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Praxisbezüge, Professionalisierung und Selbstbewusstsein

Ein Effekt der Beschäftigung mit meinem Praxismodul im BiWi-Studium ist es, dass alle meine praktischen Tätigkeiten im Bereich Bildung stärker in den Fokus geraten. Das hat sich auch in einigen Blogbeiträgen der letzten Zeit schon bemerkbar gemacht und heute habe ich zwei neue Unterkategorien eingeführt: Kita und Grundschulbetreuung. Meine Tätigkeiten waren zwar die ganze Zeit als Erfahrungshintergrund vorhanden und lieferten für etliche Auseinandersetzungen mit den Themen von Studium und MOOCs Beispiele und Grundlagen, aber was jetzt geschieht ist neu. Den Pflichtblog des Moduls habe ich genutzt, um Aspekte der Auseinandersetzung mit einer alten Tätigkeit zu dokumentieren. Ich habe dabei versucht das was ich getan habe systematisch zu erfassen und dabei mit Theorien und den Inhalten der Studienbriefen zu verbinden.

Mein Gehirn funktioniert nun allerdings so, dass es genau das Gleiche beginnt auch mit Ähnlichem zu tun. Ist es nun das Kochen in der Kita, das Vorlesen oder der heutige Freiwilligentag der Lebenshilfe, alles wird plötzlich unter Bildungsaspekten untersucht und mit neuen Kontexten verbunden. Dazu gehört auch meine Haupttätigkeit, die Arbeit als Grundschulbetreuerin. Ich wende Lehrinhalte direkt auf die Analyse von Praxis an.  Die Veränderung in meiner Herangehensweise lässt sich dabei durchaus als Professionalisierung bezeichnen. Dieser Begriff wurde im MOOC Teaching for Learning 7 im Kontext von Schullehrern behandelt und gehört seitdem zu meinem Vorstellungsbildern dazu. Durch die Verwendung des Begriffs findet sich sehr schnell ein passender Wikipediaeintrag,  der weiteren Gedankeninput gibt, gleichzeitig aber auch weiteren Klärungsbedarf zeigt. Effizienzsteigerung, Qualitätsverbesserung und Standardisierung werden dort als mögliche Folgen von zuvor nur privat oder ehrenamtlich ausgeübten Tätigkeiten beschrieben.

Plötzlich wird der Inhalt des Moduls sehr spannend, und der Wunsch wächst mehr praktische Erfahrungen zu machen, mit denen dann gearbeitet werden kann. Erfahrungen jeglicher Form, ganz gleich ob gute oder schlechte. Alles kann als Analysematerial Verwendung finden. Dabei wächst gleichzeitig der Wunsch die Inhalte, Texte und Theorien besser zu verstehen, um sie auch anwenden zu können. Blicke ich momentan auf den Bereich Emotionen, Motivation und Einstellungen, so finde ich dort vor allem sehr positive Werte. Und das habe ich kürzlich gelernt. Genau dieser Bereich wird viel länger erinnert und hat langfristigere Auswirkungen als der Erwerb von Faktenwissen oder auch von Konzepten.

Um den gesamten Titel des Beitrags abzudecken, fehlt jetzt nur noch der Blick auf den Bereich Selbstbewusstsein. Ich arbeite als zusätzliche Grundschulbetreuerin, d.h. ich habe keine eigene Gruppe, und seit geraumer Zeit ist mein Arbeitsplatz primär der Schulhof. Ich gewährleiste in meiner Arbeitszeit, dass die Kinder der Betreuung wählen können ob sie sich drin oder draußen aufhalten möchten, und es gibt nur sehr selten Tage an denen der Außenraum nicht nachgefragt ist. Ich benutze dafür seit langem eine große Arbeitstasche mit verschiedenen bewährten Materialien, die ich den Kindern zur Verfügung stelle, um das Spielangebot zu verbessern. Mein Zeitrahmen ist nur klein und über lange Zeit musste ich mit der Bahnhofssituation einer sich im Zeitrahmen einer guten Stunde  fortwährend ändernden Gruppenzusammensetzung von Kindern des gesamten Altersspektrums der Grundschule fertig werden. Es ist schwer eine solche Situation zu bewältigen und es ist unangemessen einer Person, die in diesem Rahmen an einer Schule arbeitet Schuld am auffälligen Verhalten von Kindern anzuhängen.

Ich habe mein Möglichstes getan um die Situation zu bewältigen, denn ändern konnte ich sie nicht. Die Situation war von Seiten der Schule vorgegeben und diese sah lange keinen Änderungsbedarf, bzw. keine Änderungsmöglichkeit. Da ich einerseits trotz allen Widrigkeiten sehr gern mit Kindern arbeite und andererseits auch keine passende Alternative finden konnte, musste ich mich damit arrangieren. Ich war immer wieder damit konfrontiert, dass die Kinder auf den Schulhof kamen, dort erst einmal vollkommen aufdrehten, um dann nach und nach in verschiedenen Formen in einen Spielfluss zu gelangen. Hatte sich die Gruppe während des Tages und im Verlauf des Schuljahres zu einem friedlichen Miteinander bei weitgehend freien Spielmöglichkeiten entwickelt, so war mein Ziel erreicht und ich konnte beginnen die Kinder bei Bedarf mit neuen Spiel- und Beschäftigungsmöglichkeiten zu konfrontieren.

Inzwischen werden die Dritt- und Viertklässler weitgehend außerhalb der Betreuung, die man direkt vom Schulhof aus erreicht, im Schulgebäude von Mitarbeitern der Schule betreut, kommen also in der Nachmittagszeit sehr wenig nach draußen. Außer Freitags. Da waren dieses Schuljahr bisher auch die älteren Kinder mit in der Betreuung.

Auf dem Schulhof ist es inzwischen recht friedlich. Die Erst- und Zweitklässler begeistern sich momentan vor allem für gemeinsames Seilhüpfen, Hangeln, Pferdchenspiele, Seifenblasen, Fernglas, Schaukeln, Klettern und bei den Jungen für Fußball. Gelegentlich wird auch auf dem Schulhof gebastelt und gelesen.

Nur Freitags wird es unangenehm. Viele der Dritt- und Viertklässler verhalten sich genauso destruktiv wie zuvor und sie haben sich bereits so verhalten bevor ich gekommen  bin. Ich habe das auch nicht verursacht, weil ich möglicherweise nicht streng genug bin oder einfach einen anderen Umgang mit Kindern pflege als Lehrer. Etliche Kinder beschwerten sich gestern darüber, dass sie immer drin sein müssen und nur Aufgaben machen und vorgegebenen Aktivitäten nachzugehen haben und nicht die Freiheiten der Betreuung genießen.

Als die Dritt- und Viertklässler nicht mehr raus durften und ihnen lernfördernde Aktivitäten verordnet wurden, habe ich meine Bedenken geäußert. Ich habe darauf hingewiesen, dass sich die Gruppe auch bei einem ständigen Kinderwechsel im Lauf der Zeit auf dem Schulhof „zusammenrauft“. Dass soziales Lernen in einem offenen aber begleiteten Rahmen einen eigenen Wert darstellt. Dass sich große altersgemischte Gruppen an Schulen dafür gut eignen. Es ist ein wenig wie beim freien Spiel in Kitas. Momentan scheint es in der Phase zu sein, dass es seinen Wert gegenüber gestalteten Bildungsangeboten einbüßt.

Mal davon abgesehen dass ich jetzt die Idee in meinem Kopf habe argumentativ auch das freie Spiel dadurch aufzuwerten, dass es in einen passenden theoretischen Zusammenhang gestellt wird, fühle ich mich jetzt vor mir selbst rehabilitiert. Ich habe die Bestätigung nichts falsch gemacht zu haben und mit meiner Einschätzung richtig gelegen zu haben. Unter den durch die Schule verbesserten Bedingungen von weniger Kindern, die sich eher als gemeinsame Gruppe verstehen und auch über einen längeren Zeitraum gemeinsam auf dem Schulhof bleiben, bei einer Altersgruppe, die noch sehr stark an ihren Kitaerfahrungen anschließen kann, spielt sich sehr schnell ein friedlicher Umgang miteinander ein, während die Kinder, die davon ausgeschlossen sind, auf die Schulhofsituation bezogen nicht dazugelernt haben. Die Probleme mit ihnen sind freitags mindestens genauso schlimm wie zuvor.

Ab nächster Woche werden sie auch freitags in der Schule durch eine Lehrerin betreut. Mich freut es für mich, ich denke aber auch an die Kinder. Einem Mädchen, das sich beklagte, habe ich gesagt, vielleicht ändert es sich ja auch für euch. „Nein“, meinte sie, „das bleibt so. Ich wünschte, ich wäre noch in der zweiten Klasse und könnte in eure Betreuung gehen.“

Ich bin keine Lehrerin, nein, aber ich bin eine erfahrene Betreuerin die sich immer Gedanken darüber gemacht hat wie sie den Rahmen, der ihr gegeben ist, besser gestalten kann. Die seit vielen Jahren Kinder beobachtet und versucht Strategien zu finden, die ein friedliches freundliches Miteinander fördern. Ich habe keine schlechte Arbeit geleistet, nur deshalb weil ich nicht über eine formale Ausbildung verfüge. Es ist unzulässig mir die Verantwortung für Probleme zuzuschieben, die ich nicht ursächlich erzeugt habe. Durch meine momentanen Erfahrungen fühle ich mich bestätigt und lerne dabei immer besser mich gegen Zuschreibungen anderer abzugrenzen. Es ist einfach von außen zu schauen und zu sehen, da läuft etwas nicht rund und dann kurzsichtig davon auszugehen, die Personen in dieser Situation erzeugen das, wenn sie dabei letztlich nur Symptome bekämpfen können.  Ich weiß inzwischen, dass Schulleitungen und Lehrer häufig genau in dieser Situation sind und etwas auszutragen haben, das von oben ungünstig und die tatsächliche Situation nicht betrachtend angeordnet wurde. Im Zusammenhang mit Qualitätssicherung und Planung sind solche Faktoren aber zwingend zu berücksichtigen, um nicht zu falschen Schlüssen und falschen Entscheidungen zu kommen.

Ich sollte überlegen in welcher Form ich wen an der Schule zielfördernd auf die Probleme einiger Kinder ansprechen kann. Genau für so etwas wollte ich ja auch mehr Kenntnisse über Theorien und Zusammenhänge erwerben…

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