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Die MOOCplattform als vorgebener Klassenraum

Da ich gestern einen weiterer Kurs auf der IversityPlattform begonnen habe, der von den Veranstaltern etwas anders als der Kurs zu Gamification gestaltet wird, bewegt sich der Eindruck über den ich gestern geschrieben habe weiter in eine etwas andere Richtung. Zum Thema wird die vorgegebene Gestaltung der Plattform, die ich mit dem Schulgebäude, bzw. dem Klassenraum verglichen habe, das nicht von den darin Lernenden und Lehrenden errichtet wurde, diese müssen das nehmen was sie vorfinden und das Besten daraus machen was sie können. Vergleiche lassen sich auch zu Mietwohnungen oder Bauvorschriften finden. Sozialer Raum und Lernraum wird allein durch die Umgebungsgestaltung gelenkt.

Leider habe ich in diesem Bereich kaum konkretes Vorwissen weder für Gebäude aus Mörtel und Stein noch für Räume aus Bits und Bytes, und auch keine Ahnung wer sich wo damit beschäftigt hat. Ich halte diesen Aspekt aber für sehr wichtig. Jede Plattform ermöglicht und verhindert Dinge, erleichtert das eine, erschwert das andere und leitet Ideen, die Art der Präsentation, die Form der Beteiligung. Wenn ich das Courseragebäude für einen neuen Kurs betrete, kenne ich mich in der Grundstruktur schon aus und muss nur noch herausfinden wie mein spezifischer Kurs gestaltet ist, wo welche Materialien zur Verfügung stehen, wie Syllabus und Gradings aussehen und vor allem wie der  Zeitplan gestaltet ist. Coursera empfinde ich als ein relativ offenes Gebäude, in dem verschiedene Anbietende schon erstaunlich unterschiedliche Kursstrukturen und Abläufe gestalten konnten. Systematisieren möchte ich das an dieser Stelle nicht.

Das Coursera Gebäude hat mich auch nicht auf die Gedanken zu Begrenzung und Lenkung gebracht, sondern es war vorgestern die konkrete Erfahrung der schlechten Verständlichkeit des Kurses zu Gamification kombiniert damit, dass ich inzwischen ein paar Informationen zu Gamification habe und meine, dadurch ein wenig davon verstehe, was man eben nicht tun sollte, weil es demotivierend ist oder falsch motivieren kann. Letztlich ist es wieder das Prinzip, dass es häufig erfahrene „Fehler“ sind, die zu neuen Gedankengängen führen (damit noch einmal ein Hoch auf die Fehler!)

Bisher war mir nie die starke Beeinflussung durch eine Kopfzeile aufgefallen, in der in Prozent (!) angegeben wird wie viel man bereits abgeschlossen hat (bei Iversity verwendet). Der Kurs „Meine Schule transformieren – ein Reiseführer“ beschäftigt sich mit einem offenen, auf Entwicklung ausgerichteten Thema und bei diesem Thema auf eine erkundende Art, was eine solche Leiste für mich vollkommen deplatziert erscheinen lässt. Es gibt bei einem offenen, auf Erkundung und Erforschung ausgerichteten Kurs keine Erfüllung von 100%. Das ist auch nicht im Sinne der Veranstalter, die ausdrücklich darauf hinweisen, dass keine Antwort falsch oder richtig ist. Die Prozentanzeige mahnt aus einer anderen Welt in der es für jeden genau das Gleiche zu erfüllen gibt und wo ab einer gewissen Grenze zweifelsfrei bescheinigt werden kann, dass das Gewünschte in ausreichendem Maß aufgenommen wurde.

Auch das übliche Abfragen in Quizform nach Videos oder schriftlichen Informationen scheint in diesem Zusammenhang fehl am Platz und wirkt lächerlich. Dabei haben die Veranstalter die erste Woche wirklich interessant aufgebaut. Sie arbeiten primär mit kleinen Blöcken schriftlicher Informationen, die zum Nachdenken und anschließender eigener Antwort auffordern. Die eingebaute Quizabfragefunktion wird dabei umgestaltet in „Teilgenommen: ja/nein“. Sehr geschickt gelöst. Dadurch wird auch die merkwürdige unübersichtliche Forengestaltung von Iversity aufgehoben, da in diesem Fall alle Antworten hintereinander lesbar unter dem Text erscheinen.

Ich mag das Forenformat von Coursera oder Moodle, wo alle Beiträge und Kommentare zu einem Thema in einer manchmal endlosen Reihe von Posts erscheinen, in überwältigender Fülle, aber offen einsehbar. Bei Iversity wirkt alles viel versteckter, Kommentare müssen erst aufgeklappt werden. Mag sein, dass manche Menschen sich davon weniger erschlagen fühlen, mir persönlich vermittelt es einen Eindruck von Abgeschlossenheit und Unzugänglichkeit und hat einen geringeren Aufforderungscharakter zur Teilnahme.

Mein Thema war der Einfluss der Raumgestaltung auf die im Raum ablaufenden Prozesse. An meinem eigenen Wohn- und Arbeitsplatz habe ich keinen Einfluss auf die äußere Gestaltung, auch wenn ich davon ausgehe, dass in beiden Fällen Änderungen vorgenommen werden könnten, die Wohnen bzw. Arbeiten verbessern würden. Die Errichter sind nicht die Nutzer, die Nutzer sind nicht in der Position Änderungen durchführen zu können oder zu dürfen, die Errichter sind nicht daran interessiert für die Nutzer Änderungen durchzuführen und die Nutzer fordern diese Änderungen entweder nicht ein oder werden bzw. können mit diesen Forderungen nicht berücksichtigt werden.

Man könnte eine Analyse bezogen auf Macht- und/oder Kommunikationsstrukturen vornehmen, ich streife den Bereich nur kurz und habe ein neues Element gefunden, das ich berücksichtigen kann: die vorgegebene Gestaltung des Lehrraums und sein möglicher Einfluss auf den Ablauf eines Kurses und die Erfahrung, die Menschen in einem Kurs machen können und wozu sie angeregt werden können und wozu eben nicht.

Ganz vergessen habe ich jetzt die Verbindung zu Gamification. Zwei Elemente kann ich bei Iversity als implemetiert ausmachen, die als Gameelemente bezeichnet werden können.

  • Erstens die dominierende Erfüllensleiste in Prozent in Kombination mit der Angabe beim Aufruf der Seite wie viel bereits bearbeitet wurde in Zahl von Zahl
  • sowie die Reaktion auf richtige oder falsche Antworten bei den Quizzen.

Leider komme ich momentan nicht an diese Form des Feedbacks bei den Quizzen heran. Aber es hört sich etwa so an: „Wunderbar, super gemacht!“ oder „Leider nicht richtig, versuch es noch mal.“ Ich bin nicht Pawlows Hund und mich nervt so etwas, vor allem wenn ich banale Fragen beantworten soll oder die Programmierung nicht mit meinem Browser zusammenarbeitet und es mir unmöglich macht die richtigen Kreuze zu setzen, während ich lesen muss, dass ich es doch weiter probieren soll. Solche Elemente halte ich in diesem Fall nicht für sinnvoll. Ein einfaches richtig oder falsch, eventuell gekoppelt mit einer Information reicht und ist wesentlich neutraler für verschiedene Kursarten einsetzbar, und eine Angabe in Prozent ist ebenfalls nicht notwendig. Einfache Haken oder farbliche Veränderungen reichen auch hier und lenken die Vorstellungen auch nicht zu sehr in eine durchaus behavioristisch anmutende Lernrichtung.

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1 Kommentar

  1. Marco Beba sagt:

    Spannend von deinen Erfahrungen mit Iversity zu lesen, vor allem im Vergleich mit der Struktur von Coursera.
    Ich habe bisher nur Coursera ausprobiert und werde eventuell auch in Zukunft wenn ich mehr Zeit habe mal einen Blick auf Iversity werfen.

    Viele Grüße,
    Marco

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