Bildungsmäuschen

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Über die Unbewältigbarkeit eines Bachelorstudiengangs

Es ist wieder soweit. Während ich weiter ins Gebiet von Lernen und Lehren vordringe, stellt sich erneut Überforderung ein. Der Bachelorstudiengang Bildungswissenschaft ist darauf ausgerichtet zuerst einen breiten Überblick über den Bereich Bildung zu verschaffen, dabei in wissenschaftliche Methoden einzuführen und zum Ende hin zu einer Konzentration auf einen bestimmten Bereich im großen Feld der Bildung zu führen, in dem dann eine Vertiefung erfolgen kann.

Dabei kann das meiste nur angekratzt werden. Darauf basieren letztlich aber auch die zu erbringenden Prüfungsleistungen, zuerst der Nachweis dass man von vielen Dingen etwas gehört hat und es zuordnen kann, dann der Nachweis dass man wissenschaftliche Methoden anwenden kann, weiterhin der Nachweis dass man sich in einem bestimmten Bereich vertieft auskennt und dann dass man Theorie und Praxis verbinden kann. Sinnvoll und nachvollziehbar, will ich aber ein breites Interesse vertiefen, will ich den Gesamtüberblick ausbauen, so sind mir schnell Grenzen gesetzt.

Immer fehlt etwas, immer gibt es unbeleuchtete Bereiche, immer gibt es irgendwo wichtige Punkte an denen es tiefer geht. Außerdem nimmt das gesammelte Wissen der Menschheit von Tag zu Tag zu. Zusätzlich dazu arbeite ich in meinem Fall Jahrzehnte von Erfahrungen auf. Und die bestehen aus den Bewegungen meines eigenen Lebens, verbunden mit den Bewegungen der Gesellschaft. Bin ich mit den Entstehungsdaten von Theorien konfrontiert, so setze ich sie in Verhältnis zu meiner eigenen Geschichte oder der meiner Vorfahren und wo ich oder sie sich in diesem Zeitraum im Feld alltäglicher Handlungen aufgehalten haben.

Momentan nervt mich die Lerntaktung, während ich sie gleichzeitig begrüße. In den MOOCs, aber auch im Studium bin ich einerseits über den äußeren Rahmen zu erbringender Leistungen froh, weil sie mir einen Rahmen liefern der mich voran führt, andererseits hetze ich nach wie vor viel zu schnell durch Themen und lasse überall Fäden zurück um die ich mich kümmern möchte wenn mehr Zeit ist. Etwas das nie eintritt. Denn wenn etwas mehr Zeit da ist, dann nutze ich sie für die notwendige Entspannung.

So bleibt es mir nur mich erneut auf diese Situation einzustellen. Es wird so weiter gehen. Tag für Tag. Bis zum Ende. Bescheinigungen für erbrachte Leistungen sind dabei eine Stütze. Sie markieren Punkte an denen Konzentration nachlassen kann, während der Fluss des Interesses aber weiterspült. Es sind nicht die Bescheinigungen, es ist nicht der Abschluss der nicht zu bewältigen ist, es sind die Inhalte. Ich werde mich immer nur begrenzt auskennen. Ich werde immer nur begrenzt verstehen. Vielleicht werde ich in dem einen oder anderen Bereich einen tieferen Einblick haben, umfassendes Wissen werde ich nicht erwerben können. Ich werde im Gefühl verbleiben müssen die Inhalte des Bachelorstudiengangs nicht tatsächlich bewältigt zu haben.

Es fühlt sich unbefriedigend an, ist aber eine hilfreiche Orientierung um mich in einer wenig zufriedenstellenden Lernsituation weiter zu bewegen. Ich werde immer lose Fäden und Unordnung auf meinem Weg zurücklassen, anders kann ich die Sache gar nicht bewältigen. Ich werde froh über das sein was ich verstehe, in das ich tiefer eindringen kann, das tiefer zu mir vordringt, das mich beeinflusst und wandelt. Ich werde aber immer diesen Haufen der unbearbeiteten Dinge haben, des Missverstehens, des oberflächlichen Wissens und der Wissenslücken. Ich kann mein Bestes tun und werde dennoch darin versagen alles bewältigen zu können was ich gerne verstehen und wissen würde.

Ich kann auf dieser Basis weitermachen.

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7 Kommentare

  1. Marcus Speh sagt:

    Eine gute Beschreibung jedes Studiums, aber auch der existenziellen Geworfenheit, wie der unverwüstliche Heidegger es nannte. Auch schön, wie Du wieder die Performance-Kurve kriegst, nicht unähnlich einem Rennfahrer, kurz die Kontrolle über seinen schlingernden Wagen verloren glaubte, jetzt aber das Steuer umso fester anpackt! Kann ich, obwohl zur Zeit in ganz anderen Sinn Zusammenhängen wütend (siehe Link, gut nachvollziehen!

  2. amirabai sagt:

    Das ist eine der wichtigen Aufgaben die dieser Blog hat. Etwas zu erfassen das beschäftigt und dann eine Lösung zu finden wie zumindest für den Moment damit umgegangen werden kann. Ich rätsele ja immer noch daran herum, warum diese Form des Blogschreiben für mich so bedeutsam ist. Ich denke, das ist eine der Erklärungen dafür. Nach dem Schreiben kann ich in der Regel entlasteter fortfahren.

  3. Marcus Speh sagt:

    Das Blog als Beichtgelegenheit und Ablasszettel. Passt sehr gut zu meinem neuen Buch!

  4. amirabai sagt:

    Inhalt des Buchs?

  5. Marcus Speh sagt:

    Ich beende gerade das Manuskript zu einem Roman in Fragmenten ( flash fiction), der auf dem Leben von Gisela von Bayern passiert, die von 985 bis 1060 AD lebte und die erste Königin Ungarns war. Darum geht es in dem oben verlinkten Blogartikel, der auch das Vorwort zu dem Buch darstellt.

  6. Marcus Speh sagt:

    „Basiert“, nicht passiert. Diktierfehler!

  7. amirabai sagt:

    Daher also Beichte und Ablass!:-)

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