Bildungsmäuschen

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Verarbeitungsphase während der Themenausarbeitung

Nach gut 10 Monaten habe ich es endlich geschafft meine für das Studium relevante Ausarbeitung zum Rassismusthema zu schreiben und sehe das Ende der intensiven Auseinandersetzung langsam vor mir. Nur wenig von dem womit ich mich beschäftigt habe wird dort hinein geflossen sein und wirklich zufrieden bin ich mit meinem Ansatz bisher auch nicht, aber mal abgesehen davon, dass ich noch etwas Zeit bis zur Abgabe habe, der letzte Teil noch aussteht und ich auch noch Änderungen vornehmen kann, reicht es mir eigentlich wenn ich das Modul einfach nur bestehe. Klar, eine gute Note wäre schön, schließlich bin ich darauf konditioniert davon einen Wert abzuleiten, und eine schlechte Note würde mich folglich frustrieren, was aber letztlich eine wirkliche Bedeutung hat ist, dass sich meine Sichtweise geändert hat. Und das war dringend notwendig.

Vor kurzem tauchte ein Thread in der themenspezifischen Gruppe einer sozialen Plattform, in der in der Regel ein freundlicher Umgangston und die Verwendung des „Du“ üblich ist auf, in dem sich plötzlich antimuslimischer Rassismus massiv bemerkbar machte. Ich wollte schon vor ein paar Tagen dazu schreiben, hatte aber wenig Zeit. Der Thread scheint inzwischen verschwunden, ich kann daher allein auf mein Gedächtnis zugreifen. In dem Thread stellte eine Person mit dem Avatar einer Frau mit islamischem Kopftuch eine dort ganz übliche Art von Frage. Sie wollte wissen, ob sie eine Erzieherausbildung, die sie in Deutschland gerade macht, in der Türkei anerkannt bekommt. Was dann passierte hat mich große Augen bekommen lassen. Sie bekam Antwort von einem Gruppenmitglied, das als Avatar ein arabisches Schriftzeichen verwendete, das aktuell durch die islamistische ISIS zur Kennzeichnung von Christen benutzt wird. Erst einmal wurde sie entgegen der sonstigen Gepflogenheiten mit „Sie“ adressiert und bekam dann vorgeworfen, dass sie in Deutschland eine Ausbildung finanziert bekommt, die sie dann aber nicht im Land verwendet. Der Ton war ausgesprochen feindselig und auch als sich andere einschalteten und Gegenargumente anführten, änderte er sich kaum. Die Fragende verteidigte sich sehr sachlich, bis sie dann auf Distanz ging.

Wie geschrieben, ich kann nur auf meine Erinnerung zurückgreifen. Das Erlebte haftet aber noch in meinem Kopf und ich stelle mir vor wie es für diejenige war, die nur eine sachliche Fragen in einer passenden Gruppe stellt, und plötzlich in einen Konflikt hineingezogen wird, der sie zum Opfer von massivster Feindseligkeit macht. Und ich stelle mir auch den Antwortenden vor, der jegliche Sachlichkeit und Vergleichbarkeit aufgibt und verbal einfach nur noch draufschlägt. Es scheint mal wieder ein aktueller über die Medien verbreiteter Konflikt gewesen sein, der den Zündstoff liefert, aber genau an solchen Stellen zeigt sich das Vorhandensein der Bereitschaft rassistisch oder menschenfeindlich vorzugehen. Dazu ist es notwendig, dass der Andere bereits zu einer markierten Gruppe gehört, in der jeder Zugehörende und jede Zugehörende als anders als man selbst definiert ist. Da wird kein „Du“ mehr verwendet, da wird mit dem „Sie“ der unüberwindbare Graben gefestigt, da werden für die bereits vorhandene Feinseligkeit und das existierende Vorurteil von Schädlichkeit  irgendwelche Argumente herbeigezerrt, ganz gleich wie unbegründet oder falsch sie sind.

Der Thread ist weg und der Angreifer zeigt sich in anderen Threads als sympathischer freundlicher Kerl, ganz und gar unauffällig, ich aber erinnere mich was da hervorgebrochen war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es weg ist. Für mich schlummert es in den passenden Bereichen und wird wieder hervorkommen, wenn die Gelegenheit da ist. In der Situation der Muslima wäre ich jetzt massivst verletzt. Und ich stelle mir auch vor wie es ist häufig solchen Verhaltensweisen zu begegnen und welches Lebensgefühl sich daraus ergibt. Ich würde in dieser Gruppe nichts mehr posten. Sie hat nichts, aber auch gar nichts getan, was eine solch feindselige Reaktion begründen könnte. Nichts. Ausbildungen werden in dem einen Land erworben und in einem anderen vielleicht anerkannt, vielleicht auch nicht. Jährlich gehen Tausende von Deutschen und verwenden ihre in Deutschland erworbenen Ausbildungen im Ausland. Jährlich kommen Tausende zu uns und verwenden hier Ausbildungen, die in ihren Herkunftsländern finanziert oder mitfinanziert wurden. Hier ging es ganz allein um die fadenscheinige  Begründung von Aggressivität und Feindseligkeit. Und genau das, so weiß ich jetzt, ist ein Erkennungsmerkmal der grundlegenden Strukturen von Rassismus, oder Diskriminierung, oder gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, je nachdem welchen Begriff und damit welchen theoretischen Hintergrund man bevorzugt. Wer Täter ist und wer das Opfer, dem der Grund für seine Schlechterbehandlung zugeschoben wird und dem letztlich am meisten ein Schaden zugefügt wird, ist jedoch durch alle drei Begriffe in gleicher Weise bestimmbar.

Für manche Menschen scheint die Art wie ich interpretiere extrem oder befremdlich, für mich bedeutet sie aber, das womit ich mich in den letzten Monaten beschäftigt habe auch im Alltag aufzuspüren und dadurch eine stärkere Verbindung zur Theorie herzustellen. Sicherlich lässt sich gesellschaftliche Wirklichkeit auch unter anderen Gesichtspunkten interpretieren. Gerade in den letzten Tagen gab es auf Fernuni Moodle Diskussionen zu einem Artikel über Bildungsbürgertum vs. Prekariat, der von unterschiedlichen Studierenden sehr verschieden interpretiert und beurteilt wurde. Für mich war der Artikel aufschlussreich, andere beurteilten ihn als nichts Neues vermittelnd und überflüssig oder auch dahingehend, dass Menschen sich schon immer über andere gestellt haben. Aber auch sehr umfangreich analysiert ohne dabei aber auch nur einmal die Begriffe oder den Kontext von Diskriminierung, Rassismus oder gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu verwenden.

All diese Beobachtungen oder Beteiligungen durch Beiträge als Antworten auf andere bestätigen mir, dass der Ansatz Rassismus/Diskriminierung/gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit hervorragend funktioniert. In Moodle (3.8.2014) habe ich es folgendermaßen formuliert:

„Meine eigene Argumentation hat ihre Wurzeln in der Thematik mit der ich mich aktuell beschäftige. Darin sind sowohl

  • die kollektiven Vorstellungen die sich Menschen als Mitglieder von Gruppen voneinander machen,
  • als auch wie sie diese zur Abwertung anderer Gruppen verwenden
  • und diese abwertenden Vorstellungen dann bei der Verteilung von Ressourcen oder der Vorstellung welche Behandlung dem anderen zusteht benutzen,
  • wenn sie in der Position sind dies tun zu können,

grundlegend wichtig. Der Begriff dafür ist Diskriminierung. Beziehen sich die Vorstellungen auf fremd erscheinendes Aussehen, ethnische oder kulturelle Herkunft, Hautfarbe oder als fremd empfundene religiöse oder politische Einstellung (über den genauen Umfang besteht keine Einigkeit), dann wird das auch mit dem Begriff Rassismus beschrieben.“

Und etwas in dieser Form formulieren zu können ohne noch irgendwo nachzuschauen, und dabei auch zu wissen wovon ich rede und wie ich es erkenne, ist für mich mit meinem Erfahrungshintergrund sehr, sehr hilfreich. Möglicherweise schieße ich manchmal über das Ziel hinaus, ich bin ja noch recht neu damit, möglicherweise mache ich manche Fehler, aber ich habe jetzt eine recht klare Vorstellung davon was unter Diskriminierung zu verstehen ist. Und vor allem – ich weiß jetzt, dass sie den grundlegenden Werten unserer Gesellschaft gar nicht entspricht! Ganz gleich wie die Praxis aussehen mag. Dabei lasse ich mir jetzt nichts mehr einreden!

In meinen Augen haben verschiedene Diskriminierungsformen auch sehr viel mit Gewohnheiten zu tun. Es ist einfach so, war schon immer so, macht doch jeder so – ich akzeptiere diese Begründungen nicht mehr. Sichtweisen lassen sich ändern. Gewohnheiten lassen sich ändern. Es mag nicht einfach sein, aber es geht! Einer der ersten Schritte dabei ist eine andere Betrachtungsweise zu verwenden und alltägliche Vorkommnisse unter neuen Prämissen zu interpretieren.

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