteile im Bereich der Bildung zu erwähnen, durch die sich das Bewusstsein von Menschen und das Verständnis ihrer selbst ändert. Ein Anteil des Bereichs Bildung, der gar nicht so selten gar nicht gewünscht ist. Nicht nur in Afrika, sondern auch hier. Und vergesst letztlich nicht die Auswirkungen eines leistungsorientierten Bildungssystems, das weltweit mehr und mehr Druck auf Schüler ausübt und Leistungsanforderungen erstellt, die sich zu einer permanenten Überforderung auswachsen.

An meiner Straße hängen nicht die simplen Plakate einer Hilfsorganisation. Ein Bild, ein wenig Text, ein Link. Ganz einfach. Nein, an meiner Straße hängen Bildungsgeschichten globalen Ausmaßes. Von den Wänden schreien mich Problemfelder an. Und wieder einmal hinkt eine durch Erkenntnisse modernisierte Umsetzung hinter den tatsächlich vorhandenen Erkenntnissen hinterher. Denn bei aller scheinbaren Geschwindigkeit unseres momentanen Lebens bleiben wir doch in vielen Bereichen fortwährend zu langsam.

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