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Auf der Suche nach dem Lernen

Für meine Hausarbeit im Modul 3A der Fernuni benötigte ich einen Artikel in einem Reader, der für mich am kostengünstigsten als gebrauchtes Buch aufzutreiben war. Zuerst war ich von dieser Lösung etwas frustriert – ein ganzes Buch für nur einen Artikel, das auf den ersten Blick nicht sehr interessant wirkte. Titel: Dem Lernen auf der Spur – Die pädagogische Perspektive. Das Lesen des gewünschten Artikels hatte mich nicht wirklich weitergebracht und beim ersten Querlesen der anderen Artikel erschien es mir nur wie eine Sammlung von Meinungen, weitgehend in einer Sprache, die ich als verkomplizierend empfand. Es wurde erst einmal beiseite gelegt, bis das Thema Lernen für mich an Bedeutung gewann. Allerdings benötigte ich auch noch das Gefühl genug freie Zeit zu haben, um mich mit etwas beschäftigen zu können, von dem ich nicht sehr viel erwartete. Das Buch begleitete mich bei Besuchen, die ich bei Freunden machte, zusammen mit einem Druckbleistift mit Radierer und einem karierten Collegeblock für Notizen. So habe ich jeden Tag ein bis zwei Artikel daraus gelesen; anfänglich noch mit Notizen, später nur noch mit Unterstreichungen.

Diese pädagogischen Perspektiven empfinde ich nicht als wissenschaftlich. Es bleiben Meinungen, auch wenn sie zitieren und Belege korrekt anführen. Sie können allerdings für mich zu Denkanregungen werden. Ich höre vielen Meinungen zu, mache mir davon ein Bild und versuche dabei mein eigenes Bild zu entwickeln. Es ist kein Lehrmaterial das mir sagt, so isses, das ist belegt, so muss man es machen. Es ist eine Einladung zum Denken. Und eine Einladung einen eigenen Weg zu finden. Schau her, der Blick auf Lernen ist vielfältig. Lernen hat viele Facetten. Die Antwort auf deine Fragen ist nicht einfach. Du kannst nicht den Wikipediaeintrag zu Lernen bearbeiten und dann weißt du was Lernen ist. Nein. Lernen ist ein weites Feld, sagt das Buch. Und es läd mich ein dieses Feld weiter zu erkunden.

Heute Nacht bin ich dabei auf einen Beitrag gestoßen, der mir bei meinen Fragen zu Vorstellungen vom Lernen weiter hilft. Es ist der Artikel „Lernen als Vollzug und als Erledigung“ von Horst Rumpf. Er unterteilt Lernen in zwei Typen.

1. Lernen als Erledigung Damit bezeichnet er eine Art des Lernens, bei der der „Reibungswiderstand durch die Herausforderung des Neuen und Unbekannten“ (Rumpf, S.23) minimiert wird. Der Lernende möchte „möglichst ungestört und ohne Zeitverzug voran[…]kommen in der Durchsetzung seiner Pläne und Interessen oder auch in der Befolgung von Vorschriften“ (Rumpf, S.23). Nachdenken (siehe meinen Blogeintrag) stellt keinen Reiz dar. Die Welt der Tatsachen wird als pure Information hingenommen (Rumpf, S.27)

2. Lernen als Vollzug Dieses lässt sich auf Unbekanntes, Unstimmiges, Bedrohliches ein, probiert auf eigene Faust, vertraut nicht den Wegverkürzungsangeboten der Autorität. Es nimmt Umwege und Abstürze in Kauf. Es ist bereit der Neuling und Fremdling zu sein, der sucht und sich noch nicht wissend voran tastet (Rumpf, S.23). Durch Staunen und genaueres Betrachten verlieren Gegebenheiten ihre Selbstverständlichkeit, Krisenerfahrungen stacheln die Nachdenklichkeit an (Rumpf, S.27). „Schritte in die Offenheit der Konfrontation mit Erfahrungen abseits der präparierten Lernschnellwege“ werden möglich (Rumpf, S.29).

Beide kommen ans Ziel, vielleicht ist diese Ziel auch vollkommen identisch, den Unterschied macht der Weg, den sie erfahren haben. Er benutzt den Vergleich des Besteigen eines Berges, bei der der Vollzug dem Bergsteiger entspricht und die Erledigung dem Seilbahnbenutzer. Auch die Rolle des Lehrenden ist für beide Typen von Lernen unterschiedlich. Während er für den ersten Fall vorfabrizierte Wege, optimiert und effektiv ausgestaltet, als von Vorteil ansieht, ist im zweiten Fall für ihn der Lehrende von Vorteil, der „eine wirkliche Beziehung zu der Sache hat, die er lehrt“ (Rumpf, S.31), und „die korrekte Handhabung methodischer Werkzeuge“ (Rumpf, S.31) ist dabei untergeordnet.

Jetzt kommt die Sache mit der Meinung. Einer meiner Lehrer im privaten Raum hält davon gar nichts. Er sagt, Meinung ist unwissenschaftlich und kann emotional und moralisierend sein. Bei der Meinung wird nicht versucht die Dinge objektiv zu betrachten. Da werden nicht Vorteile und Nachteile in einem sachlichen Rahmen aufgezeigt, sondern bei der Meinung ist die unterschwellige Absicht der Manipulation vorhanden. Und das ist eben nicht wissenschaftlich.

In diesem Sinne versuche ich Dank meines klugen Lehrers den Artikel zu betrachten. Ja, mich zieht das Lernen als Vollzug an, daher bin ich bereit mich manipulieren zu lassen und ihm einen höheren Rang zuzuordnen als dem Lernen als Erledigung. Denn das ist die unterschwellige Botschaft des Artikels. Wie das gemacht wird lässt sich sicherlich analysieren, dazu will ich meine Zeit aber nicht verwenden. Wichtig ist es im  Moment, dass ich die Manipulation feststelle und merke, es ist nicht der richtige Weg ist, wenn ich sie zulasse. Jedenfalls nicht, wenn ich den Anspruch habe wissenschaftliches Arbeiten erlernen zu wollen.

Sinnvoller erscheint es mir diese beiden Lerntypen zu verstehen, wenn ich dieses Vorstellungskonstrukt für mich als hilfreich betrachte, und dann herauszufinden welche Konsequenzen sich für das Lernen und Lehren in beiden Fällen ergeben, wann sich welches wofür am besten eignet, woran ich ihr Auftreten erkennen kann. Es ist nicht falsch mit der Seilbahn zum Gipfel zu fahren, allerdings ist es auch sinnvoll einmal einen Berg selber erklommen zu haben. Und eine schnelllebige Zeit benötigt das Lernen als Erledigung, auch wenn es weniger detaillierte und weniger tiefgehende Lernerfahrungen vermitteln mag. Wir benötigen Informiertheit; dabei erscheint es mir allerdings von Vorteil wenn uns gleichzeitig bewusst ist, dass es eben nur Informiertheit ist über die wir verfügen, und wenn wir im Bedarfsfall den Gipfel auch einmal zu Fuß zu erklimmen in der Lage sind. Zum Beispiel, um ganz neue Gebiete, Ideen und Erfahrungen zu entdecken.

Zum Schluss erhebt sich aus der Klärung des Artikels von Rumpf eine neue Frage. Erst durch das Aufschreiben hier im Blog bin ich zu meinen Erkenntnissen gekommen. Vorher habe ich mich manipulieren lassen, und auch das Nachdenken allein hat mich nicht auf diese Spur gebracht. Es hat nur geholfen Verbindungen zu Vorhergehendem herzustellen, Anschlussfähigkeit zu bewirken. Was hat es eigentlich mit diesem Blogschreiben auf sich? Was hat das Schreiben für das Lernen für eine Bedeutung? Und warum sind Hausarbeiten in ihrer Wirkung bei mir so tief gehend? Warum werfen sie so viele Anschlussfragen auf? Und warum bin ich überhaupt bereit mich auf solche Fragestellungen einzulassen? Und ganz zum Schluss: habe ich alle diese Probleme nur, weil ich eine Fernstudierende bin, die mühsam ihr eigenes Lernen organisieren muss?

 

Referenz:

Rumpf, H. (2008). Lernen als Vollzug und als Erledigung. In: Mitgutsch, K., Sattler, E., Westphal, K., Breinbauer, I.M. (Hg.). Dem Lernen auf der Spur – Die pädagogische Perspektive. Stuttgart: Klett-Cotta.

Nachträgliche Ergänzung:

Im Zusammenhang mit dieser Unterteilung erklären sich für mich zwei Zugänge zum Lehren. Für Lernen als Erledigung der Entwurf von Unterricht im Sinne des Instruktionsdesign, das für mich bei meiner ersten Begegnung die Frage aufgeworfen hatte, wie ich denn Unterricht für etwas gestalten soll, das ich gar nicht selbst beherrsche. Für Lernen als Vollzug sehe ich Lehrende vor mir, die keine pädagogische Ausbildung, aber Begeisterung für ein Fach haben und auf dieser Basis unterrichten. Auf der Basis der von Rumpf aufgestellten Unterteilung werden beide Herangehensweisen ans Lehren für mich in ihrer Spezifik verständlicher.

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