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Institutioneller Rassismus und so

Gut, jetzt wird es kompliziert. Aber so was von kompliziert. Ich habe momentan den Eindruck sehr „ernsthaft“ zu studieren, weil ich beim Versuch mein Hausarbeitsthema festzunageln Aspekte entdecke, auf die hin ich recherchiere und dabei entdecke ich plötzlich jede Menge Material mit dessen Inhalt ich nicht gerechnet habe und das letztlich meine Annahmen nicht nur bestätigt, sondern mir wieder ganz neue Hinweise liefert. Dadurch steht mir, Fernunizugang sei Dank, von einem Moment auf den anderen ohne Kosten ein weiteres mehr als 300 Seiten Buch zur Verfügung, in das ich mich kurz einlese und dabei merke, dass ich so schnell wie möglich einen Überblick über seinen Inhalt bekommen muss, um damit weiter denken und recherchieren zu können. (Und das ist mir innerhalb von knappe zwei Tagen auch gelungen. Es hat sich gelohnt!)

Bisher hatte ich mich darauf konzentriert allgemein zu erfassen was Rassismus ist. Zur Übertragung auf den Bereich Schule war ich davon ausgegangen bereits reichlich Material durch mein Studium und meine Erfahrungen zur Verfügung zu haben und dadurch wenig Rechercheaufwand betreiben zu müssen. Ich habe aber nicht damit gerechnet, dass bereits so viel Wissen vorhanden ist. Und das ist jetzt echt eine Crux. Warum habe ich davon nichts gewusst? Und warum ist es Material das meine Annahmen unterstützt? Und warum bezieht es sich auf Untersuchungen, die gar nicht neu sind? Was geht hier vor sich? Ich habe mich Schrittchen für Schrittchen voran getastet, um überhaupt denken zu können, dass ich es bei bestimmten Erscheinungen mit Rassismus zu tun haben könnte und jetzt finde ich heraus, dass es bereits anderen aufgefallen war. Warum ist das nicht allgemein bekannt? Und warum habe ich das Gefühl einen Tabubruch zu begehen, wenn ich mich damit befasse?

Ich weiß inzwischen, dass meine auf Lehren an der Schule bezogenen MOOCs aus Commonwealth-Ländern mir den Begriff Rassismus nahe gelegt haben. Denn bei diesen Anbietern ist das Thema Rassismus ein wichtiger Aspekt, der in Verbindung mit Lernen an Schulen immer wieder auf den Tisch kommt. Und das Buch von Gomolla und Radtke [1] scheint nach meinem kurzen Einlesen genau das aufzugreifen: Untersuchungen aus angelsächsischen Ländern. Ich hatte einen ganz anderen Zugang und bin dennoch auf das Gleiche gestoßen! Und das ist jetzt das Komplizierte: Andere zu finden, die sich bereits mit dem beschäftigt haben, was ich mir selbst mühsam erarbeitet habe, bestätigt für mich den Wert und die Richtigkeit meiner Überlegungen. Gleichzeitig bekomme ich ein gruseliges Gefühl. Warum wird das nicht andauernd und fortwährend bei uns thematisiert bis eine brauchbare Lösung gefunden wird und warum fühle ich mich so als würde ich einen Tabubruch begehen, während ich gleichzeitig den Eindruck habe als naiv eingestuft zu werden?

Wenn ich mich selber und meine Empfindungen ernst nehme, so bestätigt es mir die theoretischen Überlegungen in einer Gesellschaft mit rassistischen Strukturen zu leben, die ein dazu passendes Schulsystem betreibt was unter anderem dadurch verschleiert wird, dass der Begriff Rassismus vor allem mit rechter Gewalt und moralischem Versagen in Verbindung gebracht wird, aber nicht mit strukturellen Problemen. Und das gefällt mir so gar nicht.

„Von heute aus betrachtet, wird man sich schnell einig sein darüber, dass die Ungleichbehandlung von Jungen und Mädchen im Bildungssystem, bis in die sechziger Jahre noch ein Verhältnis der Geschlechter von zwei zu eins auf den Gymnasien hervorbrachte, nicht dadurch behoben worden ist, dass Defizite diagnostiziert und die Mädchen individuell gefördert und in Sonderkursen und durch intensive nachmittagliche Betreuung und Hausaufgebenhilfe kompensatorisch auf ihren heutigen Schulerfolg vorbereitet worden wären. Erreicht wurde die Veränderung der Verhältnisse nicht mit Pädagogik, sondern durch eine Politisierung der Diskussion über Ungleichheit und Ungleichbehandlung, in deren Folge es zu einer Reorganisation der Struktur des Bildungsangebots für Mädchen, einer Änderung der Selektionspraktiken in den Schulen und einer Delegitimation von Begründungshaushalten kam, die bis dahin die Entscheidungen gültig machten.“ Gomolla &Radtke, Seite 22 (Zitat auch zu finden auf: http://www.neras.de/)

Es bedeutet: erst die Gesellschaft und dann erst die Schule.

„Die Umstellung war möglich, weil sie mit gesamtgesellschaftlichen Veränderungen einher ging. Angesichts des Wandels der Industriegesellschaft und ihrer Arbeitsmarkterfordernisse mochte es nicht mehr als „quasi natürlich” erscheinen, daß die Hälfte der Bevölkerung vom Zugang zu höherer Bildung und qualifizierten Berufspositionen ausgeschlossen blieb. Seither gibt es quantitativ und qualitativ das gleiche Bildungsangebot für beide Geschlechter und auch eine definitive Angleichung des Bildungsverhaltens.“ Gomolla &Radtke, Seite 22

Ich möchte daran keine Analysen oder Verweise auf Zusammenhänge anschließen, denn ich nehme zu viele Aspekte wahr, die ich nur sehr unsicher verbinden kann. Und dieses Mal bleibe ich entgegen sonstiger Erfahrungen mit wesentlich mehr Fragen als noch zu Beginn des Blogschreibens zurück und fluche einmal mehr darüber, dass dieses Thema überhaupt existiert.

 

Referenz:

[1]  Gomolla, M., Radtke, F. (2003). Institutionelle Diskriminierung – Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

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