Bildungsmäuschen

Startseite » Rassismus » Rassismus frei schaufeln

Rassismus frei schaufeln

Ich mag Metaphern. Heute Morgen habe ich das Vorstellungsbild im Kopf, dass ich den Rassismus für mich frei schaufele. Ich versuche immer noch zu verstehen was ihn ausmacht und warum ich ihn gewählt habe und wie ich ihn abgrenze. Rassismus will keine Hand reichen, er will auch keinen Platz zuweisen, er will ausgrenzen und fern halten. Auch wenn er eine Hand reicht, auch wenn er auf einen Platz verweist, tut er es.

Die extremsten visualisierten Formen, die ich in der letzten Zeit gesehen habe, waren Mo Asumang in dem Film Die Arier, die vor Rassisten stand und sagte: redet mit mir, und die ignoriert oder durch leichte Vorwärtsbewegung abgedrängt wurde, und weiterhin die Bilder gestern aus Bremen im Fernsehen, als Reporter mit Rechten oder deren Nachbarn sprechen wollten und ignoriert oder sofort verwiesen wurden. Die genauen Hintergründe sind dabei erst einmal unwichtig. Es sind die Bilder dieses vollkommenen Verschließens. Rassisten brauchen nicht reden. Sie haben die Welt für sich selbst  bereits funktionierend erklärt. Und sehen sich durchaus auch als Opfer, die man daran hindert so zu leben wie sie möchten, während es anderen gestattet wird. Und zwar in ihren Augen Minderwertigen. Ich verstehe sogar wie so etwas Wut fördern kann!

Jetzt beschäftigt mich aber eigentlich nicht so sehr der ganz offensichtliche Rassismus, sondern der mehr verborgene, sowie rassistische Weltvorstellungen, ihre Verwendung und der Nutzen und Schaden davon. Daher mit diesen Bildern im Kopf  zurück zu meinen Fundstücken.

Weil Rassismus ausgrenzen und fernhalten will, ist er ängstigend und verletzend. Rassismus gibt dem Opfer keine Chance. Das Opfer kann durch Anpassung und Bemühen keine Verbesserung erreichen. Angewandte rassistische Vorstellungen lassen das gar nicht zu. Die Lehrerin deren Eltern oder Großeltern einmal aus der Türkei eingewandert sind (obwohl Einwanderung nie ihr Ziel war und sie auch nie als Einwanderer betrachtet wurden), bleibt die Türkin von der Eltern wünschen, dass ihre Kinder nicht von ihr unterrichtet werden da sie nicht über eine deutsche Herkunft verfügt, also wahrscheinlich auch keine deutsche Sichtweise unterrichten kann. Wenn denn überhaupt die Vorstellung zugelassen wird, dass Menschen mit türkischen Wurzeln befähigt sind zu unterrichten. Keine Chance.

 

Ich bin dabei mir selbst die Welt neu zu erklären. Es ist mühsam und schwer. Mitten in der Nacht ruft mich ein Freund an, mit dem ich am Tag zuvor ein längeres Gespräch hatte, und sagt mir, er findet meine Auseinandersetzung gut. Er sagt, du hattest schon damit zu tun seitdem ich dich kenne. (Und das sind schon viel mehr als 30 Jahre.) Doch die Wurzeln reichen noch viel weiter zurück und beginnen weit vor meiner Geburt. Aber erst jetzt nenne ich es Rassismus und bringe es mit Rassismus in Zusammenhang. Etwas das normal ist kann schließlich kein Rassismus sein. Denn Rassismus ist doch etwas Unnormales.

Ist er eben nicht. Ich kann mich an einen Zeitpunkt meiner Auseinandersetzung erinnern an dem ich plötzlich die ganze Gesellschaft um mich herum als rassistisch wahrgenommen habe (und ich selbstverständlich voll eingeflochten) und dachte, jetzt habe ich mich zu weit da rein gesteigert und spinne mir einen zurecht. Aber dann entdecke ich Menschen, die genau das beschreiben. Die ebenfalls im Rassismus ein grundlegendes Strukturprinzip wahrnehmen.

Die Zeit ist reif. Ich werde mühsam weiter graben, auch wenn mir das beim Erstellen meiner Hausarbeit nicht wirklich weiter hilft. Denn für die Hausarbeit müsste ich an irgendeinem Punkt stehen bleiben, doch genau das gelingt mir nicht. Inzwischen habe ich entdeckt, dass es rassismuskritische Bildungsarbeit gibt und als ich über die Problematiken mit Rassismus in antirassistischen Institutionen gelesen habe, wusste ich ganz genau wovon da geschrieben wird. Ich lese über Alltagsrassismus und Normalität des Rassismus und denke nur: Warum nicht früher? Gleichzeitig empfinde ich es als unglaublich schwer das Normale anders zu denken und in Gesprächen bei neuen Sichtweisen zu bleiben. Ich schaufele weiter und werde versuchen zu systematisieren.

 

Daher jetzt das wesentliche gefundene Element: Rassismus auch in seiner impliziten Form will dauerhaft und wirkungsvoll ausgrenzen und fernhalten, auch wenn er anders zu argumentieren scheint und einen anderen Eindruck vermittelt.

 

Ich habe irgendwann die Frage gestellt, warum eigentlich Mittelschichtzugehörige als Ehrenamtliche dafür geehrt werden, dass sie bei der Tafel die Nahrungsmittel für Bedürftige herrichten und verteilen. Warum können das nicht Bedürftige selbst übernehmen? Und warum ist es dagegen verpönt und wird verhindert, wenn Menschen aktiv werden und sich selbst die Mühe machen und die Arbeit auf sich nehmen und Müllcontainer nach noch verwertbarem Essen durchsuchen? Das ist nur ein kleines Beispiel, denn ich habe mir schon sehr viele ähnliche Fragen gestellt. Mit dem Rassismus im Fokus ergibt das alles auf einmal einen Sinn. Auch das Kümmern um Bedürftige kann auf der Basis rassistischer Vorstellungen erfolgen. Die Bedürftigen können instrumentalisiert werden, um das Selbstwertgefühl von Menschen zu erhöhen, die sich einer höher stehenden Menschengruppe zuordnen. Wohltätigkeit kann verletzen und entwürdigen. Wohltätigkeit erfordert die Existenz Bedürftiger. Bedürftige, die Dinge selber in die Hand nehmen und denen Handlungsoptionen zur Verfügung stehen, verlassen den Status der Bedürftigkeit.

Aber ich werde schon wieder zu ausschweifend, eines meiner Hauptprobleme. Neben dem Graben steht an den Kern der Fundstücke zu extrahieren, um sie für mich selbst und andere nutzbar zu machen. Ich werde ab jetzt versuchen das begleitend zu tun.

Advertisements

2 Kommentare

  1. Marina sagt:

    So, Deine Gedanken zur Tafel und zur Abwertung der Bedürftigen, um sich selbst aufzuwerten unterschreibe ich ganz. Ich habe immer ein sehr unangenehmes gefühl, wenn ich an den Ausgabestellen vorbei gehe und die Helfer und „Hilflosen“ vor dem Kirchencafe sehe. Andrerseits gibt es auch Menschen, die selbst Tafelnutzerin sind, und bei der Tafel ausgeben. Aber das ist nicht die Regel. Aber die Frage ist auch, ob die „Bedürftigen“ denn auch auf der anderen Seite stehen wollten? Denn es gibt ja auch ein Einrichten in diese Rolle, ein Annehmen der Rolle der Zuschreibung als Aussenseiter (Etablierte und Aussenseiter nach Elias). Es bedarf großer Kraft, sich in diese Rolle nicht als Aussenseiterin zu sehen.
    LG

  2. amirabai sagt:

    Das ist ein interessanter Aspekt und zeigt mir eigentlich wie verfestigt die Verhältnisse sind. Ich hatte in meinem Kopf als Alternativvorstellung Strukturen, in denen es Betroffenen möglich ist alles selber in die Hand nehmen. Als sinnvolle Arbeit, die dabei hilft die Vernichtung von unverkäuflichen Nahrungsmitteln zu reduzieren. Dabei werden sie denjenigen zur Verfügung gestellt wird, die keine Bedrohung für die Verkäufer darstellen, da sie für diese Nahrungsmittel als Käufer gar nicht in Frage kämen.

    Ich dachte da auch an diese Methoden der Kartoffelernte, wo noch ganz viele Kartoffeln als Ausschuss auf dem Acker bleiben und es Landwirten zulassen, wenn z.B. Rentner sich diese Reste durch eigene Arbeit sammeln und Nahrungsmittel so ebenfalls noch Verwendung finden.

    Hauptsache keine Almosen, sondern etwas für das eine eigene Leistung erbracht wurde. Ich hatte dabei vor allem Würde im Kopf, weniger Außenseiterproblematiken.

    Aber ich denke, so einfach ist das sowieso alles nicht. Man kann nicht einen einzelnen Aspekt ändern und alles andere so belassen. Allerdings finde ich es weiterhin hilfreich anzuzweifeln, dass Tafeln einfach nur eine gute Tat sind. Auch wenn ich zugegeben selbst keine wirkliche Alternative darin sehe, einfach nur diejenigen auszutauschen, von denen die Arbeit getan wird. Obwohl…wer weiß was dann geschähe…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: