Bildungsmäuschen

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Lavafeld und Schlachtfeld

Inzwischen bin ich mit der Berabeitung im vierten meiner aus der UniBib ausgeliehenen Bücher zu Emotionen angekommen. Es ist das Buch Lebenslanges Lernen und Emotionen von Wiltrud Gieseke aus dem Jahr 2007 und ich bin darin inzwischen auf etliche Perspektiven auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse getroffen, die für mich von großem Interesse sind, über die ich bisher aber nichts gelesen hatte. Im Gegensatz zu den anderen Büchern der letzten Zeit, die mir auch durch die Art ihrer Systematik ein immer komplexeres Bild zu Emotionen liefern konnten, Emotionen aber nicht wirklich in eine neue Position gesetzt haben, wagt sie es Emotionalität nicht nur als gleichwertig mit Rationalität und Emotionen untrennbar mit Kognition verbunden zu beschreiben, sondern Emotionen als wichtige Informationsquelle, emotionale Bewertungen verbunden mit emotionalen Reaktionen als schnellerem Handlungsweg als kognitive Verarbeitung und Emotionen als wesentlichen Motivator im menschlichen Leben darzustellen. Das Ganze wirkt dabei auf mich erst wie ein Denkbeginn, nicht wie etwas das schon fertig ist, und auch wenn sie sich auf ähnliche Quellen wie meine bisher gelesenen Autoren bezieht, die ein in sich stimmiges Bild daraus erschaffen konnten, wirkt ihr Text auf mich bisher holprig. Es ist als würden aus dem Gewohnten Eruptionen aufsteigen, die das Gewohnte dabei in Frage stellen und gleichzeitig unsystematisch verändern. Die Wirkung, die das Ganze auf mich hat, kann ich am besten mit dem Bild eines Lavasees beschreiben auf dem ich mich befinde. Die Erde ist aufgebrochen und das was unter der dünnen Kruste verborgen war, ist an die Oberfläche gekommen. Es ist allerdings noch keine neue tragfähige Struktur daraus entstanden.

Zur gleichen Zeit habe ich parallel auch noch einen anderen Schauplatz als Bild in meinem Kopf. Es ist ein Schlachtfeld, auf dem nach meiner Einschätzung nichts gewonnen, sondern nur verloren werden kann. Wie in der Sengoku-Zeit Japans oder im 30 jährigen Krieg. Dem Leid des Kampfes und seiner Auswirkungen auf alle Menschen steht kein zu erringender Wert gegenüber. Ich sehe momentan für niemanden eine Möglichkeit das zu stoppen, sondern kann nur versuchen mich selbst darin so gut wie möglich zu verteidigen. Da das Thema, um das es hierbei geht, zu komplex ist, um es in einigen Worten hinreichend und exakt genug zu beschreiben, nur der Hinweis, dass es sich dabei um gesellschaftlichen Bedingungen für Arbeit in einem abgegrenzten Bereich des Bildungswesens handelt.

Für mich ist dieser Kampfplatz auch nicht das Entscheidende. Ich kann es nur nicht verhindern mich immer wieder damit beschäftigen zu müssen, während ich meine Konzentration am liebsten nur ausgiebig und in aller Ruhe auf das Thema Emotionen richten möchte. Ich vermisse inzwischen auch die Zeiten in denen es möglich war, in Ruhe Tag für Tag meiner Arbeit nachzugehen ohne mich fortwährend mit der nächsten Katastrophe beschäftigen zu müssen. Das Buch von Wiltrud Gieseke stammt noch aus dieser Zeit. Bisher habe ich auch keinen Überblick über den aktuellen Stand zum Thema Emotionen in Bildungskontexten, nur den Eindruck, dass die Einbeziehung dieses Bereichs nicht wirklich zugenommen hat. In Krisenzeiten wird anscheinend eher auf noch mehr des Bewährten gesetzt oder es bleibt bei der alltäglichen Katastrophenbewältigung keine Zeit und Muße Neues zu denken und auszuprobieren. Allerdings kann da durchaus eine Verzerrung der Wahrnehmung meinerseits vorliegen, die von der Perspektive der Position bedingt wird, in der ich mich selbst in der Gesellschaft befinde. Ich habe in meinem Umfeld jedenfalls den Eindruck, die Emotionen von Lernenden, Lehrenden, Betreuenden, Pflegenden und Erziehenden stärker zu berücksichtigen wird als ein Luxus betrachtet, den sich eine Gesellschaft muss leisten können. Nicht als etwas, das bei Veränderungsprozessen hilfreiche Hinweise für die Sinnhaftigkeit und Richtung von Anpassung bietet. Der Geist der harten, unerfreulichen Arbeit als Pflichterfüllung ist nicht verklungen. Das Wohlergehen der Emotionen wird weiterhin in den Bereich der Freizeit und des Privaten verschoben. Emotionen müssen von Emotionsarbeitern zu ihren Lasten kontrolliert und vorgegeben werden, um Kunden und Herren ein angenehmes Leben zu bereiten.

Der Kampfplatz bleibt also auf der einen Seite, Gewinn auch dafür verspreche ich mir von der anderen Seite, aus der hervorquellenden Lava. Es wäre mir nur lieber, ich hätte ruhigere Zeiten. Andererseits – hätte ich mich dann auf den Weg gemacht? Wohl kaum. Es geht gesellschaftlich nach wie vor um das Umdenken. Es ist grausam wenn Veränderungsprozesse von Menschen gestaltet werden, die dafür keine Vorbildung haben und in Drucksituationen stehen. Keine Arbeitsplatzsicherheit, keine angemessene Bezahlung, keine oder nur eine mangelhafte Betreuung oder Unterstützung, Konkurrenzdruck, gegenseitiges Ausspielen, Bedrohung. Und ich kann meine Augen dabei nicht einfach verschließen oder mich auf meinen Anteil beschränken. Ich muss immer auch das große Ganze sehen und das Leid der anderen bleibt auch meine Angelegenheit.

Die Befähigung zu Empathie und Anteilnahme. Genau das finde ich in Giesekes Text als ein Kennzeichen von Bildung beschrieben. „Erst mit dem Bedürfnis, die anderen zu verstehen, die anderen zu lieben – übrigens der einzige Weg, sich zu lieben und zu verstehen -, beginnt Bildung.“ (Gieseke, 2007, S.54). (Auch wenn ich mir dafür nichts kaufen kann 🙂 und es mir oft viele Schwierigkeiten bereitet, eines ermöglicht es, und zwar die Begegnungen des Lebens intensiv zu erleben.)

Bildung und Emotionen. In einer Tradition der Gleichsetzung von Emotionalität mit Irrationalität (Gieseke, 2007, S.18), in einer Tradition der antidemokratischen Interpretation der Ideen der Aufklärung in Deutschland, die es erforderlich machten den Bildungsbegriff nach 1945 erst an die Vorgaben des Grundgesetzes und der Menschenrechte anzupassen (Gieseke, 2007, S.30), haben Emotionen den Beigeschmack des Minderwertigen noch nicht verloren. Bildung wird noch immer stärker in der Herausbildung kognitiver Fähigkeiten und der Verfügung über intellektuelle Wissensbestände verortet. Es scheint aber, dass solche Hierarchisierungen nicht mehr haltbar sind. Emotionen und Denken sind nach den Ergebnissen der Neurowissenschaften auf Engste verbunden und müssen als vernetzte Einheit begriffen werden. Aus welchem Grund sollten Emotionen also einen geringeren Wert oder einen geringeren Informationsgehalt haben? Und welche Möglichkeiten können sich ergeben, wenn Emotionen vom Bewusstsein anders als bisher begriffen werden? Und kann man unter dieser Prämisse die Emotionen von Menschen beim Lernen und bei der Arbeit noch ohne explizite Berücksichtigung lassen? Es geht dabei auch durchaus nicht nur um das Wohl und die Entwicklung jeden Einzelnen sondern auch der gesamten Gesellschaft. Und das noch nicht einmal aus idealistischen Beweggründen. Es ist einfach ziemlich unerfreulich, anstrengend und behindernd fortdauernd auf einem gesellschaftlichen Schlachtfeld zu leben und Wunden zu pflegen, vor allem wenn dabei noch nicht einmal etwas zu gewinnen ist.

Referenz:

Gieseke, W. (2007). Lebenslanges Lernen und Emotionen. Wirkungen von Emotionen auf Bildungsprozesse aus beziehungstheoretischer Sicht. Bielefeld: Bertelsmann.

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