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Schule, Individuum und Gesellschaft

Heute bin ich durch einen Kommentar, den ich zu einem älteren Artikel über Hüther geschrieben habe, darauf gestoßen, dass ich eigentlich immer die Vorstellung hatte, dass Schule für die Bildung des Einzelnen gedacht ist. Ich hatte auch immer die Vorstellung, dass es die Aufgabe von Schule ist, den oder die Einzelne so gut wie möglich zu fördern. Nun schreibe ich aber einen Kommentar, der ganz anders klingt: 

 „… Die Institution Schule hat einerseits für die Gesellschaft verschiedene Funktionen zu erfüllen, andererseits ist sie ein autopoiedisches System. Das schulische System übernimmt die Aufgabe in Reaktion auf dominierende gesellschaftliche Vorstellungen Gesellschaft im Zusammenspiel mit eigenen Vorstellungen zu reproduzieren. Das bedeutet, im schulischen System werden Vorstellungen dominierender gesellschaftlicher Gruppen von Lernen, Leistung, Sinn und Position umgesetzt, die dabei aber durch einen spezifischen pädagogischen Filter gehen. Dieser pädagogische Filter ist justierbar, das ist im System als Anpassungsmöglichkeit enthalten. Genauso enthalten sind Fluchtoptionen für Eltern. Aber insgesamt spiegelt das schulische System die Ausrichtung der Gesellschaft wieder.

Sogar in diesem Artikel muss mit dem Hinweis auf den Schaden an den Besten argumentiert werden. Es kann nicht mit dem Schaden argumentiert werden, den die Verlierer des Systems durch dessen Selektionsfunktion nehmen. Ein Argument lautet: Schaut, das System nutzt der aktuellen Gesellschaft nicht mehr, denn es verschleudert das dringend benötigte Potential der Besten. Wenn ich in dieser Weise mit dem Artikel weiter machen, dann finde ich eine weitere am Nutzen orientierte Argumentation bei den Kosten der entmutigten Lehrer.

Und plötzlich wird es sehr spannend zu sehen wie Hüther hier eine Kosten-Nutzen Argumentation für pädagogische Änderungen verwendet, aber keine Argumentation, die sich an einer Bedeutung für das Individuum ausrichtet. Er argumentiert mit der Funktion ein gutes Leistungspotential für die zukünftige Gesellschaft zu schaffen und mit den Kosten, die das bestehende System verursacht. Und das gibt einen guten Hinweis darauf wie er die Funktion von Schule für die Gesellschaft und Veränderungsmöglichkeiten einschätzt.

Nicht der Nutzen für das Individuum ist da wichtig, sondern der Nutzen für die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft. Potentialentfaltung steht dabei nicht als eigenständiger Wert, um dem Einzelnen ein besseres Leben zu ermöglichen, sondern wird als Nutzen für die Gesellschaft eingesetzt.Jupp, und damit ist mir das erste Mal aufgefallen, dass es sich so präsentiert nur um den Vorschlag für ein Update des Bestehenden handelt. Keine tatsächliche Neuorientierung…“ 24.8.2014 auf Facebook

Jetzt bin ich über mich selbst reichlich verwundert, und außerdem bestärkt sich mein Eindruck, dass ich in der Vergangenheit meistens viel zu oberflächlich gelesen habe. Ich hatte den Artikel schon vor längerem überflogen, damals habe ich ihn aber nur in Hinblick auf den Nutzen für das Individuum wahrgenommen. Mit einem momentan anderen Auseinandersetzungshintergrund tritt das Individuum aber zurück und die Funktion von Schule für die Gesellschaft hervor. Und ich stelle mir das erste Mal die Frage, wie eigentlich das Verhältnis zwischen Schule, Individuum und Gesellschaft aussieht. Ist Schule überhaupt für das Individuum da? Oder das Individuum als Material, als human resource, also als Humankapital für die Gesellschaft, das gesellschaftlichen Ansprüchen entsprechend geformt, bewertet und verwendet wird?

Erstaunlich ist bei diesen Überlegungen auch, dass es möglich ist solche Inhalte zu studieren, ohne die damit verbundenen Dimensionen überhaupt zu erfassen. Gehe ich davon aus, dass es eine gesellschaftliche Aufgabe ist das Individuum so gut wie möglich bei seinem Bildungsprozess zu unterstützen, so ergeben sich daraus andere Anforderungen als wenn ich es als Aufgabe von Schule betrachte den Nachwuchs gesellschaftlich passend zu formen und dabei die jeweilige Eignung für Positionen in der Gesellschaft zu bestimmen. Lass ich den individuellen Nutzen fallen und konzentriere mich auf den zweiten Punkt, so verschwinden Problematiken, die ich mit dem schulischen System habe. Plötzlich ergibt das Ganze einen Sinn und scheinbare Widersprüche lösen sich auf. Institutionelle Diskriminierung wird zu einer wichtigen Funktion, für die das System die passenden Legitimationen zu finden hat. Möglichst so überzeugend und dabei auf der Akzeptanz von entsprechenden gesellschaftlichen Ungleichheiten basierend, dass alle Beteiligten ihnen mit möglichst geringen Unwohlgefühlen zustimmen können. 

Schule hat die Funktion Gesellschaft zu reproduzieren. Damit hat sie auch die Aufgabe den Umgang mit gesellschaftlicher Ungleichheit entsprechend der gerade existierenden Vorstellungen zu reproduzieren. Zum Verständnis von dem was an Schulen vor sich geht, ist es wenig hilfreich Schule als eine Einrichtung zu verstehen, die jedem Individuum optimale Förderung und Entwicklung ermöglichen soll. Darum geht es letztlich gar nicht. Entsprechende Bemühungen sind vor allem dazu gedacht die Akzeptanz oder das Image des Systems zu verbessern. Vor allem geht es darum Unterschiede festzustellen, um darauf aufbauend begründet und mit Messsystemen untermauert selektieren zu können. 

Für mich bedeuten diese Überlegungen die Abkehr von Illusionen. Das ist hilfreich, da mein Blick dadurch nicht mehr von Ansprüchen überlagert wird, die vom schulischen System und seiner Funktion für die Gesellschaft gar nicht umfasst werden. Schule soll differenzierende Unterschiede herstellen, Schule soll die nach ihren Maßstäben Besten herausfiltern, Schule muss keine Perspektiven für diejenigen bereitstellen, die ihre Anforderungen nur unzureichend oder schlecht erfüllen. Hört sich für mich erst einmal recht finster an, aber genau so kann Schule auch interpretiert werden. 

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