Bildungsmäuschen

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Wer suchet der findet

Tendenziell bin ich sehr unzufrieden, doch in den letzten Tagen hat sich eine ruhige Zufriedenheit eingestellt. Es gibt da draußen Menschen, die für mich hoffnungsvolle Ideen in ihren Köpfen bewegen.

In den letzten Jahren war ich mit Veränderungsprozessen an Grundschulen konfrontiert, die mir inzwischen jede Hoffnung auf eine tatsächliche Änderungsmöglichkeit von Schule geraubt haben. Gefühlt wird es immer weiter gehen mit Selektion und Pflichterfüllung, mit Lernen für die Schule statt für das tatsächliche Leben der Schüler, mit Hierarchiebildung und Ausschluss, mit Inhaltsvorgaben durch eine Dominanzkultur, mit einer summativen Ausrichtung auf Noten, mit fortwährenden Blockaden für Begeisterung und einem Almosensystem für Menschen mit unzureichenden Ressourcen. Schule wurde nicht transformiert. Gesellschaftliche Umstrukturierungen haben zuerst zu den Wirrnissen einer Übergangszeit geführt, aus der sich aber mit den neu errichteten Ganztagsgrundschulen (bedeutet das jetzt etwas mehr Geld als auch Lehrerstellen zur Verfügung stehen und weniger Lücken von Freiwilligen gestopft werden) erneut das alte System in erweiterter Form restrukturiert hat.

Es sind die Denkmuster im Kopf, die zu immer wieder den gleichen Herangehensweisen führen. Statt durchdachten Konzepten für einen Ganztag, in denen sich Schule zu einer inkludierenden Lernkultur entwickeln kann, Essen, Hausaufgaben, Sportangebote, Freizeit. Schule übernimmt Pflichten, die vorher bei den Eltern lagen, um ihnen freie Zeit für Berufstätigkeit zu verschaffen. Genau dafür existiert Ganztagsschule.  Es geht nicht um neue Formen des Lernens, es geht auch nicht um mehr soziale Gerechtigkeit. Außer es finden sich engagierte Menschen, die unter schwierigen Bedingungen versuchen ein kleines bisschen mehr zu verwirklichen, weil sie andere Vorstellungen von Schule in ihren Köpfen haben.

Damit reicht es mit der Andeutung des Frusts. Vor kurzem wurde ich zweimal von verschiedenen Person gefragt, ob ich Verschläge dafür habe wie man Dinge ändern kann.

Ich habe keine Vorschläge. Aber ich bin inzwischen auf zwei Frauen gestoßen die Ideen in einer Weise zusammenfassen und glaubhaft vertreten, die mir das erste Mal seit längerer Zeit einen Ansatz liefern können, wohin die Reise gehen könnte.  Ich möchte an dieser Stelle nicht auf sie und ihre Überlegungen und Erfahrungen eingehen, sondern auf das Grundlegende, das sie mir vermitteln. Denn letztlich geht es um Einstellungen und Sichtweisen. Es geht um die Wahrnehmung von Schülern als lebenslang Lernende, deren Lernen im Mittelpunkt aller Bemühungen steht, um Individualisierung in der Gemeinschaft, es geht um lernende und dabei forschende Schulgemeinschaften, da sich ja auch die Erwachsenden als lebenslang Lernende verstehen, um Führung, die auf Kompetenz basiert, und auf die Errichtung von Vertrauen ausgerichtet ist, um den Glauben daran, dass Lernen für alle möglich ist und es allen zusteht Lernen zu erlernen, dass es wichtig ist Bedingungen zu schaffen in denen alles auf den Tisch kommen kann, da es als Möglichkeit von Lernen und Wachstum betrachtet wird. Es geht um den Umgang mit Fehlern als Mittel des Wachstums, es geht um Mut, Durchhaltevermögen und Charakterskills. Es geht um engagierte, lebendige und ernsthafte Lernende, es geht um den Weg in eine Zukunft in der das Wohl eines jeden Einzelnen in einer sicheren Gemeinschaft zur Orientierung wird. Es geht ziemlich viel um Lernen und Lerner.

Ich benötige Denkalternativen. Ich lese in Deutsche Zustände, herausgegeben von Wilhelm Heitmeyer [1]. Ich finde bestätigt was ich weiß. Ich lebe in einer Gesellschaft in der die zunehmende Bereitschaft besteht eine wachsende Gruppe von Menschen zurückzulassen. Für mich kann das keine Lösung sein. Ich kann weder die Augen davor verschließen noch will ich weiterhin Erklärungen akzeptieren, die Ausschluss, Abschieben und Zurücklassen aus natürlicher Unterlegen- und Überlegenheit heraus zu erklären versuchen und wo Hilfe als Gnadenakt der Starken gegenüber den Schwachen zur Selbsterhöhung derjenigen führt, für die das Anrecht an größeren Ressourcen gesichert ist, was erneut die schwächere Position der Ressourcenärmeren bestätigt.

Ich möchte aus diesen verinnerlichten Strukturen heraus. Daher suche ich Denkalternativen. Ich bin nicht mehr bereit mich als Loser zu betrachten oder als Loser betrachten zu lassen, ich bin nicht mehr bereit andere als solche zu sehen. Und genau das ist in den Vorstellungen dieser beiden Frauen enthalten. Es gibt keine Verlierer wenn alle Gewinner sind. Es gibt keinen Grund auf andere herabzusehen wenn alle unterschiedlich verschieden sind.

Es fällt mir unglaublich schwer anders zu denken. Letztlich kann ich allen an Schulen Arbeitenden keinen Vorwurf machen, wenn wir immer wieder in die alte Strukturen zurückfallen.

Damit bin ich immerhin beim Wir angekommen. Auch wenn das dann noch immer nicht einfacher ist. Aber mit der Aufhebung der Vorstellung von ich und ihr trete ich dem Eindruck von Exkludierung entgegen. Dem sozialen Schlachtfeld entkomme ich dadurch allerdings nicht. Leider. Aber es hat auch niemand gesagt, dass es einfach wird.

 

Referenzen:

[1] Heitmeyer, W. (2010): Deutsche Zustände, Folge 8. Berlin: Suhrkamp Verlag.

Halbert, J., Kaser, L., MacBeath, J.: Foundations of Teaching for Learning 5: Planning for Teaching and Learning https://www.coursera.org/course/teach5

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