Bildungsmäuschen

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Verschlossene Türen

Meinen letzten Kurs über Coursera habe ich vor Weihnachten beendet und als ich jetzt die Seite wieder aufgerufen habe, hatte sich ihr Design erneut geändert. Ist immer wieder mal passiert, dieses Mal gab es aber eine Änderung, die mich betrübt. Es wurden in der Vergangenheit immer wieder Kurse angeboten, die nach kurzer Zeit keinen Zugang mehr ermöglichten, jetzt trifft das auf alle Kurse zu. Auch bei demjenigen, den ich erst kurz vor Weihnachten abgeschlossen hatte, kann ich nur noch auf Kursbeschreibung und mein Ergebnis zugreifen.

Es ist nicht so, dass ich beendete Kurse später noch besonders genutzt hätte, ein tatsächlicher Verlust besteht also nicht, trotzdem ist es ein ganz anderes Gefühl eine Kursumgebung nicht mehr besuchen zu können, von der man eine begrenzte Zeit ein Teil war, dort Spuren hinterlassen und andere wahrgenommen hat. Ich bin nur ein Gast im Haus. Ich kann das Angebot nutzen solange es mir gewährt wird, ich kann davontragen was in meine Arme passt, ich kann bei einer Wiederholung der Veranstaltung wieder teilnehmen. Ich bin aber nicht wirklich ein Teil des Ganzen. Es ist nicht wie ein Buch das ich erworben, bearbeitet und dann aufbewahrt habe, Aufzeichnungen die ich gemacht und gut gesichert habe, Beziehungen, die ich eingegangen, gefestigt und fortgeführt habe.

In der Grundschulbetreuung haben wir einen Materialschrank, den vor allem meine Kollegin nutzt. Da wir aber momentan häufig nicht so lange ins Freie können wie sonst, besteht mehr Bedarf für Aktivitäten im Innenraum. Daher brauche ich jetzt diesen Materialschrank. Nun haben mir Kinder gesagt: „Was machst du da, das ist der Schrank von C.“ Meine Kollegin und ich haben gelacht. „Nein, nein. Den dürfen alle Erwachsenen benutzen. Und uns gehört der auch nicht. Der gehört der Schule.“ Wir haben noch weiter überlegt. „Wenn er der Schule gehört, wem gehört er eigentlich?“ Eigentlich niemandem konkret, denn die Schule ist einen Institution und die Menschen, die darin arbeiten erfüllen Funktionen. Wenn man länger in einer Institution arbeitet, sieht man Menschen kommen und gehen. Die Institution scheint eine Weile ihr Besitz, aber dann sind sie fort und es wird der Besitz von anderen.

In der Betreuung haben viele Betreuerinnen ihre Spuren hinterlassen. Von den Dingen, die noch da sind, weiß ich wer was wann angeschafft und gemacht hat. Sie sind gegangen und nun scheinen es unsere Dinge zu sein. Sind sie aber nicht.

Wo besteht jetzt die Verbindung zu Coursera? Sie besteht in so etwas wie der begrenzten Nutzungsbefugnis. In der Abhängigkeit vom Willen anderer oder von den unpersönlichen Regelungen von Institutionen. Und in der geringen Wahrnehmung des persönlichen Beitrags. Alles ist sofort abgegolten. Mit dem freien Zugang zum MOOC, mit der monatlichen Gehaltsabrechnung. Doch keine Institution würde funktionieren ohne die darin arbeitenden Menschen, kein MOOC ohne Teilnehmer. Nach dem Abschluss des MOOC, nach dem Ende der Dienstzeit ist jedoch alles vergessen. Andere kommen, nutzen das Vorhandene unter Bedingungen, die nicht auf sie zurückgehen, gehen wieder, machen anderen Platz. Mir gefällt das nicht.

Mir gefällt das nicht, weil ich als Mensch anders wahrnehme. Alle meine ehemaligen Kolleginnen waren für mich wertvoll. Ich denke voll Dankbarkeit an viele Anbieter von MOOCs und die MOOC-Teilnehmer zurück. Wir haben gemeinsam etwas geschaffen. Und das was wir gemeinsam geschaffen haben, das gehört zu uns. Eine der Fensterscheiben der Schule ist mit einem Fensterbild verkleidet, das ich entworfen und mit Kindern umgesetzt habe. Die kreative Arbeit davon habe ich der Institution Schule geschenkt. Ich habe sie fortgegeben und dennoch wird sie immer zu mir gehören.

Wo liegt also das Problem? Es ist so etwas wie: wem gehören die Dinge der Welt und wie verhält es sich mit dem Recht auf die Dinge der Welt. Vor kurzem habe ich in einer scobel-Sendung den Vorschlag gehört, dass Bildung nicht der Ökonomie unterworfen werden sollte. So wie ich es verstanden habe bedeutet es, dass Bildung ein Bereich zu sein hat, in dem keine Geschäfte gemacht werden sollen. Das ist aber noch nicht weitgehend genug. Bildung ist ein Bereich in dem Menschen etwas gemeinsam schaffen. Ist ein Lehrer ohne Schüler ein Lehrer? Oder wird er erst zum Lehrer durch die Reaktion der Schüler auf sein Bemühen? Und wem gehören die im Kollektiv geschaffenen Produkte? Dem Lehrer, den Schülern, der Institution, der Gesellschaft?

Die verschlossenen Türen bei Coursera mögen triftige Gründe haben, die ich nicht kenne, da ich mich damit nicht beschäftigt habe. Ich habe mich nur damit beschäftigt wie ich mich dabei fühle. Und für mich ist hier etwas nicht stimmig. Dieser Eindruck wird Auswirkungen darauf haben wie ich weiterhin mit solchen Angeboten umgehen werde. Und es wird Auswirkungen auf meine Arbeitsmethoden dabei und auf mein Teilen haben. Wie das konkret aussehen wird, weiß ich noch nicht. Ich weiß nur, dass ich als Teilnehmerin einen Beitrag zum Ganzen leiste, genauso wie alle anderen, die in Erscheinung treten und sich bemerkbar machen. Die Position eines temporär akzeptierten Gastes, den man nicht abweist, weil man Offenheit demonstrieren will, ist aber etwas anderes.

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