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Nachdenken

Es ist an der Zeit, dass ich einem Aspekt des Lernens mehr Aufmerksamkeit zuwende, der sehr wenig Beachtung zu finden scheint. Es ist das Nachdenken. Interessanterweise gibt es dazu keinen Artikel in der Wikipedia und bei Google tauchen an erster Stelle der Treffer am heutigen Tag die Nachdenkenseiten auf. Allerdings findet sich ein Artikel zu Denken in der Wikipedia, dort aber keine Unterkategorie Nachdenken. 

Wir haben aber im Deutschen ein spezielles Wort für eine spezielle Tätigkeit, mit der ich spezielle Vorstellungen verbinde. Also werde ich erst einmal meine eigenen Vorstellungen vom Nachdenken formulieren, um der Sache auf den Grund zu gehen, denn ich scheine seit Jahren recht viel nachzudenken und gerade in der letzten Zeit hat sich das verstärkt. 

Zuerst einmal der Begriff Denken. Das bezeichnet etwas das innen geschieht, lokalisiert im Kopf. Die Wikipedia meint am heutigen Tag dazu: „alle Vorgänge…, die aus einer inneren Beschäftigung mit Vorstellungen, Erinnerungen und Begriffen eine Erkenntnis zu formen versuchen.“ Darauf kann ich hervorragend aufbauen. Die Vorsilbe (oder auch Präfix) „nach“ verweist darauf, dass Denken geschieht, nachdem etwas geschehen ist. Ich habe Wissen aufgenommen, ich habe Erfahrungen gemacht, ich habe Dinge gesehen und anschließend ziehe ich mich in mich selbst zurück und…ja, was tue ich denn da? Und warum tue ich es?

Ich verarbeite. Am besten geht das an einem ruhigen Ort und hervorragend im Liegen. Der Körper wird in eine Situation gebracht in dem es ihm gut geht und er wenig ablenkt. Laufen geht natürlich auch oder in der Badewanne liegen. Am Rechner sitzen allerdings weniger. Da passiert anderes. Die Aufmerksamkeit wendet sich nach innen, vielleicht schließen sich die Augen. Jetzt soll nichts Neues mehr aufgenommen werden, dadurch steigen aus dem aufgenommenen Bestand Fetzen auf. Der Grundtenor ist dabei Entspannung. In Entspannung und Abkehr von neuem Input wirbelt das umher was den Geist noch weiter beschäftigt. Nachdenken ist in diesem Fall erst einmal Warten auf das was von selbst hervortritt. 

Nachdenken sucht sich das was interessiert und anzieht. Das was Fragen und Probleme aufwirft oder fasziniert. Dann beginnt es zu verbinden. Es versucht zu erklären, es versucht eine Erzählung herzustellen, es versucht Verknüpfungen zu schaffen, es versucht Ordnung herzustellen. Es versucht aber auch zu verstärken. Etwas Bedeutungsvolles wird in der Vorstellung wiederholt und festigt sich dadurch. Nachdenken kann lange dauern oder kurz sein. Das scheint von der zu verarbeitenden Mengen an Informationen abzuhängen. Es kann zu rein gedanklichen Schlussfolgerungen führen, aber auch zu Handlungen animieren. Nachdenken ist ein Verarbeitungsprozess und ein Vorbereitungsprozess. Nachdenken ist eine Schnittstelle zwischen Gewesenem und Zukünftigen. Nachdenken ist ein Innehalten. Nachdenken ist eine Positionsbestimmung, eine Einstellungsabfrage, eine Konzepterstellung. Kurz: Nachdenken ist ein mächtiges Tool. 

Natürlich denke ich auch bewusst gelenkt und gezielt nach. Wenn ich eine Antwort zu geben habe beispielsweise, oder eine Beurteilung abgeben muss. Wenn ich jetzt diesen Blog schreibe, während ich mich durch eine Hausarbeit hindurch bewege. Aber die ganz große wichtige Sache für das Lernen ist in meinen Augen das freie Nachdenken, das Zulassen von dem was dem Geist wichtig erscheint, wenn keine Anforderungen mehr von außen an ihn gerichtet werden. Leider sind meine Studien zu dem was andere über Lernen geschrieben haben immer noch nicht sehr weit gediehen und mir steht auch aus anderen Beständen keine Systematik zur Verfügung. Ich habe nur meine eigenen Vorstellungsbilder zur Verwendung. 

Am inneren Rückzugsort wird neu zusammengestellt, wird ergänzt und erweitert, wird mit kognitiven Mitteln Weltinterpretation konstruiert. Und es werden Erkenntnisse gewonnen. Manchmal sehr überraschende Erkenntnisse. Diese Erkenntnisse sind neues Wissen, das aus dem Verarbeitungsprozess heraus entsteht. Und neues Wissen zu gewinnen entspricht Lernen, und wenn das in einem inneren Rahmen der persönlichen Bedeutung geschieht, so kann davon ausgegangen werden, dass damit Anschlussfähigkeit und Nachhaltigkeit gefördert werden. Daher halte ich Nachdenken für Lernen und gerade für nachhaltiges Lernen für wichtig. 

Momentan befinde ich mich durch meine äußere Situation in einer Zeitspanne, die Nachdenken fördert. Ich könnte den größten Teil des Tages damit verbringen. Bequem liegend, herum sitzend, herum gehend meine Achtsamkeit nach innen gerichtet darauf achten was aufsteigt und wie es versucht einen Platz in einer entstehenden Ordnung zu finden in der ich Lücken, Mängel und Fehler erkennen kann, aber auch Wissensknoten und -netzwerke. Dabei nehme ich auch das Wissensgeflecht meines Studiums wahr, das in meinem Fall auch zu den zu integrierenden und zu ergänzenden Wissensbeständen gehört. 

Damit bin ich am Ende meines Lobliedes auf das Nachdenken. Leider gehört auch Nachdenken momentan zu den weniger beachteten Dingen. Ich weiß nicht ob das daran liegt, dass es zu sehr als Selbstverständlichkeit gehandelt wird oder weil es von jedem selbst gesteuert wird oder weil es ein Akt ist, der keine nach außen gerichtete Aktivität beinhaltet. Ich würde, veranlasst durch den Leistungsgedanken der momentanen Zeit, am ehesten Letzteres vermuten. Eigentlich hat es aber verdient als wichtiger Bestandteil des Lernens immer wieder Erwähnung zu finden. Möglicherweise geschieht das allerdings auch nicht, weil es sich so schlecht als Aufgabenstellung eignet. Wie Lernen kann Nachdenken nur angeregt werden. Verordnen dass und wie es geschieht, kann man nicht. Besonders nicht in der Form des freien Nachdenkens, bei der das Individuum dem folgt wohin es aus seinen eigensten individuellen Verarbeitungsprozessen heraus geleitet wird.  

Als Fazit bleibt, dass es interessant erscheint, auch das Nachdenken und wie es geschieht genauer zu betrachten. Was genau tue ich da eigentlich wann und wie? 

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