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Alltagsrassismus

Ein Kater am nächsten Morgen geht auch ohne Alkohol. Bisher habe ich mich wenig mit Alltagsrassismus und seinen konkreten Erscheinungsformen beschäftigt, gestern habe ich davon aber anscheinend eine ganze Menge zu hören bekommen, ohne dass ich schlagfertige Argumente dagegen hatte – schlimmer noch, erst am nächsten Morgen wird mir klar womit ich es da zu tun gehabt haben könnte.

„Die Russen müssen immer groß klotzen.“ – „Die Russen fahren vorne auf Rädern und hinten auf Wechseln.“ – „Ich verlange dass an meinem Arbeitsplatz deutsch gesprochen wird. Russisch können sie zu Hause reden.“ – „Da kommt doch so einer mit einem Schild vom Zirkus, kann nicht richtig Deutsch und sagt: ‚Du helfen.‘ Da hab ich gesagt: ‚Ich helfen? Ich brauch auch Hilfe. Ich hab da hinten was angefangen, das ist noch nicht fertig.‘ “ – „Die ersten die kamen waren ja noch in Ordnung und wollten nur arbeiten, aber die in den letzten 20 Jahren kamen, die wollten sich doch nur bereichern.“ – „Da hat doch einer von den Grünen gesagt: ‚Wenn sie nicht unsere Sprache sprechen, müssen wir vielleicht ihre lernen.‘ “ – „Der Islam kann sich nicht anpassen. Und überall wo er existiert gibt es Brandherde.“

Das sind nur Kostproben eines Gesprächs das in diesem Tenor über gefühlt eine halbe bis dreiviertel Stunde geführt wurde. Wenn ich jetzt daran denke fühle ich mich beschmutzt. Vor allem weil die Situation und die Argumentation auch noch so gestaltet waren, dass ich zu einem Teil des Ganzen geworden bin. Und immer diese Botschaft im Hintergrund: „Ich habe doch recht. Da kann man doch nichts gegen sagen. Ich bin Einheimischer. Die müssen sich anpassen. Die dürfen doch nicht mehr Rechte haben wie ich. Und von Seiten bestimmter Parteien wird das auch noch unterstützt.“ Das alles wurde so nicht ausgesprochen, war aber das unterschwellige Thema des Gesprächs. Es war kein Gespräch auf einer theoretischen Ebene. Es arbeitete stark mit verallgemeinerten erlebten Beispielen, bei denen aber auch aus dem Einzelfall nur bestimmte Erscheinungen ohne Hintergründe extrahiert wurden. Das scheinbar genau so Erlebte sollte dabei die Glaubwürdigkeit der Aussagen unterstützen. Derjenige mit der extremsten Position hat von den anderen dabei gefühlt wesentlich mehr unterstützende Argumente und Witze zugespielt bekommen als dass ihm widersprochen wurde.

Das alles geschah in einer gemütlichen Runde des Beisammenseins. Eine meiner Fantasien ist jetzt dass ich getestet werden sollte – und dabei habe ich kläglich versagt. Ich habe mich einlullen lassen von freundlichen Worten, kleinen Flirts und immer wieder Hinweisen auf alte gemeinsame Bekannten. Ich bin eine Eingeborene. Ich habe die Chance auf bedingungslose Zugehörigkeit. Ich bekomme kleine Geschenke, Nettigkeiten, Vorzüge.

Alltagsrassismus. Was für eine grauselige Sache! Heimtückisch, hinterhältig. Diese Unterhaltung hätte ich jetzt gerne zur Analyse aufgezeichnet zur Verfügung. Ich erinnere mich dass ich an einer Stelle gesagt habe, dass dies eine rassistische Argumentation sei, und die Antwort bekam, das habe nichts mit Rassismus zu tun, denn das sei doch so.

Meine lieben Leute! Inzwischen glaube ich, dass ich euch dankbar sein kann für das Lehrstück, das ihr mir geliefert habt. Das alles geschah auf dem Sommerfest einer Gewerkschaft auf deren Internetseite ich noch an dem entsprechenden Tag aus einem Artikel über Alltagsrassismus den Link zu einem Bericht der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) benutzt hatte. Dieser spricht sich unter anderem für eine Ausweitung der in der BRD üblichen Verwendung des Rassismusbegriffs, der auch Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Intoleranz einschließen sollte.

Wir erkennen es nicht ausreichend in seiner Bedeutung, wenn es uns begegnet. Die Theorie klingt anders als die alltäglichen Erscheinungen. Die Theorie muss erst für die Verwendung auf alltägliche Erscheinungen in eine geeignete Form gebracht werden. Erst meine morgendlichen Unwohlgefühle haben mich auf die richtige Spur gesetzt und erst durch Nachdenken und Nachlesen erschließt sich mir zum Teil was da eigentlich vorgefallen ist.

Was für ein Gespräch! Wozu diente es? Ein Wir zu schaffen in Abgrenzung zu Ihnen? Warum? Um festzustellen wer dazugehört und wer nicht? Wofür? Es war ein Gespräch das auf rassistischem Wissen basierte, das rassistisches Wissen als Zugehörigkeitskriterium testete.

Vielleicht wollen diese „Russen“ ja nur ihren Wert erhöhen indem sie genau das übererfüllen, was sie als für die sie umgebende Gesellschaft als wertvoll wahrnehmen: dicke Autos und große Häuser. Vielleicht mögen sie das auch einfach und warum auch nicht?

Und – was ist dann eigentlich mit mir? Was muss ich erfüllen um dazu zu gehören? Und was passiert wenn ich die Erwartungen enttäusche? Wie viel Freiheit habe ich für meine Lebensgestaltung? Wo ist der Punkt an dem ich nicht mehr dazugehöre? Und ich erinnere mich. Als eine die selbst schon ausgegrenzt und zu einer Anderen gemacht wurde, hat sich meine Situation durch den Zuzug von immer mehr Menschen aus anderen Teilen der Welt geändert. Auffälligkeit und Andersartigkeit ist auch eine Frage der Vergleichsbasis.

Das was da vor sich geht ist alt. Es war verletzend und es bleibt verletzend. Mein Kater ist verschwunden, meine Entschlossenheit gestärkt. Ich habe gestern versagt, ich lasse mich aber nicht entmutigen. Wieder habe ich den Dschungel des Rassismus ein Stückchen besser kennen gelernt. Es ist schwer, es dauert. Unterm Strich hat mich das gestrige Erlebnis darin bestärkt dass es wichtig ist weiter zu humpeln. Es ist für alle wichtig – für die Verwender genauso wie für die Betroffenen.

 

Dazu ein passender Link.

Und noch einer zu Alltagsrassismus.

Und zu Vornamendiskriminierung.

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