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Hüter des Lichts, rassistisches Wissen und kulturelle Dominanz

„Hüter des Lichts“ oder im Original „Rise of the Guardians“ ist der Titel eines Animationsfilmes, den ich am letzten Schultag mit Kindern der Grundschulbetreuung angeschaut habe. Ich hatte den Film zuvor gesehen und ihn inhaltlich als angemessen empfunden, da er einerseits sehr schöne Bilder enthält, andererseits eine durchgehend positive Botschaft vermittelt. Kathegorie: modernes Märchen. Mit Emotionen, Bedrohung, Kampf, Gemeinschaft und dem Sieg des Guten. Etwas bedenklich fand ich im schulischen Begleitrahmen die Kampfszenen, das ist mir allerdings erst in der konkreten Situation mit den Kindern aufgefallen. Als ich allein mit dem Film konfrontiert war, ergaben sie sich logisch aus der Handlung.  Bei Recherchen fand ich im Nachhinein wiederum heraus, dass der Film von der Deutschen Film- und Medienbewertung das Prädikat wertvoll erhalten hat, und ich denke inzwischen, im schulischen Begleitrahmen Betreuung ist ein solcher Film vertretbar.

Im Zusammenhang mit meiner Beschäftigung mit der Produktion rassistischen Wissens wache ich allerdings am nächsten Morgen mit neuen Erkenntnissen auf. Auch dieser Film ist daran beteiligt rassistisches Wissen zu reproduzieren und zu unterstützen. Wie er das macht? Zwei Sachen sind mir aufgefallen.

  • Der Film erzeugt die Vorstellung, dass die aus dem europäisch-nordamerikanischen Kulturraum stammenden Vorstellungen von Weihnachtsmann, Osterhase und Zahnfee global vorhanden und wichtig sind. Im Film agieren diese Figuren anscheinend in gleichem Maß weltweit. Damit wird die Dominanz einer spezifischen Kultur über den gesamten Globus behauptet.
  • Der Film verteilt dabei zwar die verschiedenen Rollen auf verschiedene Typen, die u.a. an bestimmte Länder erinnern. Der Weihnachtsmann hat einen russischen Akzent, der Osterhase legt durch den Kontrast zum Weihnachtsmann und durch sein Auftreten einen Bezug zur USA nahe, die Zahnfee übernimmt den Part die weibliche Seite zu repräsentieren. Der schwarze Mann ist zum Glück, zumindest für mich, nicht in besonderer Weise ethnisch markiert, sondern symbolisiert vor allem die Bedrohung durch die Finsternis. Aber die Hauptfigur Jack Frost (ein Wintergeist) hat einen eindeutig Bezug zu: nordamerikanisch, weiß und männlich. Genauso die Hauptfigur auf der Seite der Menschen, Jamie: nordamerikanisch, weiß und männlich. Beide sind je auf ihrer Seite die Retter. Jamie wird zu dem letzten Kind, das noch glaubt, und Jack Frost ist derjenige, der diesen Glauben am Leben erhält als er zu erlöschen droht. Die Kindergruppe um Jamie ist zwar leicht gemischt, es gibt ein ganz dickes Mädchen, es gibt einen schwarzen Jungen, aber durch die Wahl von Jamie als Hauptfigur wird in Kombination mit Jack Frost eine eindeutige Dominanz betont. Jamie und Jack Frost sind die Figuren mit denen primär eine Identifikation erfolgen soll.

Es gibt viele weitere Themen, die in diesem Film untersucht werden können. Das was mir mit meinem durch das Thema Rassismus beeinflussten Blick aufgefallen ist, sticht auch nur dann hervor wenn man darauf achtet. Dennoch wird diese Information zusammen mit allen anderen an die Betrachter weitergegeben, aufgenommen und dem Gesamtvorstellungsbild von der Welt zugefügt. Aus solchen Quellen werden die bereits vorhandenen Vorstellung einer bestimmten Weltordnung unterstützt. Und in dieser Weltvorstellung sind die Hauptfiguren eben weiß, männlich und nordamerikanisch.

Gerade in diesem Film hatte ich das allerdings nicht vermutet, da seine Figuren insgesamt auf den ersten Blick sehr vielfältig wirken. Erst der Blick auf die Rolle, die sie im Ganzen jeweils spielen, gibt Auskunft über die versteckte Wertung. Und das sogar dann wenn beide, Jamie als auch Jack Frost, eigentlich Figuren darstellen die schwach (Jamie) oder Außenseiter (Jack Frost) sind. Es liegt im Detail ihrer Zugehörigkeit zu der größeren Gruppe. Weiße Dominanz wertet hier ihre Schwachen und Außenseiter auf!

Und nein, es ist keine Haarspalterei. Es ist genau der Weg auf dem Weltvorstellungen unter die Menschen kommen und auch in modernisierten Formen weiterwirken.

Daher: Augen auf! Wer bleibt letztlich dominierend?

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4 Kommentare

  1. Da ich den Film nicht kenne möchte ich auf deine konkrete Analyse nicht weiter eingehen sondern dich ein bisschen vor dem „confirmation bias“ warnen. Du hast dich sehr eingehend und tief mit Rassismus auseinandergesetzt und da ist die Gefahr groß, überall Rassismus zu sehen… Vielleicht passt das auch gar nicht auf die aktuelle Situation aber mir persönlich hilft es immer mal wieder auf diese (nur natürlichen) Wahrnehmungsverschiebungen zu achten 😉

  2. amirabai sagt:

    Hallo Mathias!
    Danke für den Hinweis. Diese Erscheinung hatte ich zwischendurch schon. Bei der Analyse hier ging es nicht um Rassismus an sich, sondern um rassistisches Wissen. Damit bin ich momentan beschäftigt. Rassistisches Wissen ist noch kein Rassismus, Rassismus und vor allem Alltagsrassismus baut aber darauf auf. Auch eine enthaltene Kulturdominanz wie in diesem Film ist ein Produkt von tradierten Vorstellungen davon welche Menschengruppe auf dem Planeten die Vormachtstellung hat und reproduziert diese Vorstellung.
    Aber wie gesagt, als Rassismus betrachte ich das noch nicht. Ich frage mich momentan vor allem wie funktionieren diese Überzeugungen, dass bestimmte Menschengruppen besser, schlechter oder anders als andere sind. Wie werden diese Vorstellungen permanent im Alltag erzeugt und aufrecht erhalten. Und ich denke genauso wie ich es versucht habe zu beschreiben geht es. Transportiert in ganz normalen Kleinigkeiten.

  3. Ok ich glaube dann habe ich dir Unrecht getan 🙂

  4. amirabai sagt:

    Nee, bestimmt nicht. 🙂 Das liegt an der Problematik und dass sie so schwer verständlich ist. Von Seiten einiger Rassismusforscher wie Mecheril oder Terkessidis wird auch darauf hingewiesen, dass wir in der BRD eigentlich einen Nachholbedarf in der Auseinandersetzung haben und anders und auch entspannter an das Thema herangehen sollten als in der Vergangenheit. Solltest du es nicht kennen, diese fünf Minuten fand ich sehr aufschlussreich. http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/puzzle/alltagsrassismus-in-deutschland-100.html

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