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Zuwanderungshoch in Deutschland

Ich liebe es wenn ich mich mit etwas beschäftige und auf einmal bekommt es einen aktuellen Bezug. Nach den gestrigen Nachrichten war die BRD 2012 Einwanderungsland Nummer 2 nach den USA im OECD Ranking. Was auch immer dieses Ranking ganz genau misst und im Detail aussagt, während ich allein vor dem Fernsehen keine weiteren Informationen darüber bekomme was andere Menschen dazu denken, ist es im Netz sehr einfach dazu Informationen zu finden. Eine sehr interessante Quelle: die Kommentare zu den Online Artikeln der Zeitungen, z.B. hier.

 

Außerdem habe ich eine neue Bezeichnung kennengelernt: ethnische Gewalt für die kriegerischen Auseinandersetzungen im Südsudan. Gut, es gibt keine menschlichen Rassen, aber der Begriff rassistische Gewalt hat in meinen Augen eine andere Konnotation, weil er mit einer langen blutigen Geschichte verbindet, was dem Begriff Ethnie so nicht gelingt.  Etwas umzubenennen, während sich die dahinter stehenden Strukturen jedoch nicht verändern, kann eine verschleiernde Wirkung haben, auch indem es die Verbindung zu dem trennt was in der Vergangenheit für diesen Bereich schon erkannt wurde.  Zuordnungen zu Minderwertigkeit je nach Entwicklungsregion menschlicher Kultur basieren auf einem geschichtlichen Prozess von Dominanz und Unterlegenheit, der die Vorstellungen der Weltbevölkerung über Positionierung im sozialen Gefüge nachhaltig geprägt hat. Und nicht nur von Positionierungen sondern auch wie Personen spezifischer Positionsstrukturen miteinander umzugehen haben  bzw. welcher Umgang miteinander möglich und zulässig ist, welche Betrachtungsweisen der gesellschaftlichen Welt als legitim erscheinen. 

 

Vor langer Zeit kam von einer Kollegin in der Behandlung ihr gegenüber der Rassismusvorwurf, da sich irgendwo in ihrer Familiengeschichte Menschen nicht-weißer Hautfarbe befanden. Ich habe auch lange Zeit geglaubt, dass sie sich etwas einbildete, denn in ihrem Fall schien die Behandlung nicht auf dieser Tatsache zu beruhen, sondern hatte mit ihrer Eignung für die Position die sie auszufüllen hatte zu tun. Inzwischen nehme ich ihre Vorwürfe ernster und denke, dass die Strukturen am Arbeitsplatz rassistisch geprägt waren. Die Kollegin war nicht gewillt die untergeordnete Position einzunehmen in der sie Anweisungen für kulturelle Praktiken ausführen sollte, die von anderen bestimmt wurden, und mit denen sie nicht übereinstimmte. Ihre Vorstellungen wichen von denen der dominierenden Gruppe ab, die davon überzeugt war, dass nur ihre Art der Durchführung normal sei. Die vorgegebenen Strukturen sahen aber keine sachliche Auseinandersetzung und Kompromissbereitschaft vor, sondern nur eine hierarchische Befehlskette.

Rassistisch? Ich denke inzwischen, ihr Vorwurf war berechtigt, ihre spezifische Empfindlichkeit hat sie etwas wahrnehmen lassen, das alle anderen, verfangen in ihre Vorstellungen von Normalität, nicht wahrnehmen konnten. Es sind die Vorstellungen darüber welcher kulturelle Ausdruck höher und welcher minderwertiger ist. Es sind auch die Vorstellungen darüber, dass die dominierende Gruppe ihre Vorstellungen von Höherwertigkeit zum Wohl der Sache (der Erziehung der Kinder) durchsetzen muss und sich die Minderwertigen daran anzupassen haben, wenn es nicht sowieso besser ist sie ganz fern zu halten.

 

Ich denke an die Lehrerin mit türkischen Vorfahren aus einem anderen Blogbeitrag und eine neuseeländische Lehrerin aus der Bevölkerungsgruppe der Maori in einer Diskussionsrunde, die beide mit der Erscheinung konfrontiert waren, dass Eltern von Kindern aus der dominierenden Bevölkerungsgruppe sie auf Grund ihrer Abstammung als ungeeignet für die Erziehung ihrer Kinder betrachteten. 

„Pädagoginnen und Pädagogen handeln im Kontext von Institutionen, die in ihrem Selbstverständnis weiterhin ethnozentrisch, monokulturell, monolingual sind, die der Tatsache und der Zusammensetzung der Einwanderungsgesellschaft nicht entsprechen.“ [1] 

Wer wird also als zum Unterrichten an Schulen von wem als geeignet betrachtet, und in welchen akzeptierten Positionen finden sich Menschen anderer Herkunft?

„Weil Heterogenität nicht als Normalität aufgefasst wird, werden Migrantinnen und Migranten als eine Belastung erlebt: Lösungen werden in der Homogenisierung gesucht.“ [1] 

 

Wir sind nun also laut den Fakten der OECD eine der führenden Einwanderungsgesellschaften. Und wie arbeitet Schule in Deutschland? Hat sie weiterhin die Aufgabe an die Kultur einer dominanten Gruppe anzupassen und nach Nähe oder Ferne dazu zu bewerten? Für wen bringt das Vorteile und für wen Nachteile? Braucht das unsere Gesellschaft oder brauchen wir inzwischen etwas ganz anderes? Und gibt es das andere schon?

Ich erinnere mich an eine Zeit vor bald 20 Jahren als ich an Schule Diskriminierung gegenüber bestimmten Gruppen durch Lehrkräfte als auch Eltern wahrgenommen habe. (Und meiner Wahrnehmung nicht glauben wollte!) Betroffen waren damals vor allem die Gruppen der Aussiedler, der Alleinerziehenden und der Menschen mit Migrationshintergrund. Damals etwa 50% einer Klasse in kleinstädtischem Milieu. Das Vorstellungsbild von Höherwertigkeit war: deutsche, einheimische Abstammung, verheiratet, sozial unauffällig. Aus Höherwertigkeit ergibt sich Minderwertigkeit und umgekehrt. Wer profitierte davon? Wer hat sich Positionen gesichert und andere verdrängt?

Die OECD meint, wir seien das Land mit der zweithöchsten Zuwanderung. Das ist insgesamt komplex und kompliziert. Doch wenn ich auf dem laufenden Stand bin, begreifen wir uns noch immer nicht als Zuwanderergesellschaft beim gleichzeitigen Bestehen einer Abwanderergesellschaft, also als eine in einigen Bereichen recht mobile Gesellschaft. Wir nehmen in unserem Selbstverständnis auch viel zu wenig auf, dass wir noch nicht einmal auf dem deutschen Territorium eine Einheit sind. Nord ist nicht Süd, West nicht Ost, Land nicht Stadt. Wir waren immer eine vielfältige Gesellschaft, auch wenn nationalstaatliche Ambitionen viel investiert haben, um uns an Homogenität anzunähern.

Wir leben in Vorstellungsbildern über die Welt die uns umgibt und unsere Position darin. Vorstellungsbilder sind mächtig, aber sie sind immer nur Vorstellungsbilder. Nicht die tatsächliche gesellschaftliche Realität. Diese zu erkennen bleibt nur, uns fortwährend immer wieder neu zu bemühen. Und dazu brauchen wir den Austausch und die Stimmen von möglichst vielen in vielen unterschiedlichen Positionen. Das kann unsere Chancen auf Erkenntnis beträchtlich erhöhen.

 

Referenzen:

[1] Kalpaka, A.: Institutionelle Diskriminierung im Blick – Von der Notwendigkeit Ausblendungen und Verstrickungen in rassismuskritischer Bildungsarbeit zu thematisieren. In:  Scharathow W., Leiprecht R. (2011). Rassismuskritik – Band 2: Rassismuskritische Bildungsarbeit. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag, S.33.

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