Bildungsmäuschen

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Dekonstruktion

Von Professor Davidson von der Duke University habe ich diesen Begriff in den Kopf bekommen und nachdem ich den ersten Quiz ihres MOOC absolviert hatte, der für mich eine völlige Verdrehung des Systems darstellt, und wo ich nur noch da saß und in den Rechner fragte: was tust du da? (denn was soll ein Quiz, bei dem bei den meisten Aufgaben alle Fragen richtig sind oder eine Einzelantwort lautet: all above?) klackert es mal wieder in meinem Kopf. Es ist genau der richtige Zeitpunkt selbstverständliche Vorstellungen aufzulösen. Die letzten Jahre habe ich damit verbracht Vorstellungen über Bildung zu systematisieren, dieses Wissen steht mir jetzt zur Verfügung, doch die Fülle von nicht mehr zu systematisierenden Eindrücken, die fortwährend auf mich einströmen, führt dazu, dass ich loslasse.

Ich kann das Systematisieren letztlich aber nicht lassen, irgend eine Ordnung brauche ich und bleibe daher in Bezug auf das Lernen mit allerdings nur zwei Systemen zurück. Das eine ist visualisiert eine starre, aus scharfkantigem Draht geformte Zwangsstruktur, das andere ist eine bläulich schimmernde energetisch pulsierende frei und offen wirkende Struktur. Das eine sind gesellschaftliche Zwänge, Interpretationen und festgefügte Vorstellungen, das andere ist so etwas wie die tatsächlich vorhandene Struktur, das was eigentlich vor sich geht, der Raum der ungebremsten Möglichkeiten.

Ich muss so aufteilen, um mir Realität erklären zu können. Da beide aber zur gleichen Zeit existieren, versuche ich sie ineinander zu schieben, was ich aber wieder aufgebe, da es mir weh tut (es ist eine harte kantige Zwangsstruktur gestülpt auf dieses wunderschöne pulsierenden freien Gebilde!) und da es auch für die Übersichtlichkeit nicht sinnvoll erscheint. Ich lasse sie nebeneinander stehen, die erste rechts, die zweite links.  So kann ich das Ganze in meiner Vorstellung zum Funktionieren bringen.

Es wird fortwährend und ständig in den unterschiedlichsten Formen das Unterschiedlichste gelernt und gelehrt. Das ist die blaue Seite (vielleicht denke ich dabei unbewusst an eine Quelle). Niemand kann das wirklich bis ins Detail systematisieren und das ist für das Lernen an sich auch nicht notwendig. Menschen lernen und wollen lernen und dann auch lehren. Auf der anderen Seite ist das verfestigte Netz, das eine Form dafür festlegt was als Lernen zählt, wie Zugang zu Lernen geregelt ist, was als Lehren zählt, wie der Zugang dazu geregelt ist. Hier befindet sich all das was die menschliche Gesellschaft an Unterschieden und Bewertungen geschaffen hat, all die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zu lernen und Gelerntes zu verwenden und weiterzugeben.

Und jetzt kommen die Möglichkeiten des Internets und mischen das Ganze auf. Das ist es was für mich zur Dekonstruktion führt. Der Zwangsapparat ist ohne Zweifel da, aber er kann erneut als fragwürdig gedacht werden. Und es wird offensichtlich, dass menschlicher Erfindergeist eine Technologie in die Welt gesetzt hat, die viel mehr Möglichkeiten eröffnet als bestehende Gesellschaften für jeden einzelnen Bürger bereit halten.

In den MOOCs werden aktuelle Stimmen verfügbar, die von ihren Lernerfahrungen und Lernbedingungen erzählen. Der Rentner in einer amerikanischen Kleinstadt, der inzwischen an über 40 unterschiedlichen MOOCs teilgenommen hat und damit sein Schulwissen aktualisiert und dieses Wissen bei Bedarf an die Menschen in seiner Umgebung zum Nutzen seiner Community weiter gibt. Die Inderin, die von den Problemen in ihrem Umfeld erzählt adäquate Arbeitsplätze für gestiegene Bildungsniveaus zu finden. Die 19jährige Russin, die einen ausführlichen Bericht über den Lieblingslehrer von Großmutter, Mutter und sich selbst schreibt einschließlich einer Zusammenfassung der wichtigsten Merkmale für einen guten Lehrer in diesen Berichten und dabei einen Blick auf russische Geschichte und Wandel aus der Sicht von Alltagsmenschen liefert.

Es sind nur kleine Kiesel die ich auflese, aber sie vermitteln mir das Bild einer zusammenhängenden Welt und führen mich an all diese Orte an denen Menschen leben, die eigentlich nicht wirklich etwas anderes wollen wie ich. Sie möchten ein Leben führen, in dem sie sich wohl fühlen, mit dem sie zufrieden sein können. Und die mehr erfahren wollen. Die dazu lernen wollen. Wie die gemeinsame Arbeit schafft das gemeinsame Lernen einen Zusammenhang zwischen sehr unterschiedlichen Menschen. Das gemeinsame Lernen verbindet Welten.

Dekonstruktion. Vorstellungen sind in Bewegung, zerlegen sich, setzen sich neu zusammen. Der Käfig der Verstrickungen und Zwänge bleibt und es scheint nicht klug ihn zu ignorieren und die Verflechtung so vieler, wenn nicht aller Menschen dort hinein. Aber er ist nicht alles, eigentlich ist er ohne den andern Teil gar nichts. Ich mag den Käfig der Zwänge und Verstrickungen nicht, doch ich muss in ihm leben. Aber es hilft, wenn ich nach meinem Vorstellungsbild differenzieren kann. Und wenn ich durch alle Bildungsabsurditäten hindurch das sehen kann was sich eigentlich dahinter befindet: die unglaubliche Begeisterung und Freude der Menschheit für das Lernen, für die Entdeckung, für das Neue und das Aufregende, für die Erweiterung des Horizontes, für die Berührung mit vielfältigen neuen Ideen.

Auf der einen Seite Lernen pur und auf der anderen Seite Mittel um das Lernen in eine feste Form zu passen. Irgendwie so.

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