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Reaktionen anderer auf die Auseinandersetzung mit Rassismus

Ich bedauere zutiefst dass es Rassismus gibt und wie sehr wir alle auf diesem Planeten darin verstrickt sind, aber ich bedauere nicht mehr mich auf dieses Thema eingelassen zu haben, auch wenn es mir in seiner gedanklichen Erfassung genauso wie in seiner emotionalen Bewältigung unglaubliche Schwierigkeiten bereitet und ich davon weder einen finanziellen Gewinn haben werde noch das Leben einfacher wird. Ohne diese Auseinandersetzung wäre mein Studium leichter geworden und vielleicht würde ich bereits munter an meiner Bachelorarbeit schwitzen wie ich mir das eigentlich vorgestellt hatte, letztlich hatte ich aber keine Wahl. Es gibt für mich kein Entrinnen.

Und da ich meine Auseinandersetzung auch nicht schweigend austrage, da ich auf Feedback anderer und deren Informationen angewiesen bin, bekomme ich auch unterschiedliche Reaktionen. Ich habe bestimmt schon viel Schrott zu dem Thema von mir gegeben, das liegt in der Natur solcher Erkundungsprozesse, und ich hoffe dass alle die damit konfrontiert waren und sind das auch so begreifen können. Wenn nicht sofort dann vielleicht später. Aber dadurch ist für mich unter anderem klarer geworden wie sehr meine eigene Herkunftsfamilie in rassistisches Denken verstrickt ist und das tut sehr sehr weh.

Es scheint immer mehr als würden wir auf zwei verschiedenen Seiten stehen, und mir wird ein weiteres Mal vermittelt, dass ich mich damit noch ein bisschen mehr als ernst zu nehmender Mensch disqualifiziert habe, dass noch ein weiterer Stempel in meinem Verliererinnenbuch gelandet ist. Ich kann ihre Argumente nicht in einem öffentlichen Blog verwenden, ich kann ihre Lebensstrategien aber nachvollziehen. Und auch das tut weh. Sie bemühen sich nach Kräften nicht auf der Verliererseite zu landen und können diesen Weg auch wählen, da sie noch über genügend Privilegien verfügen. Sie halten ihr Selbstbild aufrecht zu den höherwertigen Menschen zu gehören und dazu benutzen sie das rassistische Denken, das von den Vorvätern über die Kinder und Enkel an die Urenkel und Ururenkel weiter gegeben wird. Ich bin nicht in der Positionen ihnen Argumente liefern zu können die sie zum Nachdenken bewegen. Ich habe ihnen nichts zu bieten. Ich beschäftige mich mit einem Thema das keinen Gewinn verspricht und einen Schatten auf die Person fallen lässt, die es tut.

Wenn ich jetzt alle Kontakte, die über das Netz vermittelt werden nicht berücksichtige, fühle ich mich dagegen von meinen engsten Freunden begleitet sowie meinem Sohn. In der Regel telefoniere ich mit ihnen nur, manchmal mit langen Unterbrechungen und Besuche sind selten, aber bei allen merke ich, dass sie sich mit meinen Gedanken beschäftigen und sich selbst und die Welt überprüfen. Dieser unbeabsichtigte Einfluss auf andere raubt mir in der damit verbundenen Verantwortlichkeit den Atem. Ich bin vollkommen verblüfft was ich auslöse, wie tief ihre Gedanken gehen, mit welchen Beispielen sie Rassismus in ihrem Erfahrungsbereich verbinden. Und wie sehr sie gewillt sind sich scheinbar ohne Notwendigkeit auf ein Thema einlassen, das mich so sehr schmerzt.

Auch das Netz und Reaktionen von Menschen dort spielen eine Rolle, sind aber in ihrer Wirkung etwas schwächer als die Reaktion von Herkunftsfamilie und Freunden. Insgesamt befinde ich mich zwischen Gefühlen, dass es sich nicht schickt sich mit Rassismus auseinanderzusetzen und wenn, dann hat man enge Grenzen einzuhalten, und der Feststellung dass es dort draußen Menschen gibt, die haben so weit in die Auswirkungen und Zusammenhänge von Rassismus hineingedacht, dass es mich schwindelt.

Ein ganz lieber Mensch sagte so etwas wie „Willkommen in der Welt des Fachwissens. Ich bin allerdings froh, dass ich in der Regel mit Wissen zu tun habe, wo nicht alle der Meinung sind mitreden zu können. Keine Ahnung warum das bei Sozialwissenschaften alle denken.“

Wie soll ich mit all diesen Eindrücken in einer Weise umgehen, die mich bei meinen Erkundungen unterstützt?

Die Beziehungen zu den Freunden mit Respekt und Sorgfalt behandeln, den Schmerz den mir meine Herkunftsfamilie bereitet als nicht zu beseitigen annehmen, sorgfältig arbeiten und nachdenken, im Kopf behalten, dass es viele verschiedene Einschätzungen von Rassismus da draußen gibt und ich mit Gedanken und dem Sehen von Zusammenhängen, die mir vollkommen obskur erscheinen, nicht allein bin. Und mir klar machen, dass ich das Recht dazu habe frei zu denken und frei meine Meinung zu äußern. Es hat Menschen gegeben, die haben sich dafür eingesetzt dass ich das tun darf und es hat Menschen gegeben und gibt Menschen, die sich mit Rassismus auseinandersetzen und gesetzt haben und die der Ansicht waren und sind, dass das notwendig und wichtig ist. Die in der Aufdeckung von Zusammenhängen und der Beschreibung von Strukturen einen Wert sehen und gesehen haben. Kurz: Ich brauche viel von dem was mir das Gefühl gibt nicht allein zu sein und dass es andere Menschen gibt für die es wichtig ist was ich tue. Das macht es leichter.

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1 Kommentar

  1. filzflausch sagt:

    Vielen Dank für das Teilen deiner Gedanken. Für mich ist „Rassismus“ schon ein sehr altbekanntes Thema – seit Kindertagen. So als „Mischling“ war man in den ausgehenden 70er Jahren und den beginnenden 80er Jahren im Ruhrgebiet zwar nicht täglich, dennoch aber sehr häufig konfrontiert mit Rassismus und Ausländerfeindlichkeit (auch wenn man keiner war). Es war damals ja auch noch wesentlich weniger „bunt“ hier als heute. Gleichwohl kenne ich aus dem weiteren familiären Umfeld auch die Positionen, die man (nicht mir gegenüber) aber auf Familienfeiern hören konnte und bei denen ich auch damals schon mal sehr fuchsig geworden bin. Heute ist es mit dem Rassismus etc. merkwürdig in meinem Umfeld. Da ist alles dabei, weniger mir direkt gegenüber, aber das Verharren in Positionen, die ich mit zunehmendem Alter immer weniger akzeptieren mag verlangen einen klaren Standpunkt. Mir ist auch ziemlich egal, wer rassistische Positionen vertritt – ich nehme das nicht mehr hin. Egal ob Familie, Bekannten- oder Kundenkreis. Da werde ich laut. Schmerzt mich überhaupt nicht – empfinde ich als notwendig. Ich wünsche mir eine Welt ohne -„ismus“, denn Sexismus, Antisemismus, und andere diskriminierende Richtungen finde ich genauso intolerabel. 🙂

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