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Peers, Erforschung und… impliziter Rassismus

Das Thema Peers hatte ich kürzlich bereits angerissen und dabei Definitionsstichpunkte aus dem Kurs „Learning and Learners“ aufgeschrieben, die ich hierher übernehme:

  • gleicher oder ähnlicher formaler Status, arbeiten zusammen in Organisationen oder Institutionen und sind dem gleichen “power agent” untergeordnet
  • haben ein gemeinsames Interesse oder ähnliche physische Stärke
  • haben einen starken Einfluss aufeinander

Für den Begriff Erforschung nutze ich die Wikipedia: „Bedeutungen: [1] das Forschen in einer bestimmten Sache, [2] das Erkunden eines Ortes oder Gebietes“ und wähle für meine Zwecke den unterstrichenen zweiten Punkt. Dadurch kann ich zumindest die Auseinandersetzung mit Gepflogenheiten wissenschaftlicher Forschung (ebenfalls Wikipedia) erst einmal beiseite lassen.

Bleibt aus der Überschrift noch der Begriff impliziter Rassismus. Wenn ich den verwende, werde ich in der Regel gefragt was das sei und die Wikipedia schlägt mir vor dazu einen neuen Artikel zu wünschen oder selber zu erstellen. Ich arbeite aber selber noch an der Bedeutung und nehme von einer in ihrer Form interessanten Netzseite erst einmal eine Erläuterung zu implizit:

„zum einen kann es für  „mit enthalten” verwendet werden oder auch für “mit gemeint”, wobei hier der direkte Verweis nicht unbedingt zur Sprache kommt. Zum anderen beschreibt implizit Sachverhalte, die nicht aus sich selbst zu verstehen sind, sondern zunächst logisch erschlossen werden müssen.“

Zu Rassismus muss ich jetzt noch ausführen, dass ich den Begriff als Wurzelbegriff verwende für Erscheinungen, die eine vergleichbare Struktur wie in der Definition von Albert Memmi aufweisen und sich in der schlichten Formel „Aufwertung durch Abwertung“ ausdrücken lassen.

Kurz zusammengefasst: Ich erkunde den Bereich Peers mit einem besonderen Augenmerk auf  impliziten, also verborgenen, mit enthaltenen, aber nicht unbedingt bewusstemnRassismus.

Rassismus ist ein heikles Thema und ein  Thema, das schnell zu Missverständnissen und Abwehr führt. Ob das in anderen Ländern als Deutschland anders ist kann ich nicht beurteilen. Hier ist es jedenfalls auf Grund unserer speziellen Geschichte nach wie vor sehr heikel und muss daher mit allergrößter Achtsamkeit angegangen werden. Ich nähere mich also im Schneckentempo und starte bei Katzenbildern.

Als ich das erste Mal davon hörte, dass es Menschen gibt, die fortwährend lustige Katzenbilder beispielsweise auf Facebook posten, wollte ich das nicht glauben. Inzwischen habe ich es selber erlebt und Katzenbilderposten ist für mich zum Synonym für Verhaltensweisen im Netz geworden, die ich nicht verstehe. Damit gehe ich nun entsprechend meines inneren Zustandes unterschiedlich um.

Gestern Abend hatte ich wieder begonnen Materialien zu implizitem Rassismus zusammenzustellen, als ich auf Facebook einer Kommentarliste folgte, auf der sich Peers in einer Weise austauschten, die sie mir fremd machte und plötzlich war ich nur noch genervt. Es ging nicht um Katzenbilder. Aber Katzenbilder waren als Synonym in meinem Kopf. „Immer diese Leute mit ihren Katzenbildern.“ Verwunderung in meiner Umgebung. „Da sind doch gar keine Katzenbilder.“ Ja, ihr habt recht und ich verstehe mich selber nicht. Was soll diese Aggression? So gehe ich schlafen.

Ich wache auf mit Gedanken an amerikanische und japanische Highschoolserien und die ganze Bandbreite der dort immer wieder thematisierten Vorgänge unter den Peers. Und ich denke auch an die Gewalt auf dem Schulhof mit deren Hintergründen ich mich in der letzten Zeit beschäftige. Und ich denke an Marc Schakinnis Hausarbeit in 3A über den Vergleich von LdL(Lernen durch Lehren) und cMOOCs (konnektivistische MOOCs). Und mir fällt etwas auf.

Während die Lehrer Handelnde sind, die Unterricht gestalten, Vorgaben machen, Regeln aufstellen und sanktionieren, bleiben die Schüler letztlich untergeordnet aber dicht beieinander. Sie sind mit der gleichen Situation konfrontiert, die sie bewältigen müssen, sie können sich vergleichen, sie können sich gegenseitig helfen, sie können miteinander konkurrieren, sie können sich zusammenschließen, sie können ausgrenzen, sie können nach Zuneigung und Anerkennung untereinander suchen,  sie können sich gegenseitig blockieren oder ignorieren, sie sind der geeignete Ort an dem Aggressionen jeglicher Art ausgelebt werden können. Die gemeinsam erfahrene Situation schafft die Erfahrung einer Gruppe. In der Wirklichkeit genauso wie im virtuellen Raum.

Die Peergroup der Lehrer ist dabei eine andere. Markus Deimann twitterte gestern den Link zu einem interessanten Artikel, der sich u.a mit dem Peer-Review in der Wissenschaft beschäftigt, und an Schulen findet sich die Peergroup der Lehrer eher im Lehrerzimmer und im Austausch mit Kollegen von anderen Schulen. Mit Lehrern müssen Schüler nicht in Konkurrenz treten und Studierende nicht mit fertigen Wissenschaftlern.

Die Personen in Peergroups allerdings stehen sich auf Grund ihrer gemeinsamen Lage nahe, daher gewinnen zwischenmenschliche und Gruppenprozesse gerade dort an Bedeutung. Hier wird es wichtig welche Vorbilder und Systeme eine Gesellschaft für Gemeinschaft entwickelt hat. Und hier geschieht es auch wo bestimmt wird, wofür Ablehnung, Anerkennung oder Ignoranz erfolgen. Hier manifestieren sich Krieg, Frieden, Intensität, Gleichgültigkeit, Höflichkeit oder Nettiquette.

An diesem Punkt zerfasern und verlaufen sich meine Gedanken in Bezug auf Peers. Da ich erforsche, ist das in Ordnung, auch wenn es mich frustriert. Das Thema ist noch nicht fertig erkundet, wird aber sicherlich weiter auftauchen. Allerdings fehlt noch der Bezug zum impliziten Rassismus und ich werde versuchen zumindest diesen noch herzustellen.

Rassismus ist eine Art die Welt zu betrachten. Ob die „Katzenbilder“ zu einem Mittel werden einen anderen Menschen abzuwerten und daraus entsprechende Gedanken und Handlungen abzuleiten, oder ob sie das bleiben was sie sind: simple Präferenzen, die ein anderer eben nicht nachvollziehen kann, basiert auf erlernten Haltungen. Wer rassistische Strukturen als Täter oder Opfer kennengelernt hat, hat auch gelernt wie er aus Unterschieden Wertungen konstruiert. Und diese Wertungen kann er oder sie auf andere und auf sich selber anwenden. Auch das Opfer hat gelernt, dass es sich selber durch Abwertung eines anderen aufwerten kann, wenn es diese Aufwertung benötigt.

Es gibt gute Gründe dafür, dass ein Studium der Bildungswissenschaft die soziale Konstruktion von Differenz und sozialpsychologische Erkenntnisse thematisiert. Es gibt unglaublich viel das im sozialen Miteinander erkannt und verbessert werden kann. Auch der Rassismus, dem man selbst ausgesetzt war und ist, und die Reaktion, die daraufhin geschehen ist und weiterhin geschieht.

Wenn aber Veränderungen im sozialen Miteinander durch gemeinsames soziales Lernen geschehen, wie sind dann xMOOCs und Fernstudiengänge einzuordnen? Sind sie nur Orte an denen Wissen abgeholt wird, das dann in anderen Zusammenhängen erprobt wird? Oder können sie selbst Orte sozialen Lernens sein? Und helfen cMOOCs im virtuellen Raum und LdL im Klassenraum, dass mehr Kooperation entsteht, weil den Individuen mehr Raum bleibt sich selbst als wirkmächtig zu erfahren und weniger in einer formlosen Masse zu verschwinden?

Meine Hoffnung mit diesem Blogeintrag etwas zu klären, haben sich nicht erfüllt. Möglicherweise habe ich jetzt sogar noch mehr Fragen als zu Anfang. Allerdings hat sich für mich erneut die Brisanz des Themas Peers bestätigt und auch die Notwendigkeit Formen des impliziten Rassismus im Auge zu behalten und genaueren Untersuchungen zu unterziehen.

Und durch einen Fehler aus Unkenntnis der Blognutzungsmöglichkeiten habe ich jetzt in diesem Blog eine eigene Seite für Peers und impliziten Rassismus. War nicht so beabsichtigt, aber ich lasse sie erst einmal. Mal sehen was das noch ergibt!

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