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Rassismus – was soll das eigentlich?

Nachdem ich mich jetzt endlich sachlich und ohne ständig emotional neben der Spur zu sein mit Rassismus auseinandersetzen kann, verstehe ich ihn immer weniger. Ich lese quer durch unterschiedliche Bücher, aber wenn ich denke, jetzt ist es mir klar, jetzt habe ich eine Antwort, dann löst sich alles wieder auf. Ich habe noch einmal auf Memmi[1] zurückgegriffen, doch auch seine Lösung verwirrt mich nur.  Er versucht es mit einer Trennung. Rassismus bei der Ausrichtung auf körperliche Merkmalen, Heterophobie bei anderen Differenzmerkmalen. Damit komme ich auch wieder stärker an den Begriff der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit heran.

Das stellt mich aber alles nicht zufrieden. Phobie oder Feindlichkeit sind viel zu schwache Begriffe. Nur der Begriff Rassismus ist in der Stärke des Wortes den Erscheinungen adäquat, die mich beschäftigen. Nur er wird den Verbrechen gerecht, die dort geschehen!

Ich treffe zufällig auf eine Bilderstrecke über eine Einbürgerung in Deutschland. Eine Familie aus von südlich der Sahara eingewanderten Menschen wird zu deutschen Staatsbürgern. Ich schaue die Bilder an und merke, dass ich mich freue. Ihr seid jetzt also auch Deutsche, wie schön. Ihr habt euch entschieden, dass ihr zu diesem Land zugehörig sein wollt. Seid willkommen, ich freue mich. Über die Eindeutigkeit meiner Empfindungen bin ich ein wenig überrascht.

Dann lese ich die Kommentare. Von acht auf der ersten Seite sind vier von der Redaktion entfernt. Da wird es sichtbar, das Problem. Auf den nächsten Seiten sieht es besser aus, aber auch da klingt das Problem durch: was ist ein Deutscher?

Ich lasse das. Ein weiterer Artikel: Sotschi, olympische Winterspiele, Homophobie, Festnahme. Nachdem ich nun sachlich bleiben kann, verstehe ich es nicht mehr. Ich kann das nicht nachvollziehen. Was soll das? Warum Kommentare, die gelöscht werden müssen, warum Festnahmen? Weswegen? Nur wegen Anderssein?

Ich krame in meinen Erfahrungen, betrachte sie neu, nun unter einer anderen Perspektive. Es tauchen keine Farbigen, Schwulen oder Ausländer auf, die mich aggressiv angegriffen haben, die meine ganze Existenz als Makel etikettiert haben und etikettieren. Das waren und sind andere.

Die reden nicht mit mir, die teilen nicht mit mir, die hauen drauf, mit Worten, mit Taten. Die grenzen aus, die werfen vor, die weisen zu. Die machen Angst.

Ich verstehe es nicht. Aber ich denke, warum habe ich ihnen so viel Bedeutung gegeben? Ihnen und ihrer Weltsicht. So dass ich begonnen habe, die Welt aus ihren Augen zu betrachten und mich selbst in der Gesellschaft dort einzuordnen wo sie mich hin haben wollten und hin haben wollen.

Vielleicht ist genau das die Absicht. Eben nicht teilen und nicht kommunizieren. Die Absicht ist es klein zu halten. Nutzen solange eine Nützlichkeit besteht und beseitigen, wenn diese nicht mehr gegeben ist. Deshalb auch die Zunahme von Feindlichkeit, wenn die Ressourcen knapper zu werden scheinen. Latenter Rassismus (oder welchen Namen auch immer die Erscheinung bekommt) schlummert und verstärkt sich bei Bedrohung von… ja wovon?

Was ist das – Rassismus? Eine kulturelle Entwicklung? Eine durch Sozialisation erzeugte Weltsicht? Ein Machtinstrument? Ein psychologischer Defekt? Was soll diese ganze irrationale Gewalt? Wie ein Kaninchen habe ich scheinbar mein Leben lang davor gehockt, steif und starr vor Angst, unfähig mich zu rühren (ok, das ist rhetorisch, tatsächlich habe ich auch andere Optionen genutzt wie verbergen oder flüchten, Verbündete suchen, aber ich habe das Spiel in der Position der Unterlegenen mitgemacht, das ist die Starre und Steifheit).

Ein wenig bin ich verzweifelt. Nachdem ich einen für mich so großen Schritt gemacht habe und kein Gefühl von nicht zu bewältigender Bedrohung mich mehr blockiert, dachte ich, jetzt sei es leicht zugrundeliegende Strukturen zu erkennen und zu beschreiben. Rassismus (oder welcher Name auch immer) scheint aber nach wie vor sehr viel Unklarheit zu beinhalten. Möglicherweise ist sogar das der Grund für seine weitere Wirksamkeit und für die negativen Auswirkungen dessen, was ich mit impliziter Rassismus benannt habe.

So schnell werde ich das Problem nicht vom Hals haben (das ist es, was ich eigentlich will: Klarheit und mich dann anderen Dingen zuwenden), also werde ich weiter suchen müssen. Bei den Psychologen, in meinen Studienbriefen und vielleicht doch noch bei der nächsten Präsenzveranstaltung, auch wenn ich nicht weiß wie ich die Anforderung von einem „Exposé bzw. einer Gliederung, woraus Ihre Fragestellung und Ihre Argumentationsfigur ersichtlich werden“ bei meinem momentanen Stand erfüllen soll. Da ich aber auch nicht mehr zurückgehen kann, bleibt mir wohl nichts anderes übrig als weiter zu gehen. Ganz gleich ob mir das passt oder nicht.

Literatur:

[1] Memmi, A. (1992). Rassismus. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt.

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