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Kindermund tut Wahrheit kund – Die Sache mit dem Fördern

Mein Synonym für die Entwertung von Begriffen durch ihre Verwendung in einem sie verändernden Kontext ist der Begriff „Autos lieben Shell“. Ich bin ihm als junger Frau in einem Gedicht begegnet wo die entsprechende Phrase etwa so lautete: „Alle Autos lieben Shell. Wie kann ich jetzt noch sagen, ich liebe dich?“

Nach einem ähnlichen Prinzip kann ich inzwischen den Begriff „fördern“ nur noch zusammen mit einem gleichzeitig auftretendem Wust unangenehmer Assoziationen verwenden. Fördern hat sich mit Defizite ausgleichen verbunden und Defizite ausgleichen setzt voraus dass etwas festgelegt wird, demgegenüber eine Nichtübereinstimmung festgestellt werden kann, die beseitigt werden soll. Wer legt aber fest was ein Defizit ist? Woran orientiert sich das? Und was tut es mit einem Menschen der oder die sich als defizitär erlebt?

Kennengelernt habe ich sie noch unter dem Begriff Hilfsschule, dann wurde sie Sonderschule, jetzt heißt sie Förderschule. Der Begriff Hilfsschule hat für mich inzwischen wieder seine negative Konnotation verloren. Das Wort erzeugt nur noch die Assoziation einer Schule die Hilfe gewährt. Und zu helfen hat keinen negativen Beigeschmack. Den hat für mich dafür inzwischen „fördern“.  Hierher passend ist auch der Begriff der Euphemismus-Tretmühle.

Doch jetzt zum Kindermund. Man sollte sich die Meinung von Kindern gut anhören. Sie kann ausgesprochen aufschlussreich sein. Auf dem Schulhof streiten zwei Mädchen. Beide mit dem sogenannten Migrationshintergrund, Kategorie: zwei Elternteile mit vermutetem Zuwanderungshintergrund, die eine erste, die andere zweite Klasse. Plötzlich die Zuweisung: „…du gehörst auf die Dummenschule!“ Sofortiges Losheulen bei dem beschimpften Mädchen, Beharren bei der die beschuldigt (sie ist sehr aufgebracht), Trost für das gekränkte Mädchen: „Nein, alle bleiben bis zum Ende hier. Niemand geht.“ (Ein unabgesichertes Versprechen.)

Es nützt nichts zu sagen, es gibt keine Dummenschule, dass es eine Schule ist an der geholfen und gefördert werden soll, wenn Kinder gleichzeitig durch die Beobachtung ihrer Umwelt eine andere Einschätzung lernen können. Wir sagen: „Wir lieben dich, du bist gut, da musst du nicht hin.“ Eine Lüge gegen eine andere Lüge. Die Bedrohung können wir nicht beseitigen und die Macht zu verhindern, dass jemand auf eine Förderschule geht und dadurch abgestempelt wird, haben wir nicht.

Gefördert zu werden in extra Stunden, in extra Angeboten, in Vorlaufkursen, das markiert. Wer smart ist und gut braucht so etwas nicht. Und das ist es worauf es in der Vorstellung ankommt. Richtig gut zu sein, ohne wenn und aber, ohne Fehler, ohne Nachhilfe, leicht und ohne Mühe. Das sind die richtig tollen Kinder. Die anderen…nun ja. Problemfälle. Mehr oder weniger. Gut wenn die Eltern ausgleichen.

Klingt hart und unzutreffend? Ich beschreibe hier Einstellungen und versteckte Werte, nicht das was Wissenschaft als sinnvoll erkannt hat oder was pädagogisch beruhigend geäußert wird.

Schule hat u.a. die Funktion auf gesellschaftliche Positionen vorzubereiten. Sie ist keine Insel. Und was dort gelernt wird ist sehr vielschichtig und vieles unterschwellig und versteckt. Umbenennungen helfen eben nicht, solange sich nicht das ändert was sich dahinter verbirgt. Und das ist in letzter Konsequenz die Gesellschaft.

Doch zurück zum Fördern und Defizite ausgleichen. Einen Migrationshintergrund zu haben steht in dem Verdacht vorliegender Defizite. Genug Deutsch? Ausreichendes Verständnis für deutsche Kultur? Eltern, die Unterstützung gewähren können? Besser überprüfen und auf das erwartete Niveau heben. Rechtzeitig. „Guckt mal, das sind diejenigen, die noch Sonderunterricht brauchen.“ In einer Kita in der viele verschiedene Formen von „Sonderunterricht“ üblich sind geht das vielleicht unter, ist nur eins von vielen Angeboten. Aber dort wo sonst alle das Gleiche tun…

Und dann der Förderunterricht. Für die mit Defiziten, für die mit besonderer Begabung…In meiner Kindheit war das einfacher. Die Kinder der einfachen Leute kamen auf die Volksschule, die Kinder der Mittelschicht auf die Realschule, und die Kinder der obersten Schichten ins Gymnasium. Noten waren dafür da dass man wusste ob man genug tat und wo man in seiner Vergleichsgruppe stand. Fair war das nicht, aber geordnet. Es gab für alle Schichten anerkannte Berufe und auch ein Auskommen.

Keine Sorge, da will ich nicht hin zurück. Es ist nur manchmal gut zu bedenken, dass es andere Systeme gab. Jetzt erfolgt die Zuteilung nach Leistungsfähigkeit, wird zumindest so gesagt. Allerdings gibt es fortwährend Schwierigkeiten. Es soll ja nicht aus dem System heraus benachteiligt werden. Es soll ja fair zugehen, denn Schulabschlüsse schaffen und blockieren Lebenschancen. Und dann gibt es noch so viele weitere Faktoren, die berücksichtigt werden müssen.

Ich denke meistens viel zu breit, daher jetzt zurück zum Fördern und dass ich es nicht mehr hören kann. Es ist das Fördern, das sich an der Erfüllung von Standards ausrichtet, das mir Probleme bereitet. Die irgendjemand für alle festlegt gleich ob Vogel, Igel, Bär oder Puma. Wo die Erfüllung dieser Standards vorbereitet auf welcher Position man landet. Wo der Förderbedarf einen Mangel signalisiert, der auch so wahrgenommen wird. Wo der Fehler ein Beleg für mangelnde Smartheit ist im Sinne eines Fixed Mindsets.

In unserer Gesellschaft muss man smart sein. Nicht einen Förderbedarf haben. Jeder besondere Förderbedarf signalisiert einen Mangel. Und jeder Mangel führt zu Minuspunkten und auch die Förderschule ist längst zur Dummenschule geworden.

Und was ist jetzt mit den Kindern mit dem Migrationshintergrund und dem Rassismus? Sie landen häufiger auf Förderschulen, sie werden häufiger als defizitär wahrgenommen. Sie haben eher niedrigeren Schulabschlüsse als Vergleichsgruppen. Nein, nicht alle. Auch hier ist die genaue Herkunft von Bedeutung. Migrationshintergrund ist ein Anlass unteren Chancenniveaus zuzuordnen. Begründet mit Defiziten, achselzuckend hingenommen von der Mehrheitsbevölkerung, kaum zu begegnen durch die Betroffenen, wissenschaftlich untersucht, mit institutioneller Diskriminierung in Zusammenhang gebracht, in der Gesellschaft verwirklicht. Es ist nicht Fremdenfeindlichkeit und es ist nicht Rassismus? Bestimmte Gruppen mit Migrationshintergrund sind eben defizitär? Nun, irgendjemand muss die unteren Ränge des Systems einnehmen solange es solche gibt. Warum nicht die Fremden oder die Fremderen? Rassismus?

„Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Anklägers und zum Nachteil seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.“ Albert Memmi

Was hierbei fehlt ist die Macht es durchzusetzen und die Zuordnung von Täter und Opfer zu gesellschaftlichen Gruppen. Er ist keine Erscheinung individueller Verirrungen oder Verfehlungen. Rassismus ist eingebettet in ein gesellschaftliches System von Machtverhältnissen in denen Zuschreibungen zu als anders konstruierten Gruppen wirkmächtig werden können. Er ist auch keine Erscheinung die sich auf einen extremen rechten Rand beschränkt und immer mit offener Gewalt einhergeht. Und es ist nicht sinnvoll ihn als moralische Verfehlung zu betrachten. Rassismus ist in unsere gesellschaftliche Struktur eingebettet und wird fortwährend genutzt. Wir können die Augen davor verschließen, wir können uns aber auch bemühen sie zu öffnen. Hilfreich ist es auf jeden Fall erst einmal die Vorstellung zuzulassen darein verstrickt zu sein, und zu beobachten welchen Nutzen es für wen hat und zu welchen Problemen das führt. Und dann zu überlegen wer welche Defizite festlegt und wie weit Förderung selbst zu einer Markierung von defizitär für Menschen führt.

Innerhalb von Systemen sind die Möglichkeiten sich nicht konform zu verhalten begrenzt ohne negative Auswirkungen in Kauf nehmen zu müssen. (Ergänzung 16.11.2014)

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