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Die Schwächeren opfern in Herrschaftsverhältnissen

Es gibt theoretische Überlegungen, es gibt Ideale und es gibt die Praxis. Die Ideale sagen: Man opfert Schwächere nicht. Theoriebezogene Überlegungen versuchen zu abstrahieren: Hier handelt es sich um eine Position innerhalb von Herrschaftsverhältnissen in denen eine Person Macht, die an sie abgetreten wurde, entgegen ihren eigenen Idealen gegen die Interessen anderer aus Angst vor eigenen Sanktionen ausübt. Im Alltag ist es eine Schulhofsituation von wenigen Minuten in der komplexe gesellschaftliche Wirklichkeit produziert und reproduziert wird.

Der Prozess selbst findet in einem klar abgrenzbaren Zeitraum statt. Er hat allerdings ein Vorher und er hat ein Nachher. Die betroffenen Kinder und die ausführende Erwachsene haben bereits erfahren, dass eine Auflehnung gegen die Erwartungen und Anweisungen von hierarchisch höher Stehenden negative Konsequenzen haben. Es kommt daher nicht mehr zum Streit. Es kommt nicht mehr zu Auflehnung. Es kommt nur noch zu einer kurzen Verhandlung über Lücken in Anweisungen. Um sich selbst gegen Angriffe zu schützen, weist die zuständige Erwachsene ohne unmittelbare Notwendigkeit eine hinzukommende hierarchisch höher Stehenden sogar darauf hin, dass sie die Anweisungen korrekt ausgeführt hat und gibt ohne Notwendigkeit die Namen weiterer Kinder an, die versucht haben gegen Regeln zu verstoßen, um sich selbst aufzuwerten und eventuellen Angriffen vorzubeugen, auch wenn dadurch diese Kinder weiteren Sanktionen unterliegen könnten. Sie verrät die Machtschwächeren.

Gesichter von Kindern sind einfach zu lesen. Mich verfolgt dieser nach innen gerichtete Blick eines betroffenen Jungen als er seine Optionen dafür überprüfte, wo eine Realisierungsmöglichkeit für sein eigenes Interesse zu finden ist. Er argumentierte nur kurz und nicht so vehement wie er das noch in der Vergangenheit tat, fügte sich der Starrheit von Regeln die seinem Interesse keinen Raum lassen, aber als er nach Hause ging war er noch immer am Überlegen. Und er ging nicht froh und selbstbewusst, offen für neue Erfahrungen und Abenteuer, sondern gedämpft und ein wenig wie ein Roboter, beim Gehen nur ab und an einen Blick zur Seite auf Aktivitäten um sich herum fallen lassend ohne sein Verlassen des Schulgeländes auch nur einen Augenblick zu stoppen. Genau das tuend wozu er aufgefordert worden war.

Hierarchische Herrschaftsstrukturen, in denen Menschen aus Angst vor Sanktionen im Interesse der Machtausübenden über ihnen funktionieren, schaffen einen mit Angst gewürzten Frieden. Es ist eine Möglichkeit gesellschaftliches Leben zu regeln, aber sie hat viele unangenehme Seiten und Konsequenzen.

Was war das nun aber für eine Situation? Die Regeln lauten: Aufgaben werden auch bei schönem Wetter nicht auf dem Schulhof sondern in den dafür bereitgestellten Räumen unter Aufsicht erledigt. Kinder die nicht in der Betreuung angemeldet sind, dürfen das Schulgebäude nicht verlassen und müssen unverzüglich nach Hause gehen, wenn sie an diesem Tag an keinen weiteren schulischen Aktivitäten teilnehmen. Ausnahmen werden nicht gemacht.

Regeln sind für Gemeinschaften wichtig. Sich an Regeln halten ebenfalls, auch wenn ich sinnvolle situationsbezogene Anpassungsmöglichkeiten für menschlicher halte. Diese Regeln wurden aber nicht von einer Gemeinschaft im Interesse und unter Beteiligung aller Betroffenen gemacht. Sie sind keine auf partizipatorischer Basis entstandenen Richtlinien, die von allen begrüßt und akzeptiert werden, sondern das Produkt einer kleinen Anzahl von Menschen, die nach ihren Vorstellungen und Interessen das gesellschaftliche Leben für alle anderen gestaltet.

Die Einhaltung und Ausführung wird von den anderen möglichst widerspruchslos und ohne Mitspracherecht erwartet. Nichtbefolgung hat unangenehme Sanktionen als Konsequenz. Exempel werden für alle wahrnehmbar statuiert, Disziplinierung soll zur Selbstdisziplinierung werden. Diese Selbstdisziplinierung erfolgt dabei bezogen auf das Interesse an der Vermeidung von Sanktionen. Änderungen der Regeln werden nur in oberen Positionen vorgenommen und müssen dann von allen unten Stehenden so übernommen und auf andere angewendet werden.

Innerhalb solcher Strukturen werden Untertanen produziert sowie Handlanger, die eigene Überzeugung verraten und gegen Schwächere vorgehen, um ihre eigene Position abzusichern. Und Menschen, die nach Schlupflöchern suchen müssen, um für ihre berechtigten Interessen einen Realisierungsraum zu finden. Das wirklich Erschreckende daran aber ist, dass die Dimensionen des Ganzen erst in der späteren Überlegung klar werden, ausgelöst durch den Ausdruck auf dem Gesicht eines Jungen, der nicht aus der Vorstellung verschwindet. Vorher war es nur eine banale, alltägliche Situation. So etabliert haben sich diese Strukturen schon. Und als Lösung kann auch ich nur in Richtung Schlupflöcher (sprich kreative Strategien des Umgangs) denken, so wenig angreifbar erscheinen mir die vorhandenen Strukturen im Licht meiner eigenen Vorerfahrungen.

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