Bildungsmäuschen

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Keine Zeit für Weihnachtsvorbereitungen

Vieles fühlt sich durcheinander an. Primeln blühen in Gärten und auf Balkons. Ich schlafe wenn ich müde bin und so lange bis ich wieder wach werde. Es kann passieren dass mein Tag um 2.30 Uhr beginnt oder dass ich mich um 16.00 Uhr ins Bett lege. Ich stelle den Fernseher an, weil ich nur noch konsumieren will und lande beim offenen Kanal Kassel. Und plötzlich ist da nichts anderes als im Netz, allerdings mit dem Unterschied, dass ich nicht stoppen und zurückspulen kann, dass ich keinen Link zur Sendung verschicken und nicht parallel darüber lesen kann und keine Beteiligungsmöglichkeit sehe. Und um meinen geliebten Notizblock zu holen und wichtige Stichpunkte mitzuschreiben bin ich bereits zu müde. Das Programm ist aber ähnlich wie die Netzangebote, die ich mir aussuche, was ich in dieser Form vom Fernsehen nicht gewohnt bin.

Zuerst sehe ich ein langes Interview mit einem Ökonomen, in dem ich detailliert erfahre, wie sich ein Problem in Kassel bemerkbar macht, das man als Verödung der Innenstädte bezeichnet, und wie das behoben werden könnte. Danach höre ich dem Vorsitzenden der Bundeszentrale für politische Bildung zu, der sich in sieben Punkten zu offenen Kanälen äußert. Ohne die Mitschreiboption wird das aber schnell unübersichtlich, seine Sprache und Darstellung ist sehr komplex und mir fallen langsam die Augen zu. Ich zappe danach eine Weile weg und kehre zurück als Hüther einen Vortrag in einem mit Pflanzen bestückten Hörsaal hält, der sich natürlich um Bildung dreht. Nach kurzer Zeit sitze ich wieder aufrecht und höre gespannt zu. Ich erfahre, dass er an der Uni in Witzenhausen ist, erwische auch im Abspann die Jahreszahl, 2011, und sehe gerade noch eine Webaddresse vorbeihuschen, die ich mir so schnell aber nicht merken kann. Fernsehen eben.

Die Angaben reichen aber zum Googeln und ich finde den Film, bzw. seinen Trailer, denn es handelt sich um kostenpflichtiges Unterrichtsmaterial. Wäre es jetzt nicht bereits ein bisschen spät, hätte ich da jemanden für den ich die 5€ als Weihnachtsgeschenk investieren würde. Was danach kommt interessiert mich nicht und ich wende mich meinem üblichen Halbschlafkonsumangebot zu. Als ich zum nächsten Morgen hin aufwache, fühle ich mich allerdings irritiert und beunruhigt. Ziemlich beunruhigt.

Meine Gedanken kreisen um Medien und Informationen, um Handlungs- und Anwendungsmöglichkeiten, um Veränderungsprozesse und Gewohnheiten, um Inklusion und Exklusion, um noch Ungreifbares, um Schmerzhaftes, um Vergangenes, um Gegenwärtiges. Ich hatte Pläne. Ich wollte Weihnachten vorbereiten. Doch es gelingt mir nicht mich auf vertraute Pfade zu begeben. Noch ist etwas Zeit, noch ist kein ausreichender Druck, noch ist Verschieben möglich.

Hüther hat von den Älteren gesprochen, die nicht dazulernen, weil sie in abgesicherten Verhältnissen leben und keine Veranlassung mehr haben dazuzulernen. Bei dem Interview mit dem Ökonom stach mir der Punkt ins Auge, dass Innenstädte veröden, weil es dort keinen oder keinen bezahlbaren Wohnraum mehr gibt, und bei dem Vorsitzenden der Zentrale für politische Bildung dachte ich an die viel größeren Handlungsmöglichkeiten in Städten. Ich war auch einmal im offenen Kanal in Kassel, aber nur als Zuschauerin und dass es sich dort um Partizipationsmöglichkeiten handeln könnte, hat mir niemand gesagt und dieser Eindruck entstand auch nicht.

So langsam wird mir meine Beunruhigung klarer. Es scheint um die Handlungsmöglichkeiten zu gehen. Informationen erhalten zu können ist interessant, dabei aber nur Zuschauerin zu bleiben nicht so wirklich. Das war schon in der Vergangenheit so, als es keine andere Möglichkeit gab als zu Vorträgen und Vorlesungen anzureisen. Als die Verfügbarkeit von Informationen eine andere war. Als durch die Präsenz die anderen Menschen und das Nebenbeigeschehen Teil der Veranstaltung waren, die weitere Informationen lieferten. Nur Zuhören war nie genug. Die daraus folgenden Handlungen waren das Wichtige.

Bei Konsumangeboten ist das anders. Sie sind für den Moment und haben keine Folgen. Sie können sofort wieder vergessen werden. Sie beunruhigen nicht. Aber Informationsangebote, die auch noch direkt oder indirekt einen auffordernden Charakter für Veränderungen haben, sind etwas ganz anderes. Bei Konsumangeboten kann ich zur Tagesordnung übergehen, ganz gleich wie erfreulich oder unerfreulich diese ist. Es war nur der Abstecher in eine Anderswelt. Informationsangebote haben aber gedankliche Konsequenzen, und keine Möglichkeit zu sehen der Veränderungsaufforderung nachzukommen oder außen vor stehenbleiben zu müssen, ausgeschlossen zu sein, ist schmerzhaft und beunruhigend.

Eine größere Verfügbarkeit über Informationen allein schafft eben noch keine größere Möglichkeit für Handlungen. Und Präsenzveranstaltungen mit anwesenden Personen garantieren nicht, dass dies gehäuft geschieht. Das musste ich durch meine in die Vergangenheit schweifenden Gedanken überprüfen. Herausgekommen sind dabei Gefühle, keine Erkenntnisse. Die Art der Gefühle (Irritation, Unruhe, Perspektivlosigkeit, leichte Verzweiflung) hat aber danach gedrängt sich näher damit zu befassen. Die Gefühle sind die Summe der grob, und in ihrer Bedeutung weitgehend unbewusst gebliebenen, verarbeiteten Eindrücke. Hier darf es allerdings nicht stehen bleiben.

Gefühle sind gute Indikatoren und Helfer. Schaue ich jetzt auf sie, so sagen sie, gut gemacht. Du hast uns weitergeholfen. Du hast uns gezeigt was wir selbst nicht benennen können, weil wir nicht in dieser Form kommunizieren. Sie sagen auch, du darfst uns nicht allein lassen. Du musst uns ganz genau zuhören, damit wir dir helfen können und damit du uns helfen kannst. Du musst verstehen was wir sind und wie wir sprechen. Dann kannst du dein Denken einsetzten, um nachzuvollziehen wie wir uns entwickelt haben und was wir an Informationen für dich zusammentragen konnten. Und mit deinen Schlussfolgerungen kannst du uns eine neue Richtung geben. Wir können uns gegenseitig helfen.

Mein Denken hat jetzt Einfluss auf meine Gefühle genommen. Aus diffusen Ängsten ist Verstehen geworden. Mein Denken kann meinen Gefühlen gezielt andere Bilder zeigen, Alternativen entwerfen. Auf einer kleinteiligen Ebene habe ich meine Handlungskompetenz wiedergewonnen. Zumindest wird das von meinen Gefühlen so bewertet. Und das bildet nun einen Gegenpol zu den aufgetauchten Fragen des nicht zu erfüllenden Aufforderungscharakters zum Handeln, die Informationen an mich herantragen. Und damit habe ich eine bessere Basis zu erkennen, was ich eigentlich wie wahrnehme, was ich für Möglichkeiten habe und welche nicht, und wie ich aus der ganzen Situation das Beste machen kann. Denn meine Gefühle wollen eigentlich, dass es ihnen wohl ergeht. Dazu benötigen sie aber offensichtlich gelegentlich die Unterstützung durch meine Bemühungen um eine bewusste Wahrnehmung, die über Denkprozesse ermöglicht wird.

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