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„auch die Rassisten selbst müssen sich verändern“

„Denn eine Zerstörung des Rassismus setzt nicht nur voraus, daß dessen Opfer dagegen revoltieren, sondern auch die Rassisten selbst müssen sich verändern.“ Balibar 1992, Seite 25 [1]

Nach der Lektüre „Die Banalität des Rassismus“ von Mark Terkessisdis [2] muss ich meine Überlegungen zu Rassismus erneut umstellen. Ich weiß jetzt, dass ich auf der Seite der Täter stehe, allerdings in einer Position in der ich im Lauf meines Lebens ebenfalls Opfer rassistischer Zuweisungen wurde. Ich vermute, es handelt sich um Denkstrukturen die eine Eigendynamik entfalten. Hat ein Mensch rassistische Vorstellungen im Kopf, so wird seine ganze Sicht auf Menschen davon beeinflusst. Damit auch die Wahrnehmung von abweichenden Individuen der eigenen Gruppe, also derjenigen die seine „Rasse“kriterien weitgehend erfüllen.

Erst dachte ich, auch die rassistisch Wahrnehmenden und Denkenden werden zu Opfern, weil sie die Teile von sich abtrennen müssen, die sie ihren Opfern zuweisen, um den Unterschied herstellen zu können. Jetzt denke ich, wenn ich die Position der Macht miteinbeziehe, so haben rassistisch Wahrnehmende und Denkende in der Hand was sie abweisen und was nicht. Sie bestimmen das Bild der anderen, die Teile, die zum Eigenen gehören sollen, und diejenigen, die als fremd zu betrachten sind. Anpassungen an geänderte Vorstellungen von Werten werden aus der Machtposition heraus vorgenommen und das eigene Bild und das Bild des anderen dann entsprechend angepasst. Was beispielsweise als „deutsch“ gelten soll bestimmen diejenigen, die sich als deutsch verstehen, und können dann das andere im Kontrast dazu konstruieren, als dynamische Anpassung an gesellschaftlichen Wandel ohne Änderung der grundlegenden Strukturen. Weiterhin sind mit der Machtposition Privilegien verbunden, die einen ausreichenden Anlass zu Einschränkungen des eigenen Ausdruckrepertoires liefern können.

Es war dieses Buch [2] von Mark Terkessidis, das meine Blickrichtung jetzt noch einmal gewendet hat. Das mir die Dimension dafür vermittelt hat was es eigentlich bedeutet Nation als Ethnie zu konstruieren.

Worte allein helfen nicht. Wie oft habe ich den Begriff Ethnie gehört und doch nicht verstanden was das auf den Alltag bezogen eigentlich bedeutet. Seit einiger Zeit laufe ich nun aber durch die Welt und schaue mit einer anderen Perspektive darauf. Ich sehe meine Nachbarn mit anderen Augen und die Menschen, die mir begegnen. Ich nehme übliche Haltungen zur Welt anders wahr, in journalistischen Artikeln geäußerte Bewertungen, Meinungen, Filme, Diskussionsbeiträge, Blickrichtungen und beobachte die Kapriolen meines eigenen Geistes, wenn er Menschen bewertet mit denen ich konfrontiert bin, wie ich mich selber zuordne und in welche Ordnungen ich andere bringe.

In mir selbst wächst dabei ein Gefühl das ich schwer beschreiben kann. Es ist Ruhe und es ist auch Entschlossenheit. Ich stelle meinen Blick um auf die Wahrnehmung von Menschen. Ich versuche den Schleier der rassisch-ethnischen Bedeckung der Welt zu durchdringen, und dabei lässt ein Druck nach der auf mir lastete (allerdings nicht der Druck meiner Hausarbeiten, leider 🙂 ). Plötzlich erinnere ich mich daran, dass ich ein zappeliges unruhiges Kind war, das seine Fingernägel bis zum letzten Rest abgekaut hat.

Die dominierenden Haltungen zu Rassismus in der BRD, auf die ich während meiner Recherchen gestoßen bin und die meiner eigenen Wahrnehmung entsprechen, sehen Rassismus einerseits im Zusammenhang mit rechter Gewalt und andererseits als moralische Verfehlung. Interessant dazu, dass meine Collage von den SchaumschlägerSchaumschlägerküssen (Bild nebenan) im Netz zur Diskussion gestellt Assoziationen mit Gewalt auslöste. Beide Betrachtungsweisen erfassen Rassismus aber nicht als ein grundlegendes Strukturprinzip unserer Gesellschaft. Die Wahrnehmung der Zugehörigkeit zu unserer Gesellschaft hat rassisch-ethnische Grundlagen. Die Vergabe der Staatsangehörigkeit an Menschen mit empfundener anderer Zugehörigkeit durch ihre eigene oder die Herkunft ihrer Vorfahren bedeutet keine Gleichstellung in der Wahrnehmung. Die Vorstellung der rassisch-ethnischen Gemeinschaft schließt dies aus. Und das entspricht der Haltung des Rassismus. Es lässt sich dabei allerdings ein Unterschied in Nähe oder Ferne feststellen. Bestimmte Herkünfte werden als weniger fremd und kompatibler betrachtet, andere als gänzlich unvereinbar. So kann ein Mensch mit schwarzer Hautfarbe nach dieser Vorstellung logischerweise kein Deutscher sein und wenn, dann ist er kein richtiger Deutscher sondern ein geduldeter Deutscher von der Gnade der Machthabenden.

Diese Betrachtungsweise hat viele für mich sehr ungewohnte Implikationen. Sie erklärt auch, dass der „gute“ Mensch rassistische Einstellungen haben kann. In diesem Fall beugt sich der „gute“ Mensch herab und reicht dem Niedrigeren seine Hand. Wenn man Rassismus als Strukturprinzip begreift und nicht bloß als aggressiven oder ausschließenden individuellen Akt, dann besteht der Rassismus dabei trotzdem fort und kann durch diese Haltung nicht überwunden werden.

Alle meine bisherigen Recherchen laufen darauf hinaus dass ich mich denjenigen anschließe die der Meinung sind, dass Rassismus in der BRD ganz neu thematisiert und aus anderen Blickwinkeln untersucht werden muss. Dabei ist es notwendig die moralisierende Position zu verlassen in der nur der „schlechte“ Mensch Rassist ist, der „gute“ sich bemühen kann. Der „gute“ müsste aber gar nicht achtsam sein, wenn Rassismus eine Unmöglichkeit darstellen würde. Da er jedoch ein strukturelles Element des Alltags ist, bleibt er bestehen, ganz gleich welcher Umgang damit gefunden wird. Ohne genauer hinzuschauen und zu untersuchen können aber keine Einsichten über Erscheinungen, Funktionsweisen oder Zusammenhänge gefunden werden.

Referenzen:

[1] Balibar, E., Wallerstein, I. (1992). Rasse Klasse Nation Ambivalente Identitäten. Hamburg, Berlin: Argument-Verlag. (im Netz als Ausschnitt verfügbar)

[2]Terkessidis, M. (2004). Die Banalität des Rassismus. Bielefeld: transcript Verlag.

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