Bildungsmäuschen

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Intermezzo

RassismusInzwischen ist mir vieles klarer. Auch dass mir nichts anderes übrig bleiben wird als immer wieder die Augen offen zu halten, um zu sehen was rassistische Inhalte und Strukturen mit mir machen, wie sie gegen mich und andere angewendet werden und wie ich sie selber zu meinem eigenen Schaden und dem anderer anwende. Ein wenig ist das wie bei einer Suchterkrankung. Ständige und lebenslange Wachsamkeit ist notwendig und in meinem Fall das permanente Angehen gegen das Gefühl der eigenen nicht zu beseitigenden Minderwertigkeit. Zumindest fühle ich mich aber nicht mehr fortwährend am Rande einer Klippe von der ich jederzeit in den Abgrund gestoßen werden kann und das sorgt für eine ungewohnte innere Ruhe, Duldsamkeit und Toleranz.

Es fällt mir immer noch schwer mich selbst als gleichberechtigter Bestandteil einer Gesamtgesellschaft zu sehen statt als Bestandteil von ausgegrenzten Anderen. Es ist eine ganz andere Position als diejenige sich draußen zu sehen, wütend gegen Mauern schlagend und schreiend: „Ihr habt allen Gleichheit versprochen, aber was tut ihr in Wirklichkeit?“ Bereits als Kind ist mir diese Position zugewiesen worden, ich habe geglaubt und habe sie angenommen. Es spielt dabei keine Rolle warum und weshalb, an welchen Kennzeichen sich das festgemacht hat und was die Gründe dafür waren. Es war alles eine Lüge, nicht die Wirklichkeit. Es waren nur Konstruktionen, die einem Kind übergestülpt wurden, die es markierten und die sein Leben bestimmten.

Ich werde nicht mehr über mich weinen und auch nicht mehr über alle anderen, denen ähnliches widerfahren ist. Ich habe begonnen anders zu denken und das möchte ich fortsetzen. Etwas ist an sein Ende gelangt und hat sich aufgelöst, ich möchte ein anderes Leben führen.

An dieser Stelle nehme ich Abschied von meinem alten Ich. Ich habe keine Vorstellung für die Zukunft, aber auch das ist nicht wichtig. Wichtig ist dieser Moment und der nächste und nächste und nächste. Die Welt ist die Welt und ein Baum ist ein Baum. Mir war nie klar wie überwuchert ich von rassistischen Inhalten war. Geboren, aufgewachsen und von vornherein verdammt. Mit nicht zu beseitigendem Makel behaftet. Nicht Weiß gegen Schwarz, nicht die eine Kultur gegen die andere. Doch mit der Kennung der Minderwertigkeit versehen all dem Ausgestoßenen und Verworfenen zugeordnet, das niemals die gleichen Rechte haben kann als die wirklichen Menschen und dem beigebracht wird im Innersten daran zu glauben. Niemals kann dadurch etwas genug sein, keine Leistung reicht aus um den grundsätzlichen Makel zu tilgen. Um eine Behandlung als gleichwertiger Mensch kann nur gebeten werden, doch eingefordert werden kann sie nie, ganz zu schweigen davon sie als selbstverständlich zu betrachten. Und immer und immer wieder die Angst vor dem Stoß über die Klippe in den Abgrund bei jedem näheren menschlichen Kontakt.

Es ist nicht der Zeitpunkt um genauere Analysen zu liefern. In meiner Vorstellung fahre ich ans Meer und lasse den Wind an meinen Haaren zerren. Die Weite des Meeres, der zerrende Wind, doch ich stehe fest und ruhig und freundlich. Da ist keine Wut mehr. Ich schaue über das Meer und verstehe. Ganz ruhig.

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