Bildungsmäuschen

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MOOCs und Murks

Einerseits bin ich eine der vielen Versuchsmäuse, andererseits bin ich die Leiterin des Experiments. Versuchsmaus bin ich für die Veranstalter der MOOCs an denen ich teilnehme, Versuchsleiterin bin ich bei meinen eigenen Versuchen wie es ist mit MOOCs zu lernen. Und Murks machen wir auf beiden Seiten. Murks gehört dazu wenn man noch nicht über ausreichende Erfahrungen verfügt. Das mag eine banale Feststellung sein, doch daran zu denken ist für mich sehr nützlich um gelassen zu bleiben, mit Gelassenheit zu handeln und den Kopf frei zu behalten für sinnvolle Erkenntnisse, die Verbesserungen ermöglichen.

Heute Morgen habe ich mir eine Liste der Intentionen meines Experiments erstellt.

  1. Ich will mit MOOCs lernen
  2. Ich möchte mich dabei nicht stressen
  3. Ich möchte die MOOCs zum Nachweis ausreichender Teilnahme im Sinne der Veranstalter mit einem Teilnahmezertifikat abschließen
  4. Ich wünsche mir dabei interessante Lehrbeiträge und die Möglichkeit der Wahrnehmung anderer Teilnehmer

Die Liste ist hierarchisch in ihren Prioritäten.

Und jetzt kommt der Murks ins Spiel. Ich habe mein Experiment nicht im Vornherein entwickelt. Bevor ich es angefangen habe, wusste ich noch nicht einmal was ich beabsichtige. Es ging alles viel zu schnell. Prinzip: Die Gelegenheit ist da, du beginnst zu testen, irgendwo sind Vorstellungen vorhanden, die werden aber erst im Lauf des Experiments klar. Ich habe die angegebenen Wochenstundenzahlen der MOOCs bei denen ich mich bereits eingeschrieben hatte addiert, habe dabei den Maximalbereich gewählt und meine Vorerfahrungen mit Lernen an der Fernuni und in MOOCs berücksichtigt und kam auf eine ohne Stress zu bewältigende Stundenanzahl. Gestartet hatte ich Ende Januar und bisher ging zeitlich auch alles gut bis auf einen Abgabetermin bei dem ich mich bei der Zeitumrechnung vertan hatte, wodurch der Beitrag nur sehr kurz und unzureichend wurde (ich habe ihn aber noch mit vielen Komplikationen und am Ende sehr happy eingereicht bekommen).

Jetzt ist die dritte Woche durch und ich komme langsam ins Schleudern. Einerseits weil ich diese Woche weniger Zeit zur Verfügung hatte als notwendig und dadurch am Wochenende aufholen muss. Das geht nur indem ich mich stresse und auch weiterarbeite wenn ich bereits erschöpft bin, was ich bisher vermieden habe. Andererseits weil die MOOCs  viele unberechenbare Teile enthalten. Das im Detail anzuführen würde den Rahmen sprengen, zusammengefasst meint es, dass die MOOCs an denen ich teilnehme kein ausgereiftes Produkt darstellen, sondern…Vielleicht ist der Begriff Prozess angebracht. Sie präsentieren sich in einem Rahmen, der solide, funktionierend und verlässlich wirkt, was auch die Art der optischen Präsentation auf der entsprechende Internetplattform unterstützt, und das ist es auch was ich in den Erwartungen vieler Teilnehmer gespiegelt sehe, für mich herauslesbar aus Beiträgen und Reaktionen auf Probleme und Pannen.

Es ist durchaus die Vorstellung des leicht Konsumierbaren vorhanden, die Erwartung reibungslos durch einen Ablauf geführt zu werden, der am Ende das Wissen erzeugt hat, das man erwartet hat. Und bei gefühlt ausreichender Teilnahme ist auch die Belohnung durch ein Zertifikat notwendig. Eine gewisse Großzügigkeit gibt es bei unbezahlter Teilnahme, aber bei bezahlter Teilnahme wird eher ein qualitativ hochwertiges Lernprodukt gefordert.

Ich gehe zurück zu meinem ersten Punkt: Ich will mit MOOCs lernen. Der einzige Punkt der als Willensabsicht formuliert ist. Aber geht das überhaupt? Wann habe ich meinen Vorstellungen von Lernen entsprechend überhaupt etwas gelernt? Und dann, was lerne ich in den MOOCs, das was gelehrt wurde oder das was ich darin für mich entdeckt und mit Bedeutung gefüllt habe? Und wenn ein MOOC in großen Teilen auf den Austausch der Teilnehmenden setzt wie der MOOC History and Future of (Mostly) Higher Education in dem die Beiträge so lang sind, dass es gefühlt unendlich lange dauert sie zu lesen und die Foren so voll, dass ich nur stichprobenartig Beiträge herauspicke, dann lernt jeder und jede etwas anderes und jeder und jede wird den MOOC anders wahrnehmen.

Ich werde zurückgeworfen auf mich selbst. In einer individualisierten Welt muss ich letztlich selbst bestimmen, bin dabei aber in keinster Weise frei sondern gebunden an das in mir Vorhandenen und dem das in meiner sozialen Umwelt vorhanden ist, vermittelt über die Möglichkeiten der zur Verfügung stehenden bzw. wahrgenommenen Medien.

Lernen. Ich will lernen. Soll ich durch MOOCs überhaupt lernen und was soll ich dann lernen? Wie bringt man Lernen in Gang? Kann man Menschen mit den Inhalten eines MOOC füllen und dann haben sie etwas gelernt? Muss man Menschen nur dazu anstoßen ihr Lernen selber in die Hand zu nehmen?

Alle diese interessanten Fragen tauchen durch den Murks in meinem Kopf auf. Wegen meines eigenen und dem in den MOOCs.

Doch zuerst einmal, was verstehe ich eigentlich unter Murks? Ich habe diesen Begriff schließlich intuitiv gewählt, nicht nach langen sachlichen Überlegungen. Der passende Auszug aus der Wikipedia lautet „… ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für die Arbeit einer Person ohne ausreichende Fachkenntnisse – beziehungsweise deren Ergebnis, ein fehlerhaftes Produkt, einen Baumangel oder eine miserable Dienstleistung.“

Genau das trifft es. Auf beiden Seiten experimentieren wir mit unzureichenden Kenntnissen im Rahmen der uns zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten. Wir probieren aus was mit einem noch relativ neuen Medium für das Lernen möglich ist. Wir bringen dabei unsere bisherigen Lern- und Lehrerfahrungen als Basis mit.

Auf meiner Seite muss ich viele Fragen stellen, am stärksten danach was Lernen für mich eigentlich bedeutet, wann ich etwas gelernt habe und wie nachhaltig das ist. Danach wie es anderen geht wage ich nicht zu fragen, da ich befürchte mit viel zu vielen Antworten überrollt zu werden. Aber ich frage nach den Motiven der Anbieter. Wollen sie lehren? Und was bedeutet für sie Lehren? Stellen sie dabei ihre Schüler in den Mittelpunkt? Und was ist mit den Veranstaltungen in denen sich die Fachleute austauschen? Oder austauschen könnten?

Und damit habe ich noch keinen Blick auf finanzielle Hintergründe geworfen, auch wiederum für mehrere Parteien. Hinter den Lehrenden und Lernenden und sich Austauschenden stehen andere im Hintergrund. Cathy N. Davidson hat dafür im oben genannten MOOC die Formulierung benutzt, dass immer jemand hinter der Kamera steht. Und denjenigen sehen wir nicht. Wen nehmen wir im MOOC wahr und wen nicht? Welche Zusammenhänge werden uns klar und welche bleiben den meisten Teilnehmenden verborgen?

Nach all diesen vielen unbeantworteten Frage zurück zum Murks. Ich murkse rum, die Veranstalter murksen rum. Das gilt es immer zu bedenken. MOOCs sind kein fertiges Produkt, sie sind ein immer wieder lebendiger Prozess des Lernens und Lehrens. Und Lernen steht hier mit Absicht an der ersten Stelle.  Auch die Lehrenden werden zu Lernenden oder sollten es zumindest werden. MOOCs haben in meinen Augen ein großes Potential. Doch dieses Potential könnte letztlich in etwas ganz anderem liegen als sich das viele jetzt vorstellen. Viel zu sehr sind unsere Vorstellungen noch an übliche Formen formalen Lernens gekettet.

Sind wir eingerichtet auf ein ständiges Um- und Neulernen? Haben wir grundlegende Fragen von Lernen und Lehren beantwortet? Und was für ein gesellschaftliches Fundament haben wir für Lehre und Lernen? Wie sieht das Verhältnis von Gemeinnützigkeit und Business aus? Was ist mit der sozialen Ungleichheit? Für was für eine Welt wollen wir überhaupt lernen (und lehren)?

Ich mache weiter mit ziemlich vielen Fragen, dem Murks sei Dank. Was holprig verläuft, rüttelt den Kopf wach. Je sanfter dagegen die Reise, desto eher schläft er ein. Und auf jeden Fall nicht vergessen, als Merksatz: Das Potential von MOOCs könnte ein ganz anderes sein als wir uns momentan vorstellen. Und der fremde wie auch der eigenen Murks können dabei eine Hilfe sein um Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen, die möglicherweise eine andere Sicht auf die soziale Welt ermöglichen. Es ist der Murks, der einen Ansatzpunkt bietet, um Ungereimtheiten zu entdecken, um den Schleier der unhinterfragten Erwartungen zu zerreißen und …so etwas wie einen offeneren, weniger festgelegten Blick zu bekommen.

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