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Defizitorientierung

Es geht durchaus Theorien und Begriffe nur in sich zu verstehen und das zu genießen; sie mit Vorkommnissen im alltäglichen Leben verbinden zu können, erweitert jedoch die Freude am Verstehen beträchtlich. 🙂

Ich unterhalte mich mit einem Mädchen, das die vierte Klasse abgeschlossen hat und jetzt eine weiterführende Schule besuchen wird, und wir kommen im Gespräch auf eine Mitschülerin zu sprechen, die wir beide kennen. Ich erzähle, dass dieses Kind in den letzten Monaten eine sehr große Begeisterung an Bücher entwickelt hat, so dass sich ihre Mutter schon Sorgen darüber gemacht hat, dass sie sich zu wenig bewegt.

Sehr überrascht war ich über die Antwort meiner kleinen Gesprächspartnerin, als sie bei der Beschreibung der Begeisterung des anderen Kindes sofort entgegnete, die sei aber beim Vorlesewettbewerb schlecht gewesen. Ich war verblüfft, und spontan erklärte ich, dass in meinen Augen Vorlesen ja durchaus etwas anderes ist als Lesen.

Der Vorfall gehört zu den Dingen mit denen sich mein Verstand aus einer Irritation heraus im Hintergrund weiter beschäftigte. Dabei fand er heraus, dass es die Defizitorientierung des Kindes war, die ich auf Werte zurückführe, die aus dem schulischen Unterricht oder aus der Familie oder aus beidem stammen.

Ich bin Kinderbetreuerin und ich bin das sehr gerne. Für meine Arbeit muss ich u.a. darauf achten was die Kinder unter meiner Obhut mögen und gerne tun, damit ich sie dabei unterstützen kann. Gelingt es mir alle Kinder zufrieden zu stellen und sie dabei so zu unterstützen dass sie für sich selbst sinnvoll beschäftigt sind, so kann ich mich auf die Verbesserung des sozialen Miteinanders und die Verbesserung der Bedingungen der Aktivitäten konzentrieren oder auch neue Ideen anregen.

Bei einem Kind das gerne und viel liest gleich zu betonen dass es beim Vorlesewettbewerb schlecht abschneidet, ist für mich daher reichlich verrückt. Ich empfinde es als einen Akt der Herabsetzung. Das Tolle, Begeisternde, Besondere wird durch die Nichterfüllung der Normvorstellungen eines Wettbewerbs, bei dem es außerdem immer nur einige wenige Gewinner gibt, dadurch reduziert, dass ein Defizit aus einem scheinbar zugehörigen  Bereich betont wird. Es wäre ja durchaus möglich sich mit dem Kind zu freuen, zu fragen was es bevorzugt, ob es noch mehr damit macht, ob es vielleicht sogar aus eigenem Antrieb Geschichten schreibt oder auf die eigenen Interessen und Erfahrungen in dem Bereich zu verweisen, vielleicht sogar von sich selbst zu erzählen.

Dieses Mädchen vor mir hat am Ende der vierten Klasse gelernt, einen offiziell gemessenen Defizit zur Schmälerung der Bedeutung des Handelns einer anderen, vergleichbaren Person zu verwenden. Das ist für mich gruselig! Ich kenne die genauen Hintergründe und Zusammenhänge zwar nicht, bin aber überzeugt dass es sich hier auch um ein Produkt der über die Schule vermittelten Norm- und Leistungsvorstellungen handelt.

Als ich weiter darüber nachdenke erscheint es mir dann immer mehr so, dass meine Gesprächspartnerin nur die Position des anderen Kindes  in der schulischen Hierarchie für mich genauer bestimmen wollte, bei der dem Kind die Begeisterung für das Lesen wohl keine Hilfe war.

Damit bin ich dann beim Zusammenhang von Defizitorientierung und der Hierarchie gesellschaftlicher Positionen angelangt. Begeisterung für Lesen kann schlechtes Abschneiden im Vorlesewettbewerb hier anscheinend nicht ausgleichen. Überhaupt scheint es so, dass man für eine höhere Position bestimmte Kriterien erfüllen muss, die durch Defizite geschmälert werden. Was sind aber eigentlich diese Defizite?

Für die Bestimmung von Defiziten muss es Vorstellungen geben, wie das Nichtdefizitäre aussieht. Die Vase an der ein Stück für die vollständige Form fehlt beispielsweise. Da fällt mir allerdings Kunst ein und Kreativität. Spiel herum, schaff etwas das hinten und vorne nicht mit vorhandenen Vorstellungen übereinstimmt und finde gerade dadurch etwas interessantes Neues.

Ich glaube, genau darin liegt für mich das Problem. Erfülle vorgegebene Kriterien, strebe dort die Perfektion an und du wirst nur das bereits Bekannte reproduzieren. Spiel herum, probiere aus, sieh das Potential in den Dingen, die neuen Kombinationen, die Ideen der vielen, die sich miteinander verbinden, und vielleicht wird daraus das Besondere erwachsen, das Neue, das Verändernde.

Defizitorientierung ist aus vielen Gründen problematisch. Ich glaube für mich ist sie vor allem eine Spaßbremse, eine Blockade von Ideen, von Austausch, von Miteinander, von Kreativität und von Erweiterung des Geistes. Aber innerhalb eines Systems das danach Positionen vergibt, die für die Lebenschancen und das Selbstwertgefühl wichtig werden, kann auf diesem Weg das Bestehende verfestigt werden. Und plötzlich ist das Gewinnen durch Erfüllen der Vorgaben wichtig und die Begeisterung für die Dinge hilft nicht weiter…

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