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Vorlesepatin in Kindertagesstätten

Zum momentanen Zeitpunkt befinde ich mich in dem Modul meines Studiums, in dem versucht wird Theorie und Praxis zu verbinden. Das hat die Wirkung auf mich, dass ich auch einen neuen Blick auf meine langjährige Tätigkeit als Vorlesepatin in zwei Kindertagesstätten werfe. Was tue ich da eigentlich und wie bin ich zu dem gekommen was ich da regelmäßig und zuverlässig mache?

Ich bin inzwischen eine routinierte Vorlesepatin und kann mich sehr flexibel auf entstehende Situationen einstellen. Im Lauf der Zeit habe ich für mich ein System entwickelt, bei dem ich immer mindestens drei Bilderbücher besorge, die ich selbst gut finde, etwa acht Kinder mit mir zusammen in einen Kreis setze, und dann beginne die Bilder des Buchs zu zeigen und dabei den Inhalt des Textes nach einem Blick darauf weitgehend frei zu erzählen. Dazu muss ich den Inhalt vorher allerdings bereits kennen.  Die jüngsten Kinder in den altersgemischten Gruppen sind dabei zwei Jahre, was der Grund dafür ist, dass sich diese Methode entwickelt hat.

Ich setze dabei auf den Informationsgehalt der Bilder, beziehe die Kinder durch Fragen mit ein, benutze die vielfältigen Möglichkeiten des Erzählens wie Schreien, Flüstern, Stimme verändern, Verlangsamen, Beschleunigen, Geräusche einzufügen. Die Intention ist dabei die Geschichte für alle Kinder interessant, aber auch verständlich zu machen. Durch Beobachtung der Reaktionen merke ich, ob ich die Kinder fesseln kann oder eben nicht. Manchmal muss ein Buch etwas beschleunigt werden, manchmal kann es noch erweitert werden. Für mich ist das weiterhin Vorlesen, aber es ist ein Vorlesen in der Tradition der alten Geschichtenerzähler, die ihr Publikum miteinbeziehen und die Geschichte an sie anpassen.

Zu Anfang habe ich noch nicht so gearbeitet, ich habe allerdings sehr viel ausprobiert. Und ich hatte in den Anfangsjahren zwei Fortbildungen, einmal bei einer Frau von der Stiftung Lesen und einmal bei einer Schauspielerin. Beide waren sehr nützlich, aber am meisten hat mir die Fortbildung der Stiftung Lesen geholfen. Auch nach vielen Jahren kann ich mich noch gut daran erinnern. Nach einer allgemeineren Einführung bekamen wir viele Beispiele und Tipps präsentiert, die alle auf die Hauptaussage hinausliefen, dass jede/r dabei finden muss, was am besten zu ihr oder ihm passt. Ich würde heute noch dazusetzen, dass es auch zu der jeweiligen Situation passen muss, mit der man konfrontiert ist.

Genau diese Mischung aus Informationen in einem Rahmen, der auch Theorien beinhaltet, praktischen Beispielen und Tipps, bei der Schauspielerin auch praktischen Übungen, aber dem auch Hinweis darauf dass jede Form begrüßenswert ist, die man als sinnvoll selbst entwickeln kann, haben mir damals die Richtung gewiesen in die ich mich bewegt habe und die dazu geführt hat, dass ich nach vielen Jahren immer noch vorlese, und dass ich zu einer Kita im Lauf der Zeit noch eine weitere dazu genommen habe.

Beide Kitas sind dabei sehr verschieden. Während ich in der einen nur für die Kinder einer einzigen Gruppe in der Zeit wo die anderen Gruppenkinder auf dem Flur spielen im Gruppenraum vorlese, kommen in der anderen Kita Kinder aus allen Gruppen zu mir. Jede Gruppe wählt drei bis vier Kinder aus, so dass ich wie in der ersten Kita für zwei Gruppen hintereinander vorlese. In der zweiten Kita ist es dabei normal, dass fortwährend Kinder ihre Gruppen für andere Aktivitäten verlassen.

In der zweiten Kita war es immer schwieriger, da es viel weniger einen festen Rahmen gibt. Einerseits musste ich immer wieder den Raum wechseln, war in Räumen, die eine ganz andere Funktion hatten, was die Kinder sehr ablenkte, andererseits kamen jedes Mal andere Kinder. Inzwischen wurde eine kleine Leseecke in der Kita eingerichtet, in der ich meinen Stuhlkreis aufbauen kann und aus der ich alles entferne was keine Bücher sind. Dieser Rahmen hilft dabei, dass die Kinder allein auf Bücher konzentriert sind.

In beiden Kitas habe ich die Regel, dass die Kinder ein Buch „durchhalten“ müssen. Danach können sie entscheiden für ein weiteres Buch zu bleiben oder sie können wieder zu ihrer Gruppe gehen. Das hat sich über die Jahre als sinnvoll bewährt. Dadurch wird die Gruppe zum Ende hin häufig kleiner und es können dann auch längere Texte direkt vorgelesen werden.

In der zweiten Kita hat es sich inzwischen entwickelt, dass die Kinder häufig nach dem ersten Buch kein weiteres vorgelesen bekommen möchten, sondern sie wollen die Bücher der Bücherecke erkunden. Ganz zu Beginn war ich davon noch irritiert, inzwischen baue ich das ein. Beim letzten Vorlesetermin habe ich dann drei zusätzliche Bücher aus dem Kitabestand kleineren Gruppen vorgelesen, während sich die anderen Kinder einzelne Bücher anschauten. Ein Buch hatte dabei einen viel zu langen Text, war aber in seiner Struktur schnell zu erkennen und verwendbar. Es mussten immer versteckte Buchstaben auf den Seiten gefunden werden. Etwas was den Kindern, die sich dafür interessierten, sehr viel Spaß machte (hier handelte es sich um das Vorschulalter).

Rückblickend merke ich jetzt wie viele Erfahrungen sich im Lauf der Jahre angesammelt haben, wie viel ich ausprobiert habe und wie es sich immer noch weiter verändert. Es würde den Rahmen eines Blogbeitrags sprengen das jetzt noch weiter auszuführen. Auch mein eigener Hintergrund hat sich im Lauf der Zeit verändert. War es in der Vergangenheit mehr die Gestaltung eines kollektiven Events das mich interessierte, so tritt jetzt die Lernbegleiterin mehr zum Vorschein. Dadurch kann ich auch ein Büchererkunden nahtlos in eine Vorlesestunde einbeziehen. Es gibt viele Arten die Freude am Buch zu fördern. Und das Kind, das selbst ein Buch erkundet, das einem anderen Kind ein Buch erläutert, das ein Buch auswählt und vorgelesen bekommen möchte, ist genau das was gefördert werden soll: Bücher als interessante Medien zu entdecken, etwas in dem sich ganze Welten verbergen können, etwas das allein oder im Miteinander mit einem Griff danach zum Leben erweckt werden kann.

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2 Kommentare

  1. birkenkrahe sagt:

    Das klingt sehr spannend, als könntest du ein Buch über das Vorlesen schreiben („Die Vorleserin“)!

  2. amirabai sagt:

    Den Eindruck habe ich beim Schreiben auch gewonnen. Im Lauf von Jahren sammeln sich unbemerkt jede Mengen Erfahrungen an. Ich habe da ja auch etwas gemacht, was sich viele erst gar nicht vorstellen konnten. Vorlesen in der Gruppe für ganz Kleine. Kann aber unter den richtigen Bedingungen funktionieren.

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