Bildungsmäuschen

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Positionsbestimmung zwischen den Semestern

Mal wieder bin ich reichlich überfordert damit, all die verschiedenen Aspekte meines Lebens zu einer Einheit zu verbinden. Am Morgen nach dem Start des LdLMOOC2 erwarten mich 28 ungelesene Mails, die ich jetzt gar nicht alle überprüfen möchte, denn mein Kopf bewegt noch Erinnerungen an die Zeitspanne, mit der sich „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“ beschäftigt. Plötzlich war es an der Zeit dieses Buch zu lesen und alles andere zurückzustellen, nachdem ich es im erstaunlichen Fundus meiner provinziellen Stadtbücherei über die Online-Suche finden konnte.

Aber das ist nicht das Einzige. Ich muss analysieren, was mich am Satz aus dem Mund einer jungen Lehrerin zu einem Schüler irritiert. „Im zweiten Schuljahr solltest du wissen, dass man Erwachsene, die miteinander reden, nicht unterbrechen soll.“ Nachdem ich herausgefunden habe was es ist, muss entscheiden ob ich sie darauf ansprechen soll, in welche Position sie ein Kind und Kinder generell dabei bringt. Erwachsene haben mehr Rechte als Kinder, ist die in meinen Augen unnötige mitschwingende Information. Ein einfaches: „Du, wir möchten jetzt erst einmal fertig reden, dann kannst du uns fragen.“, halte ich für sinnvoller. Das Problem ist allerdings, dass dahinter ein anderes Menschenbild und eine andere Haltung zu dem steckt, was Menschen lernen sollten.

Währenddessen will auch das Thema Institutionen bearbeitet werden, und auf meinem Prioritätenstapel wartet von Hartmut Esser der fünfte Band der Reihe „Soziologie – Spezielle Grundlagen – Institutionen„, als gebrauchtes Buch erstaunlich schnell geliefert und sofort gierig begonnen, auf eine weitere Bearbeitung.

Gleichzeitig habe ich seit Tagen Besuch. Und der darf auch nicht vernachlässigt werden. Das habe ich inzwischen gelernt. Kontakte zu befreundeten Menschen sind wichtiger als alles andere.

Und auf meinen Tisch warten vorgrundierten Käseschachteln auf eine weitere Bearbeitung, so dass ich sie bei der Arbeit einsetzen kann. Gestern musste ich einige enttäuschte Kinder zurückweisen, da die Menge der bereits aufgemotzten Schachteln die Nachfrage beim Verwenden der Serviettentechnik nicht befriedigen konnte. Trotz Einbeziehen von Marmeladengläsern und vorgrundierten Aufbewahrungskisten.

Nicht genug, starteten gestern zwei weitere MOOCs. Der eine eine Fortsetzung einer Reihe von insgesamt acht Teilen, von denen mir nur noch zwei fehlen. Muss also sein. Und auch an der Einführung in Python des Hasso-Plattner-Instituts muss ich unbedingt teilnehmen. Genau das richtige Thema, genau der richtige Kurs, auf Deutsch und nur vier Wochen.

Außerdem wuselt die Frage danach wie ich mein Studium im nächsten Semester fortsetzen will, soll, muss im Hintergrund. Jeden Tag logge ich mich auf der Seite des Prüfungsamtes ein, um zu überprüfen, ob meine Hausarbeit in dem letzten noch ausstehenden Modul Gnade gefunden hat oder ob ich vielleicht noch einmal ein anderes Thema bearbeiten muss. (Zur Verfügung hätte ich es.) Und dann fehlt noch eine Praktikumsbearbeitung. Genau das ist es wo ich seit mindestens zwei Semestern auf dem Schlauch stehe und zwar aus Gründen, die sich für ein eigenständiges Untersuchungsthema eignen würden.

Daneben wollte ich eigentlich mal meine Wohnung wieder grundreinigen und ausmisten. Etwas, das ich wahrscheinlich weiterhin vor mit herschieben werde. Die Weihnachtssachen vom letzten Jahr wurden auch nie in den Keller geräumt, und ich kann sie dann demnächst direkt wieder von da verwenden, wo sie zu Anfang des Jahres zwischendeponiert wurden. Von den Studiumssachen will ich dabei gar nicht erst anfangen.

Und nun also auch noch der zweite LdLMOOC und die damit verbundene Post und gefühlte Verpflichtung. Und mein immer noch nicht ganz erfülltes Ruhebedürfnis, das ich auch nicht ignorieren kann, und das Zuwendung braucht. Und startet nicht auch bald der exIf14? Wollte ich da nicht auch mal vorbeischauen, so in Erinnerung an letztes Jahr?

Wahrscheinlich ist meine Liste noch nicht komplett. Ganz sicher nicht. Es scheint eine Situation, die nach guter Planung ruft, aber genau dazu habe ich momentan gar keine Lust. Nicht zur Planung, sondern zu einem Abhaken von Notwendigem und Interessen nach Plan. Eigentlich wünsche ich mir etwas „Organischeres“, aber das ist vom Prinzip her gar nicht möglich. Ich möchte allen meinen Interessen zu dem Zeitpunkt an dem sie da sind nachgehen. Irgendwie tue ich das auch, aber jeder Teil bekommt dabei nicht genug. Es ist so als hätte ich zehn verschiedene Kinder und jedes Kind wollte zur gleichen Zeit die volle und ganze Zuwendung. So etwas hat noch nie in einer solchen Weise funktioniert, dass alle zufrieden sind.

Nach diesem kurzen Überblick scheint es mir letztlich sinnvoll so weiter zu machen wie bisher – unvollkommen, leicht chaotisch, unzufriedenstellend, aber Schritt für Schritt den Berg abbauen und hoffend, dass nicht gleichzeitig zu viel neuer aufgeschüttet wird. Es ist ein Leben im Provisorium, ein Provisorium, das schon längst zum Dauerzustand geworden ist. Und irgendwie ist für mich letztlich Leben an sich so. Ein ständiges Provisorium. Voller Unwägbarkeiten, Ideen, Leidenschaften, Ängsten, Wünschen, Bedürfnissen, Arbeit, Spiel, unschaffbaren Herausforderungen.

Ach so. Auch der Japanischunterricht bei Herrn Kido hat wieder angefangen und fordert Zeit und Aufmerksamkeit.

Ein unplanbares, nicht zu ordnendes Provisorium. Ein Zuviel, das aber nicht reduzierbar scheint. Für alles gibt es gute Gründe. Manchmal wird das Gefühl von Stress sehr groß, dann wieder siegt die Befähigung zu Entspannung, Loslassen und Gelassenheit.

Vorletzte Nacht habe ich geträumt, dass sich meine Zähne gelockert hatten und einige auszufallen drohten. Ich hatte ziemliche Panik im Traum, Verzweiflung, Verlustängste. Es ist mir gelungen die Zähne alle wieder fest zu drücken. Das Erschrecken aber blieb tief sitzen, kaum ausgeglichen von der Freude daran handeln zu können und am nächsten Morgen alle Zähne fester vorzufinden als während des Traums.

Vielleicht stelle ich auch deshalb meine Fragen, aber wahrscheinlich sind die Gründe vielfältig. In einem kurzen Blogbeitrag lässt sich nur manches anreißen, anderes bleibt unter der Oberfläche. Diffus spürbar, aber nicht so recht greifbar. Irgendwo ist da ja auch die Frage was das Ganze soll, worauf es hinausläuft, was ich eigentlich mit diesen ganzen Aktivitäten will. Ich könnte mich auch ins Bett legen und gar nichts tun. Könnte ich das? Kann ein Mensch das?

Ich denke an die indischen Heiligen aus den Geschichten eines anderen Leben, die genau das getan haben, auf der Basis einer anderen Weltbetrachtung. Was ist meine augenblickliche Weltbetrachtung und was ist die Weltbetrachtung meiner Gesellschaft? Gibt es da überhaupt eine gemeinsame Weltbetrachtung in unserer Gesellschaft? Gab es die jemals?

Schritt für Schritt. Ohne Überblick. Schritt für Schritt. Bereit auf den Überblick zu verzichten. Oder doch nicht?

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