Bildungsmäuschen

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Von Juul aus der Spur geworfen

Es kam auf sanften Pfoten daher. Ein Buch mitgenommen aus der Stadtbücherei beim Besorgen der Bilderbücher für das Vorlesen. Passend zum Thema Emotionen. Begonnen leicht müde am Abend auf dem Sofa. Im Kontrast zur wissenschaftlichen Literatur des Tages im entspannten Plauderton der Meinung einsickernd. Auf den ersten Seiten denke ich, das Buch bringt mir nicht wirklich etwas Neues, ich verstehe auch nicht so richtig warum er es geschrieben hat.

Über Aggression wollte ich mehr erfahren, weil ich wissen will wie das so ist mit den Emotionen. Das Buch ist aber etwas anderes als ich suche. Es ist ein Plädoyer für Kinder und Jugendliche. Es ist ein Plädoyer dafür in dem Ausdruck der als aggressiv bezeichnet wird die Stimme zu hören, die sich anders nicht zu Wort zu melden in der Lage ist. Ich erfahre etwas über konstruktive und destruktive Aggression und gewalttätiges Verhalten von Frauen, das aggressiv ist, auch wenn es nicht so wirkt. Und er flicht Beispiele ein, die mich nicht mehr loslassen. Erwachsene und Kinder innerhalb von Institutionen, in denen die Erwachsenen zu Lasten der Kinder ihre Positionen sichern.

Es ist kein Buch das ich als analytisch wahrnehme. Es ist ein Buch nach dem ich mich schlecht fühle und verzweifelt. Es ist ein Buch das Emotionen anspricht. Es ist allerdings nicht der einzige Einfluss, den ich in Bezug auf Institutionen momentan zu verarbeiten habe. Zeitgleich beschäftigt sich mein Essay zu Teaching for Learning 8 mit der Beziehung zu Kollegen und Administratoren. Dabei geht es um Führerschaft und Machtgefälle und der Abhängigkeit derjenigen mit geringerer Machtausstattung von der Art wie die Führung aussieht. Und was ein Mensch mit geringer Macht unter schlechten Bedingungen in einer Institution tun kann.

Ich beschäftige mich schon lange mit Führung und wie gute Führung aussieht. Ich hatte auch begonnen mich mit Institutionen zu beschäftigen, das aber aus zeitlichen Gründen erst einmal wieder abgebrochen. Juul erreicht mich auf Grund meiner Vorerfahrungen und eigenen Problematiken. Dabei steht er bedingungslos für die Kinder bzw. die Jugendlichen ein. Sie tragen in seinen Augen keine Verantwortung, diese liegt allein bei den Erwachsenen. Ich kenne es sehr gut wie versucht wird Schwächeren Schuld für Probleme zuzuweisen. Und gelegentlich fällt es mir auf, wenn ich es selber benutze. Ich tue es, weil es dem üblichen Verhalten gegenüber Kindern entspricht, weil ich mich, wenn ich zu meiner eigenen Schuld oder Mitschuld stehe, zum geeigneten Opfer mache. Es ist schwierig und ich suche nach einer Lösung.

An all das gemahnt mich Juul und beunruhigt mich. Zeigt mir auf wie wichtig es ist nicht aufzugeben, sich nicht anzupassen an Gepflogenheiten, wie wichtig es ist Lösungen zu finden. Dass ich es mit einer Problematik zu tun habe, die andere Menschen schädigt. Darum ist es bedeutend. Aber es müssen gute Lösungen sein und Lösungen für diejenigen in machtschwächeren Positionen wie die meine. Es ist mir möglich Aggressivität oder andere Äußerungen der Kinder in der von ihm beschriebenen Form wahrzunehmen und zu verstehen, wenn ich mich allerdings nicht an die üblichen Gepflogenheiten der Reaktion darauf anpasse, kann es für mich sehr unangenehm werden. Es sei denn ich finde einen Weg, der von allen Seiten als positiv wahrgenommen wird.

Genau das beginnt sich seit einer Weile zu entwickeln. Juul schreibt von der Gewalt der Freundlichkeit und Korrektheit (Juul 2013, S.35). Ich weiß genau was er meint. Bin ich damit konfrontiert, so fühle ich mich unwohl und angespannt ohne zu verstehen warum das so ist. Dazu schreibt er, dass sich die wahre Form dieser Aggression durch die Erfahrungen der Schwächeren offenbart (ebd.). Freundlichkeit und Korrektheit in dieser Form können daher nicht die Lösung sein, auch wenn Freundlichkeit und Korrektheit an sich durchaus hilfreich sein können. Die Lösung liegt nach der Lektüre des Buches für mich mehr bei so etwas wie Authentizität, Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, ein gelassenes Herangehen an Situationen und Vertrauen in die Kinder und die Berechtigung ihrer Empfindungen und Reaktionen. Und nicht davon abzulassen das Wohlergehen der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen. Aller Kinder.

Schulen sind für die Gesellschaft da, aber auch für die Individuen. Und zwar für vollständige Individuen.

Juuls kleines schmales Buch hat mich sehr nachdenklich gemacht, Unwohlgefühle erneut hervor gezerrt, mich dazu gebracht alle anderen Themen erst einmal ruhen zu lassen. Und es hat mein Verhalten gegenüber den Kindern beeinflusst. Oder eher meine authentische Art des Umgangs mit den Kindern wieder stärker zum Vorschein gebracht. Mich faszinieren Kinder, das ist der Grund warum ich mit Kindern arbeite. Ich habe auch großes Vertrauen in Kinder. Für mich besteht die Aufgabe von Erwachsenen darin Kinder zu begleiten, ihnen Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen und sich von ihnen überraschen zu lassen. Und gemeinsam Lösungen zu finden.

Bei Teaching for Learning habe ich kürzlich etwas sehr Nützliches gelernt. Wie-Fragen sind besser als Warum-Fragen. Wie können wir zu einer befriedigenden Lösung kommen? Wie kann ich dir helfen? Wie wollen wir jetzt damit umgehen, dass du so sauer bist, oder so traurig? Ich habe die letzten Wochen damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir sprechen anders miteinander. Die Kinder und ich.

Nach der Lektüre war es mir gestern ein wenig unheimlich als ich zur Arbeit kam und die Kinder mich drückten, an der Hand nahmen und mich mit Fragen überschütteten, so dass ich gar nicht so schnell nachgekommen bin auf alle eingehen zu können. Ich werde Fehler machen. Ich werde Menschen verletzen und enttäuschen. Ich werde in alte Reaktionsmuster verfallen. Ich werde aus verletzten Gefühlen heraus in einer Weise reagieren, die für eine Verantwortliche unangemessen ist.

Juuls Buch kann man auf sehr verschiedene Weise lesen. Zu viel mehr Themen als zu Aggression lassen sich darin Funde machen. Ein Mensch mit vielen Erfahrungen und Überlegungen gibt hier seine komplexe Haltung weiter. Herausragend ist dabei seine Parteinahme für die Schwächeren. Die Aufforderung zu einer Perspektivänderung. Und für mich auch seine Aufforderung das Wissen des therapeutischen Bereichs, allerdings nicht deren Methoden, in den Bereich der Pädagogik aufzunehmen. Weil er das Individuum und seine Einbettung in viele Einflussbereiche betrachtet, sieht er den Bedarf dieses Wissen einzubeziehen und zu berücksichtigen, um für jeden Einzelnen ein erfolgreiches Gelingen von Lernen zu ermöglichen.

Es ist seine Kompromisslosigkeit bei der Zuweisung von Verantwortung, die mich berührt hat. Kinder sind nicht verantwortlich, das sind Erwachsene. Kindern Schuld zuzuweisen ist nicht sinnvoll. Ich habe dieses Wissen bereits in mir gehabt, er hat es jetzt verstärkt. Ich kann meine Verantwortung nicht abgeben, indem ich die Schuld dafür, dass ich Probleme habe, auf Kinder schiebe. Ich bin in einer vergleichbaren Position wie die Führungskraft, die sich selbst damit entlastet, dass sie einer Untergebenen  die alleinige Schuld dafür zuweist, dass sie in einer Situation, die sie aber nicht selbst bestimmen konnte, Probleme nicht zur Zufriedenheit der Leitung gelöst hat. Schuldzuweisungen und daraus erfolgende Bestrafungen sind keine gute Lösung. Lösungen sollten miteinander und in Kommunikation gefunden werden.

Heute werde ich weiter üben.

Referenz:

Juul, J.(2013). Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist. Frankfurt am Main: S.Fischer.

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