Bildungsmäuschen

Semesterbeginn

Am 1. April hat das neue Semester an der FernUni Hagen begonnen und wie geplant habe ich jetzt alle sechs Ende Januar bei Coursera begonnen MOOCs erfolgreich beendet. Geplant war danach die Konzentration auf mein Studium, doch das fällt mir schwer. Einerseits habe ich im Lauf der letzten Monate weiter MOOCs dazugenommen, die sehr interessant und hilfreich sind und die ich eigentlich gerne weiter machen möchte, andererseits sieht alles was ich momentan von der FernUni wahrnehme nicht nach Spaß, sondern nach Stress und harter Arbeit aus.

Harte Arbeit – Max Webers Untersuchung „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ gehört zu denjenigen Büchern, die meinen Geist beträchtlich erweitert haben. Ich habe die letzten Wochen hart gearbeitet, habe 40 bis 60 Stunden pro Woche in Tätigkeiten gesteckt, die ich klar als relevant für Lernen einstufen kann und dabei die Nebenbeidings, die auch Lernen bedeuten nicht mit einbezogen. Aber ich habe es nicht als harte Arbeit empfunden, denn es hat Spaß gemacht. Das was Spaß macht ist aber nicht die gottgefällige Arbeit, die der protestantische Geist als Gnadenbeweis gelten lässt. Oder habe ich da etwa etwas falsch verstanden?

Der Spaß und die Arbeit – Ich habe mich mit Gamification beschäftigt und dabei entdeckt, dass ich schon als junge Frau am Fabrikband oder auf dem Kartoffelacker meine Arbeit gamifiziert habe. Ich habe versucht herauszufinden wie ich möglichst viele Teile gleichzeitig aufs Band bekomme und immer schneller werden kann, wie ich meinen Korb so stelle, dass ich ihn möglichst wenig umstellen muss, habe Kartoffeln gezählt und bei einer bestimmten Zahl durfte ich dann einmal um den Korb laufen und ähnliche Spielchen. Spielelemente machen gerade das Eintönige spannend.

Die Eintönigkeit ist aber nicht das Problem mit dem mangelnden Spaß an der Arbeit für die FU und dem Spaß mit den MOOCs, wobei ich in dieser Formulierung schon das Problem durch die Wortwahl formuliert habe. Für die FU und mit den MOOCs. Ich nutze die MOOCs für meine Zwecke, werde dabei begeistert und das motiviert meinen Lern- und Arbeitswillen. Für die FU habe ich Leistungen zu erbringen, damit ich im Tausch etwas bekomme.

Das sind Empfindungen und über Empfindungen kann man nicht diskutieren. Empfindungen kann man nur beobachten und dazu Fragen stellen. Und denen muss ich mich jetzt stellen. Ich habe noch einen kleinen zeitlichen Puffer, es muss nicht heute sein und nicht an diesem Wochenende, noch habe ich Zeit mich meinen MOOCs zu widmen und Ideen für die anstehenden, spannenden Projekte zu entwickeln, sie zu planen und umzusetzen.

Warum gelingt mir das nicht bei der FernUni? Warum denke ich letztlich mit Widerständen an das kommende Semester? Warum denke ich in Kategorien von Verzicht und Entbehrung? Warum fühle ich mich in einen Zwangsapparat gepresst? Warum kann ich damit nicht locker umgehen?

Mein Selbstbild als Schülerin ist durchaus positiv. Ich bin meistens gerne zur Schule gegangen und habe meistens gerne gelernt. Hier sind die Wurzeln in meinen Augen nicht zu suchen. Und auch an der FU habe ich die ersten beiden Semester gerne gelernt. Was ist passiert? Es sind nicht die Themen an sich. Es ist auch nicht die Form des Fernstudiums an sich. Ich habe noch keine Antwort darauf was eigentlich los ist, aber zumindest ist mir jetzt klar, dass da etwas los ist und ahne, dass es im Zusammenhang mit Bildung von großer Bedeutung ist.

Ich fahre die Straße entlang und sehe auf die Menschen und Gegenstände und Gebäude und frage was das alles mit Bildung zu tun hat und entdecke, es ist ganz viel. Die Art der Bildung, der Zugang zu Bildung, der Ausschluss von Bildung, die Verwertbarkeit von Bildung. Ich schaue auf die einzelnen Menschen und versuche sie im Zusammenhang mit ihrer gemutmaßten jeweiligen Bildung zu sehen. Die FernUni ist Bestandteil eines Systems, das über sich reflektieren, sich aber nicht verlassen kann.

Das Potential das schon Kinder entfalten sollen, wofür eigentlich? Für was für eine Art von Gesellschaft? In ihrem eigenen Interesse oder im Interesse ihrer besseren Verwertbarkeit? Und wofür verwertbar? Die Stadt ist voller Häuser in denen Menschen leben. Leben sie das Leben, das sie haben wollen? Oder leben sie das Leben wovon sie gelernt haben, dass es die angemessene Art des Lebens ist und wer hat das bestimmt? Sie selbst oder andere? Und wer? In welchem Interesse?

Fragen helfen eine andere Perspektive einzunehmen. Ich lerne mehr darüber was andere über das Funktionieren von Dingen herausgefunden haben und wie es in verständliche belegte Worte gefasst werden kann, doch ich lerne nichts darüber wie Dinge geändert werden können.

Seit den Übungen zur kreativen Problemlösung (speziell DSD5) wird mir immer klarer wie sehr meine Wahrnehmung von meiner Weltkonstruktion bestimmt ist. Nicht theoretisch nachvollzogen, sondern im Leben erfahren. Spätestens seit ich mich einen Tag in die Rolle meines Schwagers versetzt habe, weiß ich, dass ich jemand ganz anderes sein könnte, wenn ich aus irgendwelchen Gründen anderen Einflüssen ausgesetzt worden wäre. Und mit dieser anderen Sicht auf die Welt würde ich anders handeln.

Ein bisschen näher bin ich meinen Schwierigkeiten schon gekommen, doch es fehlt noch etwas. Ich bin enttäuscht. Am Anfang habe ich von dem Studium nichts anderes erwartet als ein Zertifikat, das meine Chancen verbessert. Dann hat mir das Studium Hoffnung gegeben, da seine Inhalte so viele Dinge klar benennen und die Augen so weit öffnen für den Bedarf an Potentialen, Verbesserungen und Veränderungen. Doch dort bleibt es stehen und kehrt zurück zu dem was schon vorher da war. Die Erfüllung der Anforderungen für ein Zertifikat, das von einer spezifischen Gesellschaft akzeptiert ist. An den Anfang der Reise zurückgekehrt und nichts mitgebracht als den Spielzeugtand von Muggelsteinen, statt aus dem Wissen Werkzeuge zu schmieden, die nicht unter den Belastungen des Alltags zerbrechen.

Ich werde eine Entscheidung treffen oder sie wird für mich getroffen werden. Ich habe Hoffnung gewonnen und Hoffnung verloren. Was ist also wirklich geschehen? Ich habe nichts verloren, aber Wissen gewonnen. Es liegt bei mir was ich daraus mache. Ganz allein bei mir. Leider.

Doch was ist diese Gesellschaft eigentlich? Lauter Einzelwesen, die in Zusammenhängen aufeinander einwirken und sich gegenseitig zuordnen nach Kriterien, die in den Köpfen der einzelnen erzeugt werden. Und auch wenn es nur Konstruktionen sind, die auch ganz anders aussehen könnten, werden sie unentwegt für Realität gehalten, weil Menschen daran glauben.

Doch unter solchen Voraussetzungen gibt es keinen zwingenden Grund diese Kopfkonstruktion aufrecht zu erhalten, und damit gäbe es eigentlich Platz die Welt mit ganz anderen Augen wahrzunehmen, wenn es denn im Alltag gelingen würde! Wie hat Kant formuliert:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. “ [1]

Und ein anderer, dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe sagte, dass die Aufklärung nie vollkommen umgesetzt wurde. Schon die Pariser Commune wurde zerschlagen und ihre Träume in Blut ertränkt. Der Wohlfahrtskapitalsmus erklärte die Welt unter seiner Herrschaft für gut und schön und jeden Zweifel daran als unrealistische Einschätzung der menschlichen Natur. Und während wir im globalisierten Hamsterrad unsere Runden drehen und mit der Hoffnung auf kommendes Glück unsere Leben und unseren Planeten verschleißen, wird die Welt unter wenigen Mächtigen verteilt und nach Vorstellungen gestaltet, deren weltweite Gültigkeit nicht unbedingt einer Mehrheitsentscheidung entspricht.

Ich weiß nicht was dieses Semester geschehen wird. Und vielleicht ist genau das die Haltung, die am meisten Sinn ergibt. Ich ahne, dass es mir möglich ist meine Weltsicht grundlegend zu ändern und alte Gewohnheiten zu verlassen. Im religiösen Bereich existiert dafür die Vorstellung vom Menschen, der im neuen Geist wiedergeboren wird.  Aber eigentlich bin ich dafür zu müde, denn das hört sich wieder sehr anstrengend an. Eigentlich möchte ich nur in einem ewigen Fluss der Sinnhaftigkeit leben, in einer Geschichte mit offenem Anfang und offenem Ende, gefüllt mit Begeisterung und Leidenschaft. Aber nicht in eine Legebatterie gepfercht, und wenn meine Federn zerschlissen sind und ich keine Eier mehr lege, komme ich in den Suppentopf und werde auf kleiner Flamme mit reichlich Gemüse einige Stunden leicht sprudelnd gekocht.

Guten Appetit!

 

Referenzen:

[1]  Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift 4 (1784), S. 481-494.

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