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Irgendwie anders und wissenschaftliche Arbeit

Es gibt ein Kinderbuch mit diesem Titel. Es ist meine Geschichte und die vieler anderer. Sie ist der eigentliche Grund warum ich bei der Auseinandersetzung mit Rassismus gelandet bin. Irgendwie anders beinhaltet, dass ich mir die Welt auch irgendwie anders erkläre. Und dazu gehört, dass ich mir Welterklärungen der wiederum anderen häufig übersetzen muss oder ich muss zumindest den Versuch unternehmen.

Ich rätsele schon lange was die Anforderungen des Lehrgebiets bei der Erstellung einer wissenschaftlichen Hausarbeit an mich sind. Ich habe die Komponenten Theorie und wahrgenommene und beschriebene Wirklichkeit und nun soll ich diese Komponenten zusammenführen. Das soll aber nicht in Form eines Essays oder journalistischen Schreibens erfolgen, sondern nachweisbar (oder nachvollziehbar) und belegt sein. Ich kann dazu meine eigene Argumentationsfigur benutzen, auch meine eigene spezifische (und vielleicht andere) Betrachtung der Welt, aber ich muss dafür Belege finden und dazu muss ich meine Wahrnehmung mit der Welterklärung (Theorie) anderer verknüpfen.

Ich will das, bin bisher aber daran gescheitert. Für mich ist es unglaublich schrecklich, dass ich diese Arbeit ganz allein tun soll wenn ich überhaupt nicht nachvollziehen kann wie von Seiten des Lehrgebiets gedacht wird. Wenn ich noch nicht einmal weiß wie ich meine Probleme in ihre Sprache übersetzen soll. Wenn mir Antworten, die ich bekomme, kryptisch erscheinen. Wenn ich versuche den Inhalt zu analysieren, um aus der dahinter liegenden Denkweise die Anforderungen zu erkennen. Ich brauche eigentlich Übersetzungshilfe, weil ich eure Sprache nicht verstehe!

Gestern habe ich einen großen Schritt vorwärts getan. Mit der bereits systematisierten Vorstellung der bildungswissenschaftlichen Perspektive (als Bild jetzt in Blickrichtung hängend) und der Analyse von zur Verfügung gestelltem Exposés und Ausarbeitung habe ich begonnen die wichtigen Bestandteile der Theorie zu extrahieren, außerdem versucht die möglichen Auswirkungen, also die Formen der Nachteile für die Opfer zu listen und den vermuteten Kern der Erscheinung, die Machtverwendung, irgendwie passend unterzubringen. Es ist unglaublich schwer für mich komplex zu systematisieren, ich brauche dafür auch eine bessere Visualisierungsmöglichkeit. Momentan habe ich geschichtete Zettel, die ich ausbreiten kann und die einfach nur immer mehr werden, was auch nicht gerade hilft das Denken zu systematisieren.

Außerdem musste ich gestern eine irritierende Erscheinung verarbeiten, die eine Weile alle Arbeit in Frage stellte. Für meine Heimatstadt existiert wohl eine geschlossene Facebookgruppe exclusiv für Einheimische, die aber anscheinend nur eine bestimmte Art von Einheimischen als Mitglieder wünscht. Als Differenzmittel wurde anscheinend die Geburt in der Stadt verwendet, was sich aber als nicht ausreichend herausstellte, da in der Stadt auch dort Geborenen leben, die zwar nicht zum gewünschten Personenkreis gehören, aber an der Gruppe teilnehmen wollten oder bereits in der Gruppe waren. Rassistisch? Es ist jetzt nicht notwendig das zu beurteilen. Anscheinend ist eine rassistisch wirkende Argumentation aufgetaucht, aber ich hatte viel zu wenig damit zu tun, um darüber ein Urteil zu fällen und für mich war auch die Reaktion anderer auf diese Erfahrung mit einem vermuteten Auftauchen von Rassismus wesentlich wichtiger.

Es wurde als Reaktion eine offene Gruppe gegründet, die eifrig daran ging Mitglieder zu sammeln und mit einer Begegnung in Freundschaft und ohne Zank warb. Tenor: vertragt euch alle, seit nett miteinander, lasst uns was Gutes beginnen, jeder kann mitmachen, alles ganz einfach, lasst einfach allen Streit draußen. Bedingt durch die Funktionsweise von Facebook bekam ich die letzten Tage fortwährend Beiträge zu der Gruppe auf meine Startseite mit enthusiastischen Begrüßungen neuer Mitglieder, Bilder der wunderschönen Stadt, Ankündigung von einem Fest bei Erreichen einer bestimmten Mitgliederzahl oder Guten-Morgen-Grüße. Friede, Freude, Party. Inhaltliche Beiträge dagegen so gut wie keine. Mir wurde einerseits immer gruseliger, andererseits fing es an zu nerven und vor allem irritierte es meine Arbeit mit Memmis Rassismustheorie und deren Übertragung  kolossal. Es ist so unglaublich schwierig klar zu bestimmen was rassistisch ist, wie das Ganze funktioniert, wie man die Theorie überträgt und was für Handlungskonsequenzen sich daraus ergeben. Friede, Freude, Party fegt das alles vom Tisch, behauptet wenn wir uns nur alle richtig verhalten sind alle Probleme beseitigt und ja, wir sind die Guten.

Weil ich irgendwie anders bin und auch irgendwie anders bleibe spüre ich, dass sich dadurch nicht tatsächlich etwas ändert. Es führt dazu die Dinge zu verschleiern und zu verbergen. Es schafft vorübergehende Erleichterung, es organisiert Gemeinsamkeit auf einem extrem niedrigen Level, aber wann kommt der große Kater? Wie lange halten Hochstimmung und Partylaune an? Und was passiert in der anderen Gruppe, die zu den Bösen gemacht werden? Und überhaupt: was konstituiert sich hier für eine Gruppe unter welchen Vorzeichen? Wir können das was ihr nicht könnt, wir können diese Stadt erneuern! Schließt euch uns und unseren Ideen an und alles wird gut! Welche Ideen? Wo sind die formuliert? Wo werden die von wem diskutiert? Wer sind die Tonangebenden? Was sind deren Interessen? Wie sind sie in den Machtstrukturen verortet?

Inzwischen habe ich genug theoretische Texte gelesen um zu wissen, dass ich mit meiner Wahrnehmung nicht allein dastehe, dass gute Absichten, das Vermeiden bestimmter Verhaltensweisen und der Versuch der Gleichbehandlung Rassismus auch bei denjenigen, die strategisch so vorgehen, noch lange nicht beseitigen.

Wir sind nicht alle gleich. Wir werden es nie sein. Wir leben in Machtkonstellationen. Wir sind eingebettet in eine lange Geschichte rassistischer Weltbetrachtung. Wir leben in einer postkolonialen Welt. Wir lösen unsere Probleme nicht indem wir ihnen nicht auf den Grund gehen. (Was nicht bedeutet dass wir unsere Probleme lösen wenn wir ihnen auf den Grund gehen, aber ich denke unsere Chance erhöht sich.)

Diese permanente Konfrontation mit als belanglos und gerade dadurch bedrohlich wirkender Hochstimmung hat mich irritiert und frustriert, gerade weil es um eine Sache geht, die sich mit einer guten Absicht präsentiert und schnell viele Leute angesprochen hat. Das hat mich schon ins Zweifeln gebracht. Ich habe dann eine Möglichkeit gefunden die Meldungen selektiert auszuschalten und meine Startseite präsentiert sich nun wieder in gewohnt ruhigerer Form. Konfrontation bestimme jetzt ich (die Gruppe ist ja offen einsehbar), sie wird mir nicht mehr aufgezwungen, und ich fühle mich auch nicht mehr in einen bedrohlich wirkenden Taumel hineingezogen, in dem sich alle ihrer guten Absichten versichern und dass sie gute Menschen sind, sich lieben und allein aus dieser Tatsache heraus alles besser machen werden.

Diese Erfahrung hat mich letztendlich aber wieder ziemlich stark motiviert weiterzumachen. Wissenschaftlich. Möglichst. Ich muss es schaffen meine Theoriebeschäftigung und meine Wahrnehmung in eine sinnvoll verwendbare Form zu bringen. Ich brauche mehr Systematik, mehr Klarheit, weniger Zweifel, mehr Eindeutigkeit. Also erneut ran an den Stoff! Ganbatte ne!

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