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Multiple Intelligenzen, Growth Mindset und Fixed Mindset

Ich bin in der letzten Zeit mit zwei Ansätzen bekannt gemacht worden, die ich seitdem in mein Denken eingebaut habe. Beide stammen aus der Reihe Teaching for Learning auf der Coursera Plattform.

Das Konzept multipler Intelligenzen geht auf den Harvardprofessor Howard Gardner zurück. Es gibt in diesem Zusammenhang auch einen Intelligenztest für multiple Intelligenz, bei dem ich empfehlen kann ihn auszuprobieren. Die Auskunft, die er gibt, ist auf dem Hintergrund der Theorie sehr interessant. Gerade nach der letztlich rassistischen Verwendung von Intelligenztests im Sinne eines John P. Rushton (mir wird immer noch schlecht wenn ich daran denke) gibt mir dieses Konzept den Glauben daran zurück, dass Intelligenztests auf Kriterien basieren können, die hilfreich für Lehren und Lernen sein können.

Gardner geht vom  gleichzeitigen Vorhandensein verschiedener Formen von Intelligenz in einem Menschen aus, die in unterschiedlicher Ausprägung vorhanden sind, und deren Kenntnis für Lehrenden und Lernende hilfreiche Informationen für Lern- und Lehrstrategien geben können. Er unterteilt dabei in neun Bereiche:

  • musisch
  • visuell
  • verbal
  • logisch
  • körperlich
  • interpersonell
  • intrapersonell
  • naturalistisch
  • existenzialistisch

Neben diesem Ansatz gibt es weitere Konzepte wie

  • spirituelle Intelligenz
  • reflektive Intelligenz (David Perkins, ungeprüft)
  • emotionale Intelligenz (Daniel Goleman, ungeprüft)

die eine vielfältiges Bild menschlicher Intelligenzformen abbilden. Eine hierarchische Ordnung dieser Bereiche ist unsinnig, wenn man dem einzelnen Lernenden gerecht werden und sein individuelles Potential fördern will. Für jede Art von Intelligenz gibt es andere geeignete Lern- und Lehrmethoden und besonders interessante Interessengebiete.

Gelernt habe ich dabei, dass es wohl tatsächlich Menschen gibt, die mit Hintergrundmusik gut lernen (etwas das für mich unvorstellbar ist), dass nach der Theorie immer verschiedene Intelligenzformen gleichzeitig in unterschiedlicher Ausprägung in einem Menschen aktiv sind, dass sich diese auf sehr unterschiedliche Bereiche beziehen, die aber ein Ganzes ergeben, und habe erneut einen Beleg dafür gefunden, dass eine Bildung und Erziehung, die alle gleich behandelt und die gleichen Lernwege und Inhalte einfordert, unfair ist und nicht das Potential der Einzelnen fördern kann. Gleichzeitig aber auch dass Hierarchisierung von Intelligenzformen unsinnig ist. Für jeden Bereich der Intelligenzen werden geeignete Wissensfelder und Berufsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Niveaus angegeben. Ich persönlich war bei dem Intelligenztest überrascht, dass sowohl Kunst als auch Computerprogrammierung (Dinge, die mich momentan am meisten anziehen) den Intelligenzformen zugeordnet werden, die bei mir als am ausgeprägtesten erfasst werden. Die mitgelieferten Informationen vermitteln in meinen Augen sehr klar in welcher Form sie verwendet werden können und sollten, nämlich um das eigene Herangehen an Lernen oder Lehren zu verbessern.

Gardner richtet sein Augenmerk darauf wirklich jedes Kind (und vielleicht auch Erwachsenen) zu erreichen, folgt also einem schülerzentrierten Ansatz. Dabei favorisiert auch er weniger den reinen Wissenserwerb als die Entwicklung praktisch anwendbaren wissenschaftlichen Verständnisses im Verlauf der Schulzeit.

In diesem Zusammenhang habe ich kürzlich das sehr erstaunliche Buch Rettet die Neugier! von Salman Ansari lesen können (Inhaltsverzeichnis und Leseprobe). (Untertitel: gegen die Akademisierung der Kindheit!) Was vom Titel her wie eine dieser journalistischen Anklagen an fehlgeleitete Konzepte wirkte, entpuppte sich im Verlauf des Lesens in seinem zweiten Teil als nützliches Sach- und mögliches Arbeitsbuch für sehr interessante Methoden und Konzepte, um das Verständnis empirischer Wissenschaft bei Kindergarten- und Grundschulkindern auf ihrer Erfahrungsebene zu fördern. Diese Methoden orientieren sich am Alltag und der Lebenswelt der Kinder und zeigen Möglichkeiten wie sich der Erwerb wissenschaftlichen Verständnisses mit dem angeborenen Entdeckerstreben der Kinder auf einem ihnen entsprechenden Niveau verbinden lässt.

Doch zurück zu Gardner und den multiplen Intelligenzen. Rassisten sind sehr erfindungsreich und mit Sicherheit würde es ihnen gelingen auch dieses System zum Nachweis natürlicher Unterlegen- und Überlegenheit zu benutzen. Durch seine Komplexität halte ich es aber für weniger geeignet und eher für den Gedanken horizontaler Vielfalt nutzbar.

Die zweite Neuerwerbung in meinem Vorstellungsbild bezieht sich auf die Unterscheidung zwischen einer Einstellung hin auf Fixiertheit (fixed mindset) und einer Einstellung, die sich auf Wachstum ausrichtet (growth mindset). Ich werde im folgenden die englischen Begriffe verwenden. Diese Unterscheidung geht auf Carol S. Dweck zurück [1]. Auch dieses Konzept ist im Zusammenhang mit Rassismus interessant. Das fixed mindset zeichnet sich durch die Annahme aus, dass man Intelligenz hat oder eben nicht. Es ist daher nicht notwendig Herausforderungen zu suchen, diese stellen eher eine Bedrohung dar, bei nicht sofortigem Gelingen wird schnell aufgegeben und Anstrengungen werden als Zeitverschwendung betrachtet. Feedback wird ignoriert, da es ebenfalls eher als Beeinträchtigung denn als nützlich betrachtet wird, und auch der Erfolg anderer wird eher als Bedrohung wahrgenommen und kaum als Ansporn seine eigenen Möglichkeiten zu verbessern und zu erweitern.

Das growth mindset sieht Intelligenz dagegen nicht als etwas Festes an, sondern als etwas, das entwickelt werden kann. (In Bezug auf die multiplen Intelligenzen können sich dort auch die Schwerpunkte verlagern, was mein Eindruck während der Verwendung des Testes war. In jüngeren Jahren hatte ich andere Prioritäten und andere der dort angegebenen Intelligenzformen waren ausgeprägter als heute während der momentan dominierende Bereich damals weniger betont war.)

Das growth mindset begrüßt Herausforderungen als Möglichkeit zur Entwicklung, macht weiter auch wenn die Dinge schwierig werden, sieht Bemühen als Weg zur Meisterschaft, lernt vom Feedback und holt sich Inspiration vom Erfolg anderer (Dabei muss ich stark an die in japanischen Mangas und Animes dargestellte Haltung zum Lernen an sich denken.)

Auch dieses Konzept ein gutes Argument gegen rassistische Vorstellungen und ein Schulsystem, das meint die Lebensleistungsfähigkeit von Kindern schon frühzeitig feststellen zu können, um sie dann dem für sie geeigneten Bildungsniveau zuordnen zu können (nachdem man ihnen inzwischen klar gemacht hat, wo sie sich auf der Rangordnung einer nicht multipel gedachten Intelligenz einzuordnen haben und ihnen im Alter von 8-10 Jahren inzwischen auch klar ist, auf welcher gesellschaftlichen Position sie sich befinden).

Mit einem fixed mindset lässt sich Rassismus hervorragend untermauern, bei der Verwendung eines growth mindsets aber weniger. Obwohl wie schon geschrieben: Rassisten sind ausgesprochen erfinderisch sich an immer wieder neue gesellschaftliche Vorstellungsbilder anzupassen und die immer wieder gleichen Strukturen der Wertung von Unterschieden zum Nachteil der anvisierten Gruppen, die ausgeschlossen, ferngehalten oder in eine niedrige Position gedrängt werden soll, in immer neuen Zusammenhängen zu implementieren. (Letztlich wird darauf sehr viel Energie verwendet, auf Seiten der Rassisten und auf Seiten der Antirassisten, die diese Neuanpassungen dann wieder auffinden müssen. Energie, die doch viel konstruktiver verwendet werden könnte, wenn die Welt denn anders wäre.)

Irritierend bleibt jetzt der Zusammenhang mit japanischen Vorstellungen vom Lernen in Gruppen im Zusammenhang mit deren Vorstellungen bezogen auf die Andersartigkeit ihrer eigenen Rasse. Meine Überlegungen scheinen offensichtlich einen Hacken zu haben, rassistische Vorstellungen bestimmen hier die eigene Gruppe als verschieden, um dann wachstumsorientierte Lernvorstellungen nur auf sich selbst anzuwenden. Irritierend und spannend. Deutsche rassistische Vorstellungen funktionieren offensichtlich etwas anders als japanische.

Das muss jetzt leider so stehen bleiben, denn es ist Zeit meine Morgenüberlegungen zu beenden und mich meinem Tagesprogramm zuzuwenden. Lernen bleibt spannend.

Referenzen

[1] Dweck, Carol S.: Mindset – The new psychology of success (2006). New York: Random House. (Einblick im Web: http://books.google.de/books?id=fdjqz0TPL2wC&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false)

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