Bildungsmäuschen

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Umbauprozesse

Manchmal dauert es ein wenig um zu verstehen in welcher Phase meines Lernprozesses ich mich befindet. Gestern bekam ich zu hören, ich sähe nach den Ferien sehr erholt aus. Und wenn ich meine körperliche Fitness beobachte, so scheint sie sich auch verbessert zu haben, aber eigentlich fühle ich mich miserabel. Oder etwa nicht?

Momentan zieht es mich vor allem zum Nachdenken. Drei Jahre habe ich meinen Kopf unentwegt befüllt und seit einer Weile weigert er sich so weiter zu machen. Er hat damit begonnen die Welt auf der Basis des bisher Gelernten neu zu interpretieren. Wie er das macht, kann ich momentan gar nicht erfassen, nur dass ich mich dabei häufig ziemlich miserabel fühle. Es geht recht tief, es geht um grundlegende Fragen darüber was ein menschliches Leben ist, wie ein Mensch zu einem gesellschaftlichen Wesen wird, wie Welt interpretiert wird, was für eine gesellschaftliche Werteorientierung vorhanden ist. Letztlich gelingt es mir aber nicht diese Vorgänge aus dem Bereich der Gedanken in den Bereich des Aufschreibbaren zu befördern, daher versuche ich nur das dahinterstehende Prinzip zu erfassen.

Bildungsprozesse können einen Perspektivenwechsel verursachen. Und genau so etwas wird bei mir momentan bearbeitet. Das zieht sehr viel Energie und Zeit ab. Oberflächlich betrachtet bin ich gering motiviert, schlafe viel, verliere das Interesse an Dingen, die noch vor einer Weile bedeutungsvoll waren, tue nur das Notwendigste, und hänge erschreckenden, deprimierenden Gedanken nach. Nach geltenden Maßstäben geht es mir schlecht, daher meine Verwunderung dass andere meinen, ich sähe erholt aus. Aber schaue ich genau hin, dann blitzen zwischen all den finsteren, perspektivlosen Überlegungen von denen mein Denken durchsetzt ist neue Gedankengänge auf. Das was ich als negativ empfinde, scheint etwas Positives hervorbringen zu wollen. Vielleicht ist es das was die anderen wahrnehmen.

Ein wenig werde ich jetzt erneut an Platons Höhlengleichnis erinnert. Vor dem Studium habe ich den Bildungsbereich und Lernen und Lehren in einer unreflektierten Weise betrachtet. Ich war in normaler Selbstverständlichkeit gefangen und nicht motiviert grundsätzliche Fragen zu stellen. Bei mir hat das Studium bewirkt, dass mein Blick gewendet wurde. Bei dem was jetzt passiert, kann ich momentan nicht beschreiben wie es genau geschieht, denn das macht mein Kopf ganz eigenständig. Ich muss ihm nur Raum geben. All die Informationen in meinem Kopf, all die Erfahrungen und Überlegungen der letzten Jahre werden auf meine Vor-Vorstellungen angewendet, auf das was in der Vergangenheit meine Annahmen zum Bildungsbereich waren. Ich werde desillusioniert und das deprimiert. Nichts funktioniert mehr wie zuvor und Neues ist noch kaum in Sicht. Zweifel entstehen. War das alles vertane Zeit? Habe ich mich mit etwas ohne Wert beschäftigt?

Zu verstehen dass Bildungsprozesse auch Transformationsprozesse sind und dass Transformation nicht bedeutet, dass etwas angenehm ist, sondern dass sich etwas verändert, hilft mir in meinem momentanen Zustand nicht gänzlich zu verzweifeln. Und dass manchmal ganz neue Vorstellungsbilder und Lösungsansätze aufblitzen. Vielleicht sind es diese Perlen, die mich auf die richtige Spur gebracht haben. Mein Kopf bewegt sich durch all diese Schatten auf der Suche nach einem anderen Verständnis, das auch andere Lösungen zur Verfügung stellen kann. Divergentes Denken, Orientierung an Glück, systematische Analyse, Abgrenzung, Achtsamkeit, Verzögerung im Reagieren, das dann zu einem Agieren wird, stellt er mir als Vorstellungen zur Verfügung. Außerdem eine Neuinterpretation meines Bildungsweges, eine mich schwindelnd machende Vorstellung der Bedeutung von Bildung für die Gesellschaft und Momente, in denen ich zu plötzlichen Erkenntnissen gelange.

Parallel dazu wird die gesellschaftliche Entwicklung des Bildungsbereichs für mich immer fragwürdiger, auch wenn ich da noch keinerlei Überblick zu gewinnen in der Lage bin. Meine verknüpften Vorstellungen sind eine Bildung, der Freude und Entspanntheit fehlen, die zunehmend zur Ware wird, die messbar, evaluierbar, steuerbar daher kommt, abhängig wird von der Verfügbarkeit über finanzielle Ressourcen und daher ungleich zur Verfügung stehend. Tendenzen, die für mich Schutzmaßnahmen erforderlich machen. Schutzmaßnahmen, um Bildung für mich selbst erhalten zu können. Denn es scheint, uns soll alles genommen werden. Bildung, Spiel, Freude werden marktgerecht angepasst.

Das Studium hat meine Naivität zerstört, mir erfreuliche und beängstigende Antworten gegeben und stellt jetzt die Frage, was ich als Handelnde daraus machen soll. Wenn alte Lösungen nicht mehr praktikabel sind, liegt die Suche nahe.

Ja, es geht mir zur Zeit elend. Altes funktioniert nicht mehr, Neues ist noch kaum vorhanden. Einfach drauflos handeln geht auch nicht mehr. Am besten funktioniert die Uminterpretation von Dingen, die schon in der Vergangenheit zu erfreulichen Ergebnissen geführt haben. Und manchmal fühle ich mich auch einfach überfordert. Da ich das Ganze aber nicht mehr als unerklärliche, möglichst schnell zu beseitigende Erscheinungen begreife, sondern als Teil eines Lernprozesses, und da ich aus meiner Erfahrung gelernt habe, dass alle Prozesse ein Ende finden werden und dass Dinge, die während des Prozesses unangenehm sind, sich später als das Wichtigste und Hilfreichste erweisen können, versuche ich Ruhe zu bewahren, zu beobachten was vor sich geht, mich selbst mit Nachsicht zu behandeln und meine phasenweisen Verzweiflung gelassen zu ertragen.

Und schon beginnt sich ein Lächeln auf meinem Gesicht auszubreiten, während ich mir meiner inneren Verzweiflung durchaus bewusst bleibe. Das so etwas funktioniert, verwundert mich immer wieder.

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