Bildungsmäuschen

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Wer stellt welche Fragen?

Noch vor einer Weile fühlte ich mich davon gehandikapt, dass ich ausgerechnet in dem Thema Rassismus stecken geblieben bin. Es ist ein unangenehmes Thema und Freunde macht man sich damit auch nicht gerade (ist zumindest mein schlecht überprüfter Eindruck). Aber plötzlich ist alles anders. Mehr und mehr begreife ich, dass es für mich ein Schlüsselthema ist und dass es für mich im Hintergrund immer mitschwingt. Dadurch löst sich die Beschäftigung damit aus dem Bereich der hoffentlich bald vorübergehenden individuellen Macke und wird zu einem grundlegenden Element dessen Strukturen gut zu kennen ich stark motiviert bin, damit ich alles womit ich mich ansonsten beschäftige auch aus dieser Sicht betrachten und überprüfen kann. Eine Belastung wird dadurch zu einer hilfreichen Quelle für das Verstehen gesellschaftlicher Vorgänge und auf einmal wird es für mich vollständig verstehbar, warum die Beschäftigung mit Bildung einen so hohen Grad an Beschäftigung mit gesellschaftlichen Strukturen erfordert.

„Im Sinne einer pädagogischen Selbstreflexion wäre danach zu fragen, inwiefern die Pädagogik als Wissenschaft und Praxis Zugänge zu einer kritischen Reflexion gesellschaftlicher Dominanzverhältnisse ermöglicht. Damit ist es schlecht bestellt, wenn pädagogisches Forschen und Handeln auf die Vermittlung instrumenteller Kompetenzen reduziert wird.“[1]

Ich versuche mich auf folgende Vorgehensweise einzurichten: Erweiterung meiner Kenntnisse über Rassismus als Hintergrundton, während ich andere Themen in der ihnen angemessenen Form bearbeite und dabei auch versuche, meine Lern-, Arbeits-, Kommunikations- und Präsentationsfähigkeiten in einer Weise zu verbessern, die ich als organisch, ungezwungen (bzw. nur intrinsisch gezwungen), spielerisch und Freude bereitend empfinde (dieser Aspekt ist für mich immens wichtig!).

Der Aspekt, der mich bei Aufnahme meines Studiums am stärksten verblüfft hat, war der starke Bezug zu gesellschaftlichen Bedingungen und Verhältnissen. Das hat nicht meinem Bild von Pädagogik entsprochen. Pädagogik waren Methoden, Techniken und seltsame Typen, die in einem scheinbar luftleeren Raum fern gesellschaftlicher Realitäten operieren und eine eigene Form der Wirklichkeit erschaffen. So etwas zu studieren habe ich mit der Vorstellung umgangen, dass Bildungswissenschaft eben etwas anderes sein, so etwas wie eine Erweiterung oder eine Modernisierung. In der letzten Zeit hatte ich dann verstärkt überlegt, wie ich denn nun als diejenige, die ich nun einmal bin, mit Pädagogik umgehen soll, denn irgendwie passt diese Art des Weltzugangs so gar nicht zu mir.

Der Text von Astrid Messerschmidt, die als Erziehungswissenschaftlerin angegeben wird, hat mich daher maßlos verblüfft. Da spricht jemand über mein Thema in einer Weise, die mir weiter hilft und ist auch noch aus meinem Fachbereich. Mein Fachbereich – könnte es tatsächlich auch mein Fachbereich sein? Bei meiner so ganz anderen Haltung? Scheinbar geht das irgendwie und irgendwo.

Aus der Dunkelheit der Chancenlosigkeit wächst mein Selbstbewusstsein und mein Selbstwertgefühl. Der Auseinandersetzung mit Rassismus sei Dank. Ist es die Aufgabe von Pädagogik gesellschaftliche Verhältnisse aufrecht zu erhalten und zu stabilisieren oder ist da nicht vielleicht doch noch mehr? Und – wer übernimmt das Mehr?

Es ist schon eine Weile her, da habe ich ohne Absicht eine neue Seite erstellt, die seitdem den Titel Peers und impliziter Rassismus trägt. Ich habe das so gelassen, auch wenn sich damals der Zusammenhang aus dem zusammenfassenden Titel des verlinkten Beitrags zu ergeben schien. Jetzt sehe ich das anders. Es gibt die Studierenden an denen der gesellschaftliche Bezug vorbeigeht. Sie beschäftigen sich damit, weil es Teil des Studiums ist, aber die Inhalte perlen an ihnen ab und scheinen keine Spuren zu hinterlassen. Das festzustellen hat mich einige Male verblüfft und ich habe mich gefragt wie oberflächlich sie letztlich gelernt haben müssen. Jetzt denke ich, dass es die Haltung zur Pädagogik ist. Nach Darstellung meiner Nichte lässt sich der gesellschaftliche Bezug auch im Lehramtsstudium vermeiden. Diejenigen, die sich als Teil der Dominanzgesellschaft wahrnehmen, benötigen keine klärenden gesellschaftlichen Bezüge. Für sie reicht es Methoden, Inhalte und Techniken zu lernen, mit denen sich im bekannten Rahmen arbeiten lässt. Fragen tauchen aber auf durch Nichtpassung.

Wer stellt also welche Fragen?

 

Referenzen

[1] Messerschmidt, A. (2007). Entnormalisierungen und Vermeidungen – vier Muster im Umgang mit Rassismus, S.61. in: Tagungsdokumentation des Fachgesprächs zur „Normalität und Alltäglichkeit des Rassismus“. Bielefeld: Fakultät für Pädagogik. abgerufen auf: http://www.ida-nrw.de/cms/upload/PDF_tagungsberichte/Tagungsdoku_Alltagsrassismus.pdf

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1 Kommentar

  1. Marina sagt:

    Liebe Angelika,
    da Du Dich über einen Kommentar freust:), …Danke von mir für Deine Darstellung und Offenheit über Deine Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus und was Bildungswissenschaft sein kann. Auch über die Materialien und Literaturtips freu ich mich.
    Mich hat der gesellschaftliche Bezug von Beginn an angesprochen. Ich war erleichtert, dass die Gesellschaft und ihre Rahmenbedingungen im Fokus stand und aber auch gleichzeitig überrascht, dass es so ist.
    LG Marina

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