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Unwissentlich rassistisch

Gestern habe ich mich nach Verlassen unseres Postkiosks vor Lachen gekrümmt und konnte gar nicht mehr aufhören. Die neue Mitarbeiterin hatte in ihrem Verhalten bestimmte Annahmen zur Wirkung rassistischer Vorstellungen für mich bestätigt. Es ging um Menschen aus Polen. Es gibt auch nette Polen (Onkel Tom lässt grüßen), aber eigentlich sind Polen minderwertig, so die Essenz dessen was sie einem Kunden während der Bedienung und für den ganzen Laden hörbar unbefangen an Beispielen erläuterte.

Wie habe ich mich verhalten? Ich habe überlegt, ob ich mich von ihr bedienen lasse oder von ihrer Kollegin. Ich habe mich dann für sie entschieden, allerdings gewappnet dafür, dass sie etwas an mir finden wird, womit sie meine Minderwertigkeit begründen kann, wenn der Kundenkontakt nicht nach ihren Wünschen verläuft. Denn genau das steckte dahinter. Sie sah es nicht als ihre Aufgabe an und war offensichtlich auch davon überfordert auf die Vielfalt und den unterschiedlichen Informationsstand derjenigen unterstützend einzugehen, die mit ihrem Arbeitgeber in eine Geschäftsbeziehung treten wollten. Zu ihrer eigenen Rechtfertigung und Aufwertung griff sie dann auf rassistische Vorstellungen zurück.

Ich hatte ein zeitaufwändiges und etwas anachronistisches Anliegen und konnte beobachten wie ihre Augen wie erwartetet rollten und sie begann nach Zeichen für Mängel auf meiner Seite zu suchen. Weil ich aber eine Vorstellung davon hatte was vor sich geht, konnte ich in der Situation die Kontrolle in der Hand behalten, die Situation lenken, und am Ende sogar laut lachen.

Das ist aber letztlich nicht genug. Ich habe mich durch mein Wissen geschützt und das ist gut so, aber an der Haltung der Frau habe ich nichts geändert. Und dabei war diese Situation letztlich einfach, da sie ihre rassistische Grundeinstellung deutlich geäußert hat, und ich auch auf Grund meines momentanen Themas auf entsprechende Verhaltensweisen vorbereitet war. Doch sie wir erst einmal weiter machen und dann gibt auch noch die Kontakte mit Menschen die wissen, dass negativen Aussagen und Haltungen gegenüber Polen, Homosexuellen, Farbigen, Behinderten, Moslems, Alten usw. in ihrer Umgebung entweder nicht gewünscht oder unpassend sind, die aber in dieser Weise sowohl denken als auch davon überzeugt sind und es daher bewusst nach außen verbergen. Dennoch hat es Auswirkungen und solche Fälle sind wesentlich schwerer zu bestimmen und es ist schwerer mit ihnen umzugehen. Mal abgesehen von denjenigen, die sich selbst als nicht rassistisch einstufen, davon aber nicht frei sein können, weil Rassismus eine strukturelle Grundlage der Gesellschaft ist. (Tja, tja – wo stehe ich also!)

 

Wenn ich versuche zu systematisieren, kann ich momentan folgende Fälle bestimmen:

  • rassistische Haltungen werden als berechtigt angesehen
    • sie werden offen geäußert
    • sie werden verborgen
  • rassistische Haltungen werden als etwas Normales erlebt, das nicht in einen Zusammenhang mit Rassismus gebracht wird und daher unbefangen geäußert wird
  • rassistische Haltungen werden abgelehnt, aber bei sich selbst und anderen nicht erkannt, da sie viel zu normal sind
  • rassistische Haltungen werden zwar abgelehnt und kontrolliert, aber im Bedarfsfall als Schutz- und Abwehrmaßnahme automatisch abgerufen

 

An diesem Punkt will ich meine Morgengedanken stoppen. Inzwischen weiß ich, dass meine aktuelle Auseinandersetzung mit Rassismus im ersten Semester meines Studiums mit Textpassagen von Albert Memmi und Norbert Elias begann, massiv aufgewirbelt wurde durch den MOOC Aboriginal Worldviews and Education, Futter fand im vierten Semester mit dem Studium von Sozialpsychologie sowie Sozialstruktur und sozialer Ungleichheit und weiterhin durch die Kursreihe Teaching for Learning, während ich im fünften Semester dann vollkommen unerwartet und ungeliebt mein Thema gefunden hatte. Hinzu kommen noch über die ganze Zeit Erfahrungen bei der praktischen Arbeit, die fortwährend Futter für die Auseinandersetzung mit Ausgrenzung, Benachteiligung, Verschleierung oder Vorspiegelung falscher Tatsachen lieferten.

Jetzt bin ich mittendrin und es scheint nichts anderes möglich zu sein als immer weiter zu machen. Ganz gleich ob mir das gefällt oder nicht und auch wenn es mir unglaublich schwierig erscheint…

 

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2 Kommentare

  1. serialmel sagt:

    Rassismus ist Vorurteil gegenüber Menschen eines anderen Phänotyps + strukturelle Macht.
    Das verwenden des Wortes „Farbige“ ist rassistisch, da es einer Fremdzuschreibung entspricht.
    Richtig ist die Verwendung der Begrife Schwarz und Afro-deutsch/ Afro-französichsch/Afro-Polnisch etc. oder die Verbindung 2er Länder, wie Kamerunisch-englisch, Gambianich- Belgisch, Nigerianisch.Ungarisch etc.

  2. amirabai sagt:

    Ich danke für den Kommentar. Es ist sehr schwierig in einer anderen Weise zu denken und damit auf die eigene Wahrnehmung Einfluss zu nehmen.

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