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„Leistung, Verlierer-Gewinner-Denken, Rassismus“

Rassismus ist meinen Auge ein Tool, ein Mittel zum Zweck. Und dadurch ist er auch ein Messinstrument für den Zustand in dem sich eine Gesellschaft befindet. Rassismus ist bei mir schon von Kindheit an mit einer besonderen Empfindlichkeit verbunden, auch wenn ich erst seit relativ kurzer Zeit weiß, dass das was mich so oft und viel beschäftigt hat von anderen Menschen als Rassismus bezeichnet wird. Wenn ich mich mit bestimmten Vorkommnissen und Erscheinungsformen davon konfrontiere, wird mir regelmäßig schlecht oder ich muss beklemmende Angstgefühle ertragen. So wie mich jetzt aus dem Buch Rassismus von Robert Miles heraus die Darstellung der rassistischen Absicherung der kolonialen Herrschaft in Kenia durch die Engländer verfolgt. (Miles, S.138 ff)

Die Konfrontation mit Rassismus hat eine starke emotionale Seite, da ich ihn als einen menschlichen Abgrund empfinde, einen Abgrund der sich jederzeit auftun kann, um Menschen zu verschlingen. Für mich ist Rassismus der wahre Sündenfall. Rassismus ist die Entmenschlichung des Menschen. Rassismus liefert die Legitimation für Grausamkeiten die nur dann begangen werden können, wenn der andere vorher aus dem Stand des Mitmenschen entfernt wurde.

Menschen haben das Bedürfnis ihre Ängste zu kontrollieren. Leider ist Psychologie nicht mein Fachgebiet und ich weiß nicht wer sich damit beschäftigt hat. Also muss mir jetzt dieser allgemeine Wissensbestand reichen. Ich kämpfe darum die Ängste zu kontrollieren, die Rassismus bei mir auslöst. Ich kämpfe darum Zusammenhänge zu verstehen und Anzeichen zu erkennen, um mich zur Wehr setzen zu können, um weniger hilflos zu sein. So wie Frühwarnsysteme für Tsunamis oder Taifune eingerichtet werden, so wie japanische Schulkinder einüben was zu tun ist wenn ein Erdbeben auftritt, aber auch wie man Wellenbrecher errichtet, um Erosionen vorzubeugen.

Ich stamme aus einem Ort in dem Rassismus in verschiedensten Formen im Lauf der Geschichte aufgetreten ist. (Und ich bin nicht bereit das aus Gründen des guten Rufs zu beschönigen, denn dadurch können keine grundlegenden Verbesserungen erzielt werden.) Rassistische Vorstellungsbestände sind dabei niemals verschwunden, sie haben sich nur immer wieder umgeformt und ihr Erscheinungsbild geändert. Im Hintergrund ist dabei durchgehend eine starke Bereitschaft geblieben Menschen zu etwas anderem als man selbst zu erklären und daraus Nachteile für die einen und Vorteile für die anderen abzuleiten.

Das funktioniert fatalerweise in beide Richtungen. Menschen mit diesen Wissensbeständen wenden ihre eigene Haltung auf sich selber an. Es führt zu einem Denken in Gewinnern und Verlierern. Und dadurch gibt es auch immer wieder nur Gewinner und Verlierer und keine Chance auf eine andere Vorstellung von Gesellschaft. Also muss mit harten Bandagen und allen Mitteln darum gekämpft werden zu den Gewinnern zu gehören, denn in der Dichotomie gibt es keine anderen Positionen. Ist man nicht Gewinner, wird man automatisch zum Verlierer. Auch in traditionellen rassistischen Vorstellungen gibt es nur eine höchste Rasse, der alle anderen untergeordnet sind.

In merkwürdiger Weise verknüpfen sich Leistung, Verlierer-Gewinner-Denken, Rassismus und eine Denkstruktur, die grundsätzlich nicht mit einer gleichwertigen und gleichberechtigten Vielfalt vereinbar ist. Über sichtbare Leistung muss die Gewinnerposition erreicht werden, da der Verlierer der Minderwertige ist mit dem der Gewinner nach eigenem Gutdünken verfahren kann. Das sind die Spielregeln im Hintergrund. Spielregeln die auch Angaben über die Kriterien für das Gewinnen mitliefern. Vorhandene Ressourcen werden unter die Gewinner verteilt. Und die bestimmen was und wie viel sie den Verlierern zum Leben zugestehen. Dabei wird durchaus nach der weiteren Nützlichkeit der Verlierer für die Gewinner zum jeweiligen gesellschaftlichen Zeitpunkt unterschiedlich zugewiesen.

Ich lebe in einer Stadt in der Frauen und einige Männer als Hexen verbrannt wurden, in der die Synagoge in der Reichskristallnacht brannte, in der die jüdische Bevölkerung aus der Stadt geführt wurde, in der Menschen auf Grund von Bedürftigkeit, Behinderung und Andersartigkeit gedemütigt wurden und wo versucht wurde ihnen Rechte vorzuenthalten. Der viele den Rücken kehrten und versuchten an anderen Orten ein respektierteres Leben zu finden. Ich werfe das nicht vor. Ich möchte es verstehen.

Rassismus ist in dem ganzen Gerangel ein Tool. Eine häufig unbewusste Rechtfertigung. Eine gewohnheitsmäßige, erlernte Sicht auf Menschen in der gesellschaftlichen Welt. In der Vergangenheit waren schon die Menschen aus dem nächsten Ort, die Menschen mit der anderen Religion, die Zugezogenen die grundsätzlich Anderen. All diese Faktoren sind ein wunderbarer Nährboden. Ungleiche Ressourcen, ungleiche Machtverhältnisse, vereinnahmte Verteilungsbefugnis. Es braucht eine Rechtfertigung, die Akzeptanz für Ungleichheit, Mangel und Diskriminierung schafft. Aktuell scheint es die Leistungsfähigkeit oder eben ihr Mangel. Eine Rechtfertigung, die sich dabei aber verselbstständigt und neue Probleme erzeugt, da sie tatsächlichen gesellschaftlichen Problemlösungen durchaus im Weg steht.

Ein weiterer wichtiger Grund um sich mit den Strukturen intensiver zu beschäftigen, die zu Rassismus führen, der immer wieder in seiner expliziten Form aufflammen wird, wenn Menschengruppen in der Gesellschaft  diesen als Tool für ihre eigenen Zwecke als geeignet empfinden und dabei kreativ rassistische Vorstellungsbilder immer wieder neuen gesellschaftlichen Wertvorstellungen anpassen.

 

Referenz:

Miles, R. (1991). Rassismus – Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs. Hamburg: Argument Verlag.

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