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Hausaufgaben und Grundschulbetreuung

Ich arbeite ja in einer Grundschulbetreuung und seit einer Weile bin ich durch Umstrukturierungen an der Schule damit konfrontiert, dass Kinder zu den Aufgaben geholt werden, wenn sie gerade mit etwas beschäftigt sind, wie Bilder zu malen, zu spielen oder Bänder zu flechten. Zu den Aufgaben gehen sie dann durchaus mal unter Protest. Nun habe ich mich wegen einer Hausarbeit einmal intensiver mit Hausaufgaben an Grundschulen beschäftigt und musste dabei feststellen, dass der Wert von Hausaufgaben für das Lernen während der Grundschulzeit durchaus strittig ist. Zu diesem Zeitpunkt erschien es eher so, dass damit vor allem eine Anschlussfähigkeit an weiterführende Schulen, die diese Methode verwenden und in deren Kontext es dann sinnvoll wird, gewährleistet wird.

Soweit die Vorrede und jetzt kommt die eigentliche Sache. Als jetzt wieder Kinder nicht zu den Hausaufgaben gehen wollten, sondern versuchten ihre angefangenen Sachen weiter zu machen, habe ich gesagt: „Aufgaben sind wichtig, die Sachen hier in der Betreuung nicht.“ Ich habe es gesagt, damit die Kinder ihren Pflichten nachkommen und ich meine Aufgabe an der Schule zur Zufriedenheit der Lehrkräfte ausführe. Es hat sich sehr merkwürdig angefühlt das so auszusprechen, denn es war im Kontext vollkommen richtig, auch wenn ich den Satz ohne Schulkontext als vollkommen falsch einstufen würde. Daher will ich noch ein wenig darüber nachsinnen.

Erst innerhalb der Wirklichkeit von Schule wie ich sie erlebe wird diese Aussage richtig. Genau das wird durch viele Kleinigkeiten gelehrt. Es gibt Prioritätenlisten von Tätigkeiten, die ihre eigene Wirklichkeit entfalten. Ich halte Spiel und Malen und Basteln in der Betreuung für wichtig und wenn diese Tätigkeiten geplant und geordnet in einem pädagogisch deklarierten Kontext auftauchen, dann sind sie es auch im Rahmen von Schule. Nicht so wichtig wie Mathe oder Deutsch, aber in der Grundschule haben sie durchaus ihren Platz. In der Betreuung sind sie allerdings etwas anderes. Dort sind sie etwas womit sich Kinder eben beschäftigen damit sie etwas zu tun haben, das aber durch Wichtigeres immer sofort abgebrochen werden  kann und muss. Das was an anderem Ort pädagogisch geplant initiiert wird, sich in der Betreuung aber ganz ähnlich durch das Interesse der Beteiligten organisch entwickelt, hat keinen vergleichbaren Wert. In der Betreuung  kann und muss es jederzeit abgebrochen werden, wenn es dann eben Zeit für die Hausaufgaben ist oder weil die Eltern kommen. Darüber lernen Kinder die unterschiedliche Wertigkeiten von Tätigkeiten.

Ich arbeite schon lange so, dass ich versuche nur Angebote zu machen, die man jederzeit abbrechen kann. Das war nicht immer so. Aber seit die Betreuung vor allem zum Wartesaal geworden ist in dem Kinder in Zwischenzeiten geparkt werden, ergibt alles Weitere kaum einen Sinn und ist  für Kinder und Betreuende eher frustrierend. Betreuung und ihre Aktivitäten bekamen diese Position zugeschoben und nun stimmt eben diese Aussage, die ich gemacht habe, aber nur in der innerhalb von Schule geschaffenen Realität.

Basteln, Malen, Spielen behalten einen eigenen bedeutenden Wert. Sie sind in der Außenwelt die Basis von Berufen, die Fähigkeiten mit denen Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen. Und auch der Wert von Hausaufgaben in Grundschulen für das Lernen kann weiterhin angezweifelt werden und es kann auch angezweifelt werden wie sinnvoll es ist Kinder zur Pflichterfüllung in der Form zu erziehen, dass sie die Dinge, die sie eigentlich interessieren, lernen beiseite zu legen, um sich Pflichten zu widmen, deren Bedeutung nur im Kontext von Gepflogenheiten einen Sinn ergibt.

Inzwischen bin ich mir sehr bewusst, dass Schule ihre eigene Wirklichkeit kreiert. Und ich bin mir auch darüber bewusst wie in vielen kleinen alltäglichen Details Bedeutungen geschaffen werden, Positionen hierarchisch bestimmt werden, versteckte Werte eingeübt werden. Und auch wie Rassismus  gelernt und gelebt wird.

Ein endgültiges Fazit steht für mich noch aus. Womit ich inzwischen allerdings keine Schwierigkeiten mehr habe, ist es zu verstehen, warum genau die gleichen Tätigkeiten einmal einen hohen und ein anderes Mal gar keinen oder nur geringen Wert haben. Das war etwas, das mich in der Zeit vor meinem Studiumsbeginn sehr umgetrieben hat. Ändern kann ich durch die gewonnenen Erkenntnisse kaum etwas, aber der Satz der noch vom Anfang meines Studiums an der Wand hängt und wenn ich mich richtig erinnere von Andreas Döppinghaus stammt:

„Bildung kann in eigener gedanklicher Anstrengung Sozialisation und gesellschaftliche Einflüsse durchschauen, um ihrer Dominanz nicht dauerhaft und widerstandslos ausgesetzt zu sein.“ (Quelle?)

sagt in etwa das aus was den Wert meiner Lernbemühungen ausmacht.

Wird die Redewendung einem ein X für ein U vormachen eigentlich noch verwendet?

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