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Das phasenverschobene Kind

Phasenverschiebung ist ein Begriff, der in der Serie Stargate-Kommando-SG-1 für einen Zustand Verwendung findet, in dem sich Menschen physisch nicht auf der normalen Existenzebene befinden und daher beispielsweise durch Wände gehen können. Sie sind dann phasenverschoben. Eigentlich stammt der Begriff aus dem Bereich Physik und Technik und so richtige Fans der Serie können ziemlich viel dazu spekulieren. Mir fiel er zu einem Kind ein, mit dem ich momentan bei meinen Betreuungsaufgaben zu tun habe.

Ich habe dieses Kind noch nicht Deutsch sprechen hören und es scheint diese Sprache auch nur begrenzt zu verstehen. Das ist nichts Neues, hatte wir schon, aber die Erfahrungen, die ich mit diesem Kind mache, sind anders als zuvor. Ich kann dem Kind nur begrenzt Anweisungen oder Erklärungen oder Kommentare zukommen lassen. In der Vergangenheit habe ich es bei Kindern in einer solchen Situation eher erlebt, dass sie dann erst einmal vorsichtig beobachten wie sich die anderen verhalten und dann mehr oder weniger daran anpassen. So ist das bei diesem Kind aber nicht.

Wir können regenbogenfarbige Gymnastikbänder zum freien Spielen zur Verfügung stellen und während bei uns bisher kein Kind die übliche Funktion dieser Bänder kannte, treffe ich hier auf ein Kind, das sie genau so einsetzen kann wie sie bei rhythmischer Sportgymnastik oder im Zirkus verwendet werden. Auf dem Balancierbalken des Schulhofs absolviert das Kind eine Kür. Für sich allein und sehr zufrieden wirkend. Ich glaube außer mir hat niemand gesehen was sie getan hat. Ich war fasziniert.

Das mit der „Phasenverschiebung“ kam aber erst später. Dieses Mal hatten wir mit Serviettentechnik Käseschachteln beklebt. Normalerweise führe ich vor, erkläre, unterstütze – alles verbal basiert. Tipps, Tricks, Hinweise, Lenkung – alles verbal. Dieses Kind machte auch mit. Erklären funktionierte allerdings nicht – also Vorführen und Eingreifen. Der Tisch saß aber voll. Und dieses Kind war auch kein Stück unsicher und hilfesuchend. Es beklebte seine Schachtel – nach seinen eigenen Vorstellungen wie so etwas wohl geht.

Und jetzt kommt die Sache mit der Phase. Seine Strategien waren ganz anders als bei den anderen Kindern und anders als ich sie gewohnt bin. Irgendwann habe ich aufgehört zu versuchen Tipps oder Unterstützung zu geben, die von den anderen Kindern gewünscht und nachgefragt werden, einschließlich des immer wiederkehrenden „ich kann das nicht, mach du das“ (mache ich meistens nicht). Das Produkt war interessant. Es entsprach nicht der optimalen Verwendung der Technik, ein Teil der Lösung des Kindes hatte einen weniger guten Effekt als der übliche Weg, ein anderer Teil war aber eine interessante, faszinierende Neuerung. Ich hatte den Eindruck es war gerade dadurch möglich, dass ich diese Kind nicht verbal erreichen und dadurch lenken oder verunsichern konnte.

Zum Schluss konnte ich dann doch noch helfen, da das Kind den Deckel sofort auf die Schachtel gesetzt hatte, wodurch sich das aufgeklebte Papier verschiebt. Ich zeigte dem Kind das Problem, es verstand sofort und wusste auch gleich wie es das Ganze geschickt korrigieren konnte.

Noch einmal: warum kam mir der Begriff Phasenverschiebung in den Sinn und was war daran für mich faszinierend und wichtig genug später noch länger darüber nachzudenken?

Es war die Selbstverständlichkeit und der Erfolg des anderen Wegs, der anderen Strategie, und die Bereicherung dadurch. Da war ein anderes Leben innerhalb des Üblichen, Gewohnten. Ein Mensch mit einem offensichtlich anderen Hintergrund, anderem Wissen und anderer Befähigung. Dadurch fiel mir auch auf, wie sehr die anderen Kinder von den gleichen Hintergründen, dem gleichen Erfahrungsraum, den gleichen Erziehungseinrichtungen geprägt sind.

Inzwischen haben sich die Kinder, die in die Grundschulbetreuung kommen, bei uns zu früher gewandelt. Sie waren alle in Kindertagesstätten, die bis in den Nachmittag hinein geöffnet sind. Die Kinder sind lange Tage und ständigen Aufenthalt in Kindergruppen an einem weitgehend festen Ort gewohnt. Sie werden gemeinsam sozialisiert. Wenn sie aus ähnlichen Institutionen kommen, haben sie Umgangsformen und Herangehensweisen, die sehr ähnlich sind. Und diese Art wie die Kinder sind erscheint dann auch als normal. Der Unterschied war aber nicht nur, dass das neue Kind die gemeinsame Sprache nicht spricht. Der Unterschied besteht auch darin, dass dieses Kind eine andere, gelungene Sozialisation erfahren hat, die ihm einen anderen Möglichkeitenraum eröffnet.

Ich muss dabei auch an das Video über Ándre Stern denken. Ich halte sein Beispiel für nur begrenzt geeignet, um Homeschooling oder keine Beschulung zu begründen, da seine Eltern auf Grund ihrer eigenen beruflichen Tätigkeit über Kenntnisse verfügt haben, die sich für diese Form der Kinderbegleitung als Erziehungskonzept geeignet haben. (Vater hat das Malspiel entwickelt, Mutter war ausgebildete Lehrerin). Gemeinsam ist beiden aber, dass sie zeigen, dass andere Konzepte für Erziehung und Bildung zu anderen Menschen mit anderen Befähigungen und Selbstverständlichkeiten führen.

Das Kind in unserer Betreuungsgruppe hat mir das eindringlich vor Augen geführt. Weil es über andere Konzepte verfügt, weil es mit Dingen anders umgehen kann und weil es auf einem anderen Weg genauso erfolgreich wie andere sein kann oder sogar noch erfolgreicher. Wäre der Erfolg und die Schönheit des Weges nicht gewesen und das Kind nur störend anders, niemals wäre mir bewusst geworden, dass die Kinder mit denen ich zu tun habe sich im Rahmen von Normalitätsvorstellungen bewegen, die durch Erziehung erzeugt wurden. Das phasenverschobene Kind, das einfach sein gewohntes Leben vergnügt in unserer Phase weiter geführt hat, hat mich eine Menge gelehrt.

Gut, dass ich es nicht durch meine verbalen Kommentare verunsichern konnte.

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