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Python und – Rassismus im Whileloop

Neue Wissensbereiche können neue Vorstellungsbilder für das Denken zur Verfügung stellen. Momentan bin ich dabei einen Kurs für die Programmierung mit Python zu wiederholen, der zur Erhöhung der Motivation und für besseres Teilen und Überprüfen von Code die Programmierung von Spielen in einer browserbasierten Programmierumgebung einsetzt. Er ist momentan der einzige MOOC in dem ich noch mit dem Ziel einer Teilnahmebescheinigung arbeite und das vor allem aus folgenden Gründen: 

  • weil ich beim ersten Mal dort viel Zeit hineingesteckt habe, einfach weil dieser Kurs für Anfänger extrem, wirklich extrem zeitaufwändig ist, 
  • weil es mir wichtig ist wenigstens etwas Programmieren zu erlernen, 
  • weil ich beim ersten Mal die Minimalanforderungen für eine erfolgreiche Teilnahme erfüllt hätte, wenn ich nicht einmal einen Einsendefehler gemacht hätte
  • und weil mich das gemeinsame Arbeiten und die gegenseitige Unterstützung der Teilnehmer an diesem MOOC damals so beeindruckt hat, dass ich dachte: da würde ich gerne zugehören! Wenn ich doch auch schon diese Fähigkeiten hätte und dann Anfängern weiterhelfen könnte. 

Inzwischen verstehe ich meistens den Code der anderen und kann Fehler finden und auf Verbesserungsmöglichkeiten hinweisen. Das macht glücklich. Und wenn dann sogar ein Feedback dazu erfolgt, dass der Hinweis auch geholfen hat, dann weiß ich: ich habe einen Teil von dem gelernt habe, was ich mir gewünscht habe. Und wenn ich dann noch ein Lob für mein Spieldesign bekomme (das ich selber sehr ästhetisch finde), dann ist das kleine Kind in mir rundum glücklich. Außerdem verfliegt beim Programmieren die Zeit. Ich denke, es ist der von Csikszentmihalyi beschriebene Flow in den ich gerate, der mich Stunden an einer Logik grübeln lässt, die meinem Gehirn noch schwer fällt.

Ich denke, ich möchte an dieser Stelle noch ein wenig weiter schwärmen. Das Rassismusthema muss noch etwas warten. Programmieren hat einen hochästhetischen Aspekt für mich. Ich liebe übersichtlichen, sauber strukturierten, einfach lesbaren, gut deklarierten Code. Ich mag es minimalistisch und ich gewinne eine hohe Motivation aus der ästhetischen Gestaltung des Endprodukts. Mich motiviert herauszufinden wie ich Musterreihen programmieren kann dazu, mich mit Mathematik und Logik zu befassen. Ich habe gejubelt, als durch kleine Streifen Code alle meine Kartenrückseiten das gleiche Muster zeigten und ich die Verwendung von Loops über die Anweisungen hinaus verstanden hatte.

 

Und mit den Loops bin ich wieder bei meinem eigentlichen Thema. Auf Rassismus bezogen befinde ich mich in einem While-Loop, der das System zwar nicht komplett blockiert, aber verlangsamt, weil er mit seinen Berechnungen einfach nicht zu einem Ende kommt. Ich habe das Programm aber gestartet (oder besser: es wurde durch die Fernuni gestartet) und jetzt kann ich es nicht mehr abbrechen. Manchmal wirkt es als sei es jetzt durchgerattert, dann merke ich aber, dass es eigentlich immer noch läuft und ich immer noch kein Ergebnis habe. Gerade als ich dachte, alles hat sich bereits in Luft aufgelöst, komme ich ins Gespräch mit einem Rollstuhlfahrer, der mich überholen konnte, weil ich zur Seite gegangen war. In einem meiner MOOCs habe ich nämlich kürzlich gelernt, dass Rollstühle keine Behinderung darstellen, sondern Rollstühle stehen für Mobilität. Während er an mir vorbeifuhr, musste ich ihm das erzählen. So etwas schaffe ich mit links, denn solange es mir gut geht muss ich anscheinend unentwegt an passender Stelle meine neusten Erkenntnisse mitteilen.

Aber zurück zu dem Rollstuhlfahrer und Rassismus. Wir haben so lange und über derart interessante Dinge geredet, dass ich bereit war einen teuren Strafzettel für Überschreitung der Parkzeit zu zahlen. (Das ist für mich ein sehr hohes Qualitätsmerkmal). Denn genau dieser Mann hat mich zur Brisanz und Bedeutung meines Themas zurückgeführt. 

 

Ich versuche es jetzt einmal mit der Beschreibung von Strukturen. Da ist eine Person, die hat ein Interesse an Verbesserungen in ihrer Umgebung, für sich selbst, aber auch für andere. Sie ist kompetent, hat fachliche Erfahrungen, die sie anderen zur Verfügung stellen möchte, und nun versucht sie sich zu engagieren. Doch sie merkt, ihr Engagement ist von Seiten derjenigen die über Machtressourcen verfügen unerwünscht. Und die Person merkt, da sind Beziehungsgeflechte, da wird gebremst, blockiert und verschleiert, da wird aber auch der Allgemeinheit durch dieses Vorgehen ein Schaden zugefügt.

Alles soweit gut nachvollziehbar. Jetzt kommt der Punkt, der mich interessiert. Um die Person wirkungsvoll fern zu halten, werden ihr gegenüber verletzende Zuschreibungen verwendet, die ihren Ursprung in rassistischen Vorstellungen haben. Kriterien abwertender Differenz sind hier: Körperlich behindert, alt, unterbeschäftigt. Führt zu der Zuschreibung von geistiger Beeinträchtigung, ein anderes Differenzierungsmerkmal mit negativer Konnotation. Geistig beeinträchtigt = inkompetent, unfähig zur Beurteilung, ungeeignet für führende Positionen oder Positionen mit Einfluss. Die Vorstellung von überlegener Intelligenz gemessen durch den IQ als Kriterium für einen Führungsanspruch entspricht Argumentationsmustern des neuen Rassismus z.B. eines Herrn Rushton. 

Und die verletzende, ausgrenzende Botschaft kommt an, weil die Bedeutung der Zuschreibungen akzeptiert wird, wenn in den Köpfen der betroffenen Menschen rassistische Vorstellungen als Welterklärung verankert sind. Das gilt nicht nur für die Täter sondern genauso für die Opfer. Dieser Mann im Rollstuhl, der zum Opfer gemacht wurde, wird genauso an passender Stelle andere zum Opfer machen und genauso logisch-irrational argumentieren. Er wird im passenden Moment mein Feind sein, nicht weil er eine böse Absicht hegt, sondern weil er Welterklärungsbilder mit sich herumträgt, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart transportiert wurden und im gesellschaftlichen Leben immer wieder genährt werden. Es sei denn wir sind vorher Freunde geworden und die Ebene der persönlichen Bekanntschaft ermöglicht ein individuelleres Verstehen. Und auch ich werde, wenn ich nicht aufpasse, diesen Argumentationsmustern aufsitzen, als Opfer und als Täterin. Wenn das möglicherweise auch nur in meiner Art des Denkens geschieht. Allerdings bleibt auch Denken allein nicht ohne Folgen.

 

Ich übe die Welt anders zu betrachten. Es geht! Es geht, indem die Kategorien durchdrungen werden und der Blick auf das Gemeinsame als Mensch gelenkt wird. Auf ganz essentielle Dinge wie Geburt und Tod, Hunger und Durst, Freude und Schmerz. Dinge von denen ich weiß, dass jeder sie im Verlauf seines Lebens erfährt. Vor meinem Auge tauchen auf einmal die Lösungsversuche der Nazis und der Sowjets im letzten Jahrhundert auf. Auflösung der Differenz durch Vereinheitlichung. Der Mensch und die Kultur als Massenprodukt für Gleichheit. Ausmerzung der Abweichungen. Rassistische Vorstellungen sind auch ein Erbe dieser Weltbetrachtungen.

 

Der Mann im Rollstuhl hat mich erneut motiviert dran zu bleiben. Fernhalten durch die Zuweisung zu einer Gruppe oder Gruppen, die bereits in der Vergangenheit von den denjenigen mit Definitionsmacht als minderwertig etikettiert wurden, benutzt von ihren Nachfahren, um über die Zuschreibung zu Unterschieden, die in der kollektiven Vorstellung eine Abwertung beinhalten, Privilegien zu wahren.

Ich bin alt, ich sitze im Rollstuhl – na und? Was wollt ihr, was erzählt ihr für einen Scheiß? Wofür ist das eine Kriterium? Es ist die Macht der verinnerlichten Vorstellungsbilder, das Annehmen der Zuweisung. Schäuble sitzt doch auch im Rollstuhl und macht einen kompetenten Job, hat er gesagt. Was wollen die? Er kämpft. Er sucht sich Halt und Neuorientierung gegen die Schatten der Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die noch in vielen Köpfen nistet. Macht eure Augen auf und schaut euch um. Die Welt war schon immer vielfältig. Sich auf rassistische Gedanken einzulassen verschleiern nur den Blick auf die tatsächlichen Bedingungen in denen wir leben. 

 

Daher ist die Beschäftigung mit Rassismus für mich so wichtig. Ich habe dem Mann gesagt, das ist Rassismus, das sind rassistische Vorstellungen mit denen er konfrontiert ist. Es ist nicht allein so etwas wie Farbe. Es ist eine Weltordnung, eine Zuordnung, die bereits von vornherein dafür sorgt große Gruppen von Menschen fern oder unten zu halten, damit die Konkurrenz für die Verteilenden geringer wird. Indem man Gründe sucht, die in unveränderlichen als Defizite etikettierten ausgewählten Charakteristika einer Person begründet liegen. Es ist die Weltordnung von Menschen, die ein gegliedertes Schulsystem und gestufte Ausbildungswege errichtet haben, weil dadurch hierarchische Differenzierung zu ihrem eigenen Nutzen aufrecht erhalten blieb. Negative Differenzierung inkorporiert in den Opfern. Gedankenbilder erzeugt, um Zustimmung zum im Unbewussten bereits etablierten Bewertungssystem von Ungleichheit zu bewirken. 

Was mich daran speziell interessiert sind die verinnerlichten Vorstellungsbilder. Wie sie im Alltag erkannt werden können, wie ihnen Widerstand entgegen gesetzt werden kann, wie sie ihre Wirkkraft verlieren. Wie die Abgewerteten zu ihrem eigenen Wert finden können. Damit ihre Chancen steigen ihr volles Potential zu entfalten. Ich möchte, dass ein solcher Mann im Rollstuhl sich in Klarheit zur Wehr setzen kann, die ihm entgegen geworfenen Zuweisung abschmettern kann, ohne dass sie ihn erreicht. Ich möchte, dass er sich auf seine Verbesserungsvorschläge konzentrieren kann, dass er positive Erfahrungen der Zusammenarbeit mit anderen Menschen macht. Ich möchte dass er dazu beitragen kann unsere Welt besser zu gestalten.

Und ich möchte nicht dass er aufgibt und fortzieht. 

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