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Lernen – Pflicht und Spaß

Im Zusammenhang mit der Praktikumsbearbeitung im Modul 3B des Fernstudiums stoße ich auf das ARCS-Modell von Keller. Gleichzeitig beschäftigen mich die Inhalte der ersten zwei Wochen des letzten Teils der Teaching for Learning Reihe und meine generelle Auseinandersetzung mit dem Thema Lernen wuselt sehr deutlich im Hintergrund. Das ARCS-Modell kann man sehr leicht nachlesen, die ersten Wochen des MOOCs drehen sich für mich vor allem um die Bedeutung einer positiven Beziehung zum Lernen. Die gelieferten Belege verweisen erneut darauf, dass Lernen als etwas Erfreuliches und Positives erfahren werden sollte, um nachhaltig sein zu können. Positive Einstellungen und Gefühle zu erzeugen gewinnt dadurch eine größere Bedeutung als Faktenwissen oder auch Konzepte zu vermitteln. Das geschieht hier auf einen schulischen Kontext bezogen.

Durch diese Komponenten inspiriert, stoße ich auf das Verhältnis zwischen der Vorstellung von verpflichtenden schulischen Lehrinhalten und Lehrinhalten, die freiwillig und zusätzlich gelernt werden. Zuerst erscheint es wie das Verhältnis zwischen Pflicht und Kür, doch das ändert sich sehr schnell, denn die Kür besitzt im Gegensatz zu dem worum es mir geht einen hohen Wert.

Durch die Beschäftigung mit meinem Angebot „English for Beginners“ bin ich jetzt mit dieser Thematik konfrontiert, da es als ausreichend betrachtet wurde wenn es Spaß macht und ein bisschen dabei gelernt wird. Ein Ausdruck für nicht allzu hohen Ansprüche. Etwas das Spaß macht ist nicht schwer, etwas das zusätzlich ist muss nicht effektiv sein und etwas das freiwillig mit Aufwandsentschädigung getan wird hat keinen hohen Wert. Es ist Freizeitbeschäftigung – für Teilnehmende wie auch Anbietende.

Dadurch bin ich nun zum ARCS-Modell gekommen. Ich kann nicht im schulischen Sinn verpflichten. Ich muss zur Teilnahme motivieren. Ich muss Interesse wecken, muss Teilnahme und Inhalte bedeutsam machen, darf nicht über- oder unterfordern um die positiven Erfolgserwartungen zu erhalten und ich muss die Teilnehmer zufriedenstellen, damit sie das Gefühl bekommen die Sache war es Wert ihre Zeit dafür zu opfern, da sie ein positives Erlebnis hatten. Währenddessen ist aber alles ganz selbstverständlich und Lernen geschieht quasi nebenher.

Ganz anders Vorstellungen die mit verpflichtendem Lernen einhergehen. Das darf nach wie vor schwer und hart und anstrengend und unerfreulich sein. Dazu habe ich kürzlich einen interessanten Beitrag gelesen. Darin steht tatsächlich: „Das schulische Lernen bewegt sich also in einem Spannungsfeld zwischen Spaß und Pflicht.“[1] Damit ist die Problematik sehr genau erfasst. Pflicht ist kein Spaß. Pflicht steht noch immer in der Tradition protestantischer Ethik [2]. Arbeit und Fleiß sind kaum mit Spaß und Freude verbunden, sie sind die harte auferlegte Buße, und je älter die Kinder werden, um so mehr kann ihnen auf dem Weg ins Leben die freudlose Pflicht der Erwachsenen zugemutet werden. Die Zeit der Schonung und des Spiels sind vorüber. Jetzt kommt der Ernst des Lebens. Wenn es wehtut müssen nicht die Bedingungen geändert werden, sondern du musst deine Leidensfähigkeit erhöhen.

So stehen sich Ansprüche getrennt gegenüber. Das was Spaß macht muss nicht wertvoll sein, das was wertvoll ist muss keinen Spaß machen. Wenn nun aber am besten gelernt wird wenn positive Gefühle vorhanden sind, wenn die Einstellung zum Lernen positiv ist, wenn etwas bedeutungsvoll ist und Spaß macht [3], warum kann man nicht beide Teile zusammenbringen?

In meiner Praktikumsbearbeitung bin ich gezwungen einen Bereich freiwilliger Tätigkeit mit Projektmanagement, Evaluation und Qualitätssicherung in Verbindung zu setzen. Das was für mich zuerst etwas schwierig und befremdlich erschien, führt mich jetzt zu einem anderen Betrachtungswinkel. Und da taucht auch die Frage auf, warum sollen die beiden Bereiche nicht etwas aneinander abgeben? Wenn Projektmanagement, Evaluation und Qualitätssicherung nützlich und hilfreich sind, warum sollten sie dann nicht auch zur Verbesserung und zur Hebung der Reputation des freiwilligen Bereichs genutzt werden können? Und warum sollte im Gegenzug Pflicht nicht mit Vorstellungen von Spaß, Freude und intrinsischer Motivation verbunden werden, wenn diese mindestens genauso nützlich sind wie Projektmanagement, Evaluation und Qualitätssicherung?

Und warum dann nicht das gesamte Vorstellungsbild ändern und Lernen als eine Gesamtheit sehen, ganz gleich wo es geschieht?

Die Wirkung der Beschäftigung mit dieser Thematik ist für mich eine gedankliche Annäherung zuvor getrennter Bereiche. So wie auf der einen Seite eine Verbesserung der Wahrnehmung von Qualität und Planung geschieht, sinkt auf der anderen Seite die Bereitschaft Lernen als harte, freudlose Arbeit als eine höhere, wertvollere Form zu akzeptieren als das Lernen mit Spaß, Freude, Freiwilligkeit und intrinsischer Motivation. Es gilt nicht mehr: das eine ist das richtige Lernen und das andere kann man nicht so ganz ernst nehmen, daher ist es auch nicht wichtig es zu verbessern oder sein Ansehen zu erhöhen.

Als Schlussfolgerung möchte ich meine Vorstellungen vom Lernen ändern. Lernen ist überall wertvoll und die Vorstellungen vom Lernen sollten überall mit Spaß und Freude zu verbinden sein.

Nachtrag: „Insofern liegt ein Ziel schulischen Handelns … darin, Spaß daran zu vermitteln, etwas lernen und leisten zu wollen.“ [4] Seite 9

 

Referenzen:

[1] http://www-de.scoyo.com/eltern/schule/spass-am-lernen-experten-fordern-mehr-freude-am-lernen

[2] Weber, M. (1934). Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Tübingen: J.C.B. Mohr.

[3] https://www-de.scoyo.com/studie_lernenmitspass/experten_michael_fritz.html

[4] Schlag, B. (2012). Lern- und Leistungsmotivation. Wiesbaden: Springer.

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5 Kommentare

  1. birkenkrahe sagt:

    Interessanterweise (Synchronizität!) Habe ich gestern zum ersten Mal von diesem ARCS Modell gehört. Nahm zwei Prüfungen ab, und in der einen spielte das eine Rolle. In der anderen Spitze des Thema Motivation über den Umweg „Gamification“ auch eine Rolle: der Student hatte eine interessante These aufgestellt – nämlich dass es bei einem MOOC gleichgültig sein sollte, auf welchen Wegen die Studierenden zum Ziel gelangen (verkürzt gesagt). Konkret: wenn ich ein Quiz, einen Essay, eine Spielesequenz, ein Forum usw. anbiete, dann können in all diesen Tätigkeiten Punkte gesammelt werden und es kommt am Ende auf die Punkte an, nicht darauf, dass jeder Student bei jeder Tätigkeit beteiligt und erfolgreich war. Er ging sogar soweit, dass auch das „cheating“, also das Betrügen im spielerischen Sinne (sich Vorteile verschaffen) eingebaut werden könnte. Ich fand das sehr inspirierend und habe mich jetzt entschlossen, mehr dieser Spielelemente in meinen MOOC, aber auch in meinen Präsenzunterricht im nächsten Semester einzubauen. Dabei werde ich LdL insofern verwenden, dass ich möchte, dass die Studierenden, die vermutlich viel mehr Spielerfahrung haben, selber Lehrsegmente konzipieren und auch unterrichten/spielen. Mal sehen, wie das fasziniert!

  2. amirabai sagt:

    Ja, Synchronizität ist manchmal schon richtig unheimlich! 🙂

    Das ARCS-Modell scheint ein sehr gutes Modell zu sein, wenn eine Teilnahme nur über die Weckung von Motivation erzeugt werden kann. Also alles was freiwillig ist! Da muss Lernen an sich bedeutungsvoll und motivierend sein. Spielerische Elemente passen da gut, das Modell scheint momentan im Bereich des gamebased-learning und Gamifikation zu interessieren, hat aber noch viel mehr Verwendungsmöglichkeiten. Es eignet sich auch für Präsenzangebote. In dem Zusammenhang will ich es ja jetzt für eine Hausarbeit verwenden.

    Zu Spielelementen fällt mir übrigens eine ehemalige Kommilitonin ein, die zu Hörsaalspielen forscht. Kristina Lucius.

    Das mit den verschiedenen Tätigkeiten bei denen man Punkte sammelt, die aber individuell zusammengestellt werden, hört sich sehr gut an. Ich bin ja schon zufrieden, wenn ich bei einer Lehr/Lernveranstaltung nicht nur für eine Abschlussarbeit Punkte bekommen, sondern im Verlauf des Prozesses Aktivitäten bewertet werden könne, so dass die Prüfung am Ende nur noch ein weiterer Anteil ist. Für mich bedeutet das beispielsweise wesentlich weniger Stress, da ich eher steig und kontinuierlich arbeite. Dann auch noch individuelle Wahlmöglichkeiten nach eigenen Interessenschwerpunkten zu haben ergibt einen sehr großen Raum individuelle Lernschwerpunkte zu setzen und weiterzuverfolgen.

    Wünsche dir gutes Gelingen bei deinem Vorhaben und den Studierenden viel Faszination! Bei Kindern ist so etwas auf jeden Fall wirksam.

  3. birkenkrahe sagt:

    Danke! Was mich bisher immer von dem Punktesammeln abgehalten hat sind Studien, die, nach der Unterscheidung von formativem und summativem Feedback davon abraten, das summative Feedback (d.h. z.B. Punkte, Noten usw.) überhandnehmen zu lassen, oder die Methoden überhaupt zu mischen. Allerdings weiß ich nicht, weil ich diese Studien im Moment nicht finden kann, ob das Einbildung oder Wahrheit ist! Beispielsweise sind Zwischenprüfungen ja in der Schule ziemlich beliebt aber in der Uni insgesamt wohl eher out. Spielelemente, bei denen man Punkte sammeln darf, sind nur eben keine Prüfungen – vielleicht löst das das Problem schon?

  4. birkenkrahe sagt:

    Kristina Lucius kenne ich über Twitter (via Spannagel)…und auf deren Seite zu Hörsaalspielen war ich auch schon mal…muss da vielleicht wieder hin!

  5. amirabai sagt:

    Studierende sind unterschiedlich. Daher gibt es ja Forschung dazu was bei wem wirkungsvoll ist. Und was für mich wirksam und angenehm ist, muss es für jemand anderen noch lange nicht sein. Da hilft nur recherchieren und ausprobieren. 🙂 In verschiedenen Coursera-MOOCs habe ich gute Erfahrungen mit summativem Feedback gemacht. Es kann allerdings auch zu einem Stress werden, wenn dabei Fristen sehr eng sind.

    Im Rahmen von Gamifikation ist Punktesammeln aber üblich. Allerdings muss man nach dem was ich über Gamifikation in Erinnerung habe sehr aufpassen, dass das was man tut wirklich auch motivierend wird. Es gibt GameElemente, die in andere Bereich übernommen nur nerven. Leider habe ich das jetzt nicht mehr so präsent und zum Nachlesen bräuchte ich Zeit, die ich aber jetzt für etwas anderes benötige. 😦 Vielleicht später…

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